19. August 2017

Alexander von Humboldt „Ansichten der Natur“

Die Kukulcan-Pyramide in Chichen Itza war eine Station auf Humboldts Amerikareise (Foto: Andrea Daniel)

Es ist so weit: Im Humboldt-Leseprojekt habe ich meine erste Originallektüre gelesen. Und habe mich damit einer großen Herausforderung gestellt, der ich mich anfangs auch gar nicht so recht gewachsen fühlte. Deswegen möchte ich gerne beginnen mit einem Dank an Birgit Böllinger (Blog: Sätze & Schätze), die mich ermutigt hat, das Werk im Original zu lesen. Nach der – gekürzten – Ausgabe aus dem Reclam-Verlag habe ich somit auch noch die Ausgabe der „Anderen Bibliothek“ gekauft, die neben dem Inhalt auch sechs Farbtafeln nach Skizzen von Alexander von Humboldt eingefügt hat. So viel schon vorweg: Es hat sich gelohnt.

Alexander von Humboldts „Ansichten der Natur“ gilt als eins seiner wichtigsten Werke. 1808 erschien die erste Ausgabe, die 1826 um zwei Essays ergänzt wurde. 1849 überarbeitete Humboldt sein Werk nochmals und ergänzte und ersetzte hierbei Teile seiner wissenschaftlichen Erläuterungen. Erkennbar fließen hier nicht nur neuere Erkenntnisse, sondern auch die Einflüsse seiner Russlandreise von 1829 mit ein.

Foto: Andrea Daniel

Der Text selbst ist eine Sammlung von Essays. Humboldt beschreibt seine Zielsetzung folgendermaßen:

Überblick der Natur im großen, Beweis von dem Zusammenwirken der Kräfte, Erneuerung des Genusses, welchen die unmittelbare Ansicht der Tropenländer dem fühlenden Menschen gewährt: sind die Zwecke, nach denen ich strebe. (Vorwort zur ersten Ausgabe)

Die ursprünglich fünf, 1826 auf sieben erweiterten „Naturgemälde“ beinhalten die Auswertungen von Humboldts Beobachtungen und Erkenntnissen während seiner Amerikareise von 1799 – 1804. Es sind Ausführungen zu geologischen, zoologischen, astronomischen, botanischen, sprachwissenschaftlichen und ethnologischen Themen. Eine besondere Stellung nimmt hierbei der 6. Essay ein, der in der Erzählung „Die Lebenskraft oder der rhodische Genius“ Bezug nimmt auf Schillers „Horen“ von 1795. Diese philosophische Abhandlung ist außerdem die einzige, die bereits vor der Amerikareise entstanden ist, alle weiteren Essays hat Humboldt während bzw. nach der Reise geschrieben.

Das Werk selbst ist lesetechnisch eine Herausforderung: Humboldt arbeitet mit zahlreichen Anmerkungen, Erläuterungen und Zusätzen, die im Anschluss an jedem Essay zu finden sind. Sie machen insgesamt zwei Drittel des Werkes aus, sodass ich mich zu Beginn fragen musste: Wie lese ich es? Wenn Humboldt mitten im Satz eine Fußnote macht, kann es schon mal passieren, dass diese Erläuterung wiederum 12 Seiten umfasst! Eine schwierige Frage, die, zusammen mit der Frage nach der Richtigkeit von Humboldts wissenschaftlichen Schlussfolgerungen den Reclam-Verlag dazu bewegt hat, auf einen Großteil der Anmerkungen zu verzichten:

Die „Erläuterungen und Zusätze“ hingegen, die im Original im wesentlich kleineren Druck etwa 2/3 des Werkes umfassen, berichten über eine Riesenfülle von Tatsachen, die nach dem Wissenschaftsstand jener Zeit die Naturgemälde nur „erläutern“, aber keineswegs begründen. Alle diese Tatsachen müßten mit den Methoden moderner wissenschaftlicher Forschung überprüft werden, um auch heute noch als gültig angenommen zu werden. Sehr viele von ihnen würden diese Nachprüfung nicht bestehen. (Reclam-Verlag, Ausgabe 2015, S. 6)

Dies ist ein wichtiger Hinweis auf eine mögliche Herangehensweise an Humboldts Werk, der mich jedoch ermutigt hat, das Original mit den vollständigen Verweisen und Erläuterungen chronologisch zu lesen. Der Vorteil ist, dass die Verweise mit kurzen Zitaten auf ihren Kontext beginnen, sodass man an den Zusammenhang erinnert wird.

Und noch ein Hinweis verbirgt sich in dieser Anmerkung: Es geht nicht um ein wissenschaftliches Werk, das zum rationalen Erkenntnisgewinn von Fakten herangezogen werden sollte. Vielmehr stellt Humboldts „Ansichten der Natur“ einen wunderbaren Einblick in seine Philosophie, Geisteshaltung und Weltsicht dar. Humboldt hat während seiner Reisen Unmengen von Daten erhoben, oft hat er seine Mitreisenden genervt mit seinem Drang, Details genauestens zu erfassen, alles zu vermessen. Wo er einerseits detailversessen alles genau wissen möchte, ist er andererseits ein Denker großer Zusammenhänge. Das zeigt sich in seinen eigenen Darstellungen, in denen er die einzelnen Fachgebiete miteinander in Zusammenhang bringt, beispielsweise in denen er die Einflüsse geografischer Besonderheiten, des Wetters und der Höhenlage auf die Morphologie der Pflanzen aufzeigt oder darauf verweist, wie der Mensch Einfluss nimmt auf Flora und Fauna (so vertritt er die Theorie, dass durch den Sklavenhandel die afrikanische Banane nach Amerika importiert wurde). Das zeigt sich aber auch darin, dass er sich selbst in einem Netzwerk der Wissenschaftler eingebunden empfindet. Sein Werk ist durchzogen mit Verweisen auf die Arbeiten anderer Wissenschaftler. So erweitert er seine Erkenntnisse um das, was andere Forscher dort entdeckt haben, wohin er selbst nicht reisen konnte. Er nimmt aber auch kritisch Stellung zu den Ergebnissen seiner „Kollegen“, bewertet ihre Theorien oder untermauert damit seine eigenen. In den späteren Überarbeitungen seiner Ausgaben verweist er des Weiteren darauf, inwieweit er selbst Einfluss genommen hat auf die Theoriebildung anderer Wissenschaftler wie z.B. Charles Darwin (einen lesenswerten Einblick, weit über Humboldts Kenntnisstand hinaus, in diese Zusammenhänge gibt auch Andrea Wulf in „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“). Alexander von Humboldt mutet seinen Lesern auch durchaus lange Zitate aus den Werken anderer Wissenschaftler in spanisch, französisch, englisch oder lateinisch zu.

Unverkennbar ist auch der Einfluss von Humboldts jahrzehntelange Freundschaft zu Johann Wolfgang von Goethe und ihren Auseinandersetzungen und Diskussionen. Dies zeigt sich v.a. in dem sechsten, erst in der 2. Auflage eingefügten Essay mit Bezug auf die Erzählung „Die Lebenskraft oder der rhodische Genius“, in dem sich Humboldts Zwiespalt zwischen den wissenschaftlichen Strömungen seiner Zeit widerspiegelt: Einerseits die Vertreter eines rein mechanistischen Weltbildes, andererseits die Vertreter des Vitalismus, die eine Lebenskraft als treibende Kraft als eigenständiges Prinzip annehmen. Gerade in der Auseinandersetzung mit Goethe findet Humboldt schließlich zu einer Synthese, die wir heute als holistisch oder systemisch bezeichnen: die Erkenntnis, dass die Natur eine Einheit ist, dass die unterschiedlichen Teile der Natur Einfluss aufeinander nehmen, dass belebte und unbelebte Materie komplex miteinander verbunden sind.

Auch daraus leitet Humboldt sein Bild von dem Menschen ab. Mitnichten können Erkenntnisse rein vernunftgesteuert gewonnen werden. Genau so entscheidend sind seine Sinneseindrücke, seine Gefühle, seine seelischen Vorgänge. So enthalten die „Ansichten der Natur“ immer wieder fast schon poetische Schilderungen seiner Naturbeobachtungen, aber auch der rationalen Auseinandersetzung damit:

Noch gegenwärtig ruft oft nächtliche Täuschung diese Bilder der Vorzeit zurück. Wenn im raschen Aufsteigen und Niedersinken die leitenden Gestirne den Saum der Ebene erleuchten; oder wenn sie zitternd ihr Bild verdoppeln in der untern Schicht der wogenden Dünste: glaubt man den küstenlosen Ozean vor sich zu sehen. Wie dieser, erfüllt die Steppe das Gemüth mit dem Gefühl der Unendlichkeit, und durch dieses Gefühl, wie den sinnlichen Eindrücken des Raumes sich entwinden, mit geistigen Anregungen höherer Ordnung. Aber freundlich zugleich ist der Anblick des klaren Meeresspiegels, in welchem die leichtbewegliche, sanft aufschäumende Welle sich kräuselt; todt und starr liegt die Steppe hingestreckt wie die nackte Felsrinde eines verödeten Planeten.

Humboldt formuliert einen klaren Anspruch an den Menschen, sich durch Beobachtung, Erkenntnisgewinn und Reflexion seelischer Vorgänge selbst zu bilden. Er verweist auch auf die Gefahren des Nicht-Gelingens, dem zerstörerisches Potential innewohnt – die Aktualität dieser Aussage ist nicht zu übersehen.

Die Komplexität, die die gesamten „Ansichten der Natur“ durchzieht und sich auch in der Struktur seiner Darstellung durch die zahlreichen Verweise zeigt – heute würde man wohl Verlinkungen verwenden – setzt den Leser einer besonderen geistigen Herausforderung aus. Das habe nicht nur ich so empfunden. In der „Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung“ findet sich am 15. April 1809 eine Rezension des Werkes, in denen der Rezensent ebensolche Schwierigkeiten empfindet:

[…] und wir würden ein Buch schreiben müssen, um dieses vorliegende Buch genau zu würdigen.“ (zitiert aus den digitalisierten Dokumenten der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek)

Nicht nur das: Es wird massiv in Frage gestellt, ob Humboldts wissenschaftliche Erkenntnisse eine fundierte Grundlage haben, die Rezension entwickelt sich fast zu einem Verriss:

Rec. zweifelt, daßs des Vfs. Ansichten je irgend einen Grad von Allgemeinheit erlangen werden, und glaubt, daßs auch in der That die Wissenschaft eben nichts verlieren dürfte, wenn diese neue Bearbeitung derselben nicht anerkannt wird. Das ewige Kleben an der Form stumpft den Geist ab; und was wird damit gewonnen, wenn nun die Verschiedenheiten der äußseren Gestalt bis in ihre kleinsten Zufälligkeiten verfolgt und geordnet  sind? (ebd.)

In letzterem irrt der Rezensent, gerade die korrekte und detailgetreue Darstellung der Morphologie von Flora und Fauna werden wegweisend für die Evolutionstheorie. Dennoch verweist er zu Recht auf die Fragestellung, inwieweit Humboldts Theorienbildung wirklichkeitsgetreu ist. Und auch, wenn die rezensierte Auflage in den folgenden Jahrzehnten von Humboldt noch zwei Mal überarbeitet und aktualisiert wird, ist dies genau der Kritikpunkt, den auch der Reclamverlag aufführt, wenn er den Wegfall der Anmerkungen und Ergänzungen begründet. Mit nur wenigen Vorkenntnissen in den einzelnen wissenschaftlichen Gebieten lassen sich aus heutiger Sicht schnell Mythen und wissenschaftliche Sackgassen identifizieren.

Ebenfalls zu Recht wird die Schwierigkeit der Lektüre dargestellt, genau hiermit hatte ich auch anfänglich zu kämpfen. Aber wie bereits dargestellt: Man sollte sich lösen von dem ebenfalls durch die aktuelle Epoche geprägten Blick. Dann dringt man durch zu dem, was Humboldt darstellen möchte und zu dem, was Humboldt ausmacht. Hier konnte der Jenaer Rezensent nicht das erfassen, was mich so begeistert hat: dass unter all dem Komplexen, dem Wirrwarr an dargestellten Inhalten und deren Querverbindungen genau das hervorblitzt, was Alexander von Humboldt ausmacht. Humboldt verfasst eine wissenschaftliche Abhandlung auf Grundlage des damaligen aktuellen Forschungsstand und entwickelt davon ausgehend seine Theorienbildung. Er beschreibt darüber hinaus seine Sicht auf die Welt und auf den Menschen. Er vertritt eine zutiefst humanistische und humane Sichtweise, die den Menschen nicht reduziert auf seine Ratio, sondern sein Gesamtsein anerkennt und würdigt. Keine Biographie, kein Fachbuch „über“ Alexander von Humboldt hat mir bisher sein Denken und seine Weltsicht so nahe gebracht, so unmittelbar vorgestellt wie die Lektüre der „Ansichten der Natur“. Darüber hinaus schreibt Humboldt elegant, seine sprachlichen Wendungen sind an vielen Stellen ein Hochgenuss. Sich der Lese-Herausforderung zu stellen wird belohnt mit einem Einblick in einen faszinierenden Menschen, dessen Ideen, unabhängig von einem „Fakten-Check“, auch heute noch eine Gültigkeit haben und einen Anspruch darstellen, die für die Bewältigung globaler Probleme einen hilfreichen Ansatz bieten können.

 

Alexander von Humboldt: Ansichten der Natur

Die andere Bibliothek 2004 (vergriffen)

506 Seiten

ISBN: 3-8218-4741-7

 

Verlag Reclam 2015

173 Seiten

ISBN: 978-3-15-002948-0

 

Über Andrea Daniel 48 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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