20. November 2017

Adam Schwarz: Das Fleisch der Welt

Foto: Andrea Daniel

Niklaus von Flüe hat seine Familie verlassen, um als Eremit seinem Leben der Gottessuche zu widmen. Einige Jahre später steht er wieder vor der Tür und fordert seinen Sohn auf, ihn auf eine Pilgerreise zu begleiten. Und auch Hans verlässt, als guter Sohn, seine schwangere Frau und seine Familie und zieht mit seinem Vater los. Das Ziel ist unbekannt, Gott wird sie leiten. Niklaus von Flüe ist bekannt und sein hoher Bekanntheitsgrad sorgt dafür, dass sie oft unerwartet Zuflucht und eine warme Mahlzeit erhalten. Und nicht nur das: Wie der Rattenfänger von Hameln zieht er Menschen an, die sich der immer seltsameren Pilgergruppe anschließen: sein Mitbruder Ulrich, der Henker Gregor und das liebestolle Köhlerpaar Bertrin und Barbara ziehen mit ihnen quer durch das Westeuropa des 15. Jahrhunderts. Sie erleben Seuchen, Tod und Hungersnot und noch immer wissen sie nicht, wohin sie Gottes unbekannter Wille verschlagen wird. Als sich die Reise länger und länger zieht, fragt sich der ein oder andere, ob sie wirklich gottgeleitet sind oder doch eher der Teufel sein Verwirrspiel mit ihnen treibt. Hans sehnt sich zurück nach Hause, versucht, die Gruppe zu verlassen, und wird letztlich doch wieder auf irrwitzigen Wegen Teil von ihr.

So war das. Und so ging es weiter. Wochenlang irrten wir herum, ohne lange an einem Ort zu verweilen. Vater befahl uns, immer weiterzugehen. So zogen wir an Langres und Courban ebenso vorbei wie an Clamecy und Charost. Die Vogesen hatten wir längst hinter uns gelassen, trotzdem reisten wir weiter gen Westen. Der Hunger blieb uns dicht auf den Fersen. Einmal erwischten wir ein Karnickel. Ansonsten ernährten wir uns von Eichhörnchen und Kolkraben. Ihr habt sie wohl nie gegessen, Amgrund, aber lasst Euch gesagt sein, es sind beides Tiere mit widerlich süßem Fleisch. Keiner wollte der Erste sein, der es zugab, aber bisher fühlte sich wohl niemand geläutert. Weiter und weiter gingen wir.

Sie begegnen Tod und Teufel, Wahn und Irrwitz. Schließlich offenbart Niklaus von Flüe seinen Plan, mit unbekanntem Ziel über das Meer zu fahren. Viele Tage zieht die Gruppe ein riesiges Floß über die Lande, und schließlich sind sie dort, am Strand. Doch nicht am Ende der Reise. Sturm und Wellen trotzen sie, entkommen manchmal nur auf Haaresbreite dem sicheren Tod. Und irgendwann werden sie an einen unbekannten Strand gespült. Niklaus von Flüe – der eigentliche Entdecker Amerikas?

Niklaus von Flüe ist der Nationalheilige der Schweiz, eine historisch nachgewiesene Person. Ebenso ist die Existenz seines Sohnes Hans historisch gesichert. Niklaus von Flüe hat seine elfköpfige Familie verlassen, um Einsiedler zu werden. Nach einer Pilgerfahrt ließ er sich ganz in der Nähe seines früheren Wohnhauses in der Ranftschlucht nieder und widmete sein asketisches Leben dem Gebet und der Gottessuche. Angeblich solle er nie wieder andere Nahrung zu sich genommen haben als die heilige Hostie.

Bild: Zytglogge Verlag Basel

So weit die Fakten. Adam Schwarz führt den Leser in seinem Debütroman auf eine fantastische Reise. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, die spätmittelalterliche Welt Europas wird sinnlich beschrieben mit ihren Gerüchen, Geschmäckern, dem bunten Treiben in den Städten und den vielfältigen Menschen der Landstriche. Die Religion treibt hier seltsame Blüten, der christliche Glaube bringt so manchen zu einem ungewohnten Leben, und alles findet Platz in einem bunten Reigen. Schwarz beschreibt eine irrwitzige Reise, immer am Rande des Wahnsinns und manchmal darüber hinaus. Hans von Flüe, der seinem Vater aus Gehorsam gefolgt ist, gerät in eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit diesem. Er reibt sich an seinem Verhalten, bewundert ihn, ist entsetzt von ihm, flüchtet vor ihm. Und zunehmend wird der Sohn zu seinem Vater, nimmt seinen Platz ein. Vater und Sohn verschmelzen immer mehr miteinander, bis schließlich niemand mehr erkennen kann, wen er vor sich hat.

In ausnehmend fantasievoller Weise nimmt uns Adam Schwarz mit in eine lang zurückliegende Zeit. Nicht nur seine offenherzige Sprache, auch seine Erzählweise, die zwischen Fakten und Fiktion, Realität und Wahnsinn nicht unterscheidet, führen den Leser tief in die Welt des Europas im langsam endenden Mittelalters am Beginn einer Zeit der Entdeckungen und Erforschungen. Selten ist mir bisher ein Buch begegnet, das dies auch sprachlich so radikal nachzeichnet wie Schwarz dies tut. Wenn man sich darauf einlässt, erlebt man eine Geschichte, die so lebendig und sprudelnd ist, das man meint, mittendrin zu sein. Ein ungewöhnlicher und außerordentlicher Roman, den man genießen kann wie eine sinnliche Reise ins Unbekannte!

 

Adam Schwarz: Das Fleisch der Welt oder die Entdeckung Amerikas durch Niklaus von Flüe

Zytglogge Verlag Basel

267 Seiten

ISBN: 978-3-7296-0957-0

Über Andrea Daniel 55 Artikel

Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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