22. September 2017

Das Humboldt-Leseprojekt: Zwischenstand und Neuzugänge

Foto: Andrea Daniel

Im Oktober 2016 startete das Humboldt-Leseprojekt. Ein zufälliger Bücherfund stachelte meine Neugierde an, mehr über die Humboldt-Brüder zu erfahren, die so verschieden waren und dennoch so viel gemeinsam hatten. Zwei Brüder, geprägt von dem Geist der Aufklärung und im Kontakt mit Philosophen, Dichtern, Wissenschaftlern und Künstlern von Weltrang gingen unterschiedliche Wege, aber profitierten voneinander, blieben zeitlebens einander verbunden.

Inzwischen habe ich drei von vier der ursprünglich im Projekt aufgenommenen Bücher gelesen und vorgestellt. Das vierte, Michael Maurers Biographie über Wilhelm von Humboldt, habe ich angefangen – und als erstes Buch der Lesereihe vorerst wieder zur Seite gelegt. Während ich die anderen drei Bücher zwar mit Konzentration, aber großem Vergnügen zügig durchlesen konnte, fiel mir dies bei Maurers Biographie tatsächlich sehr schwer. Maurer, als Kulturhistoriker, schreibt in einer Sprache, die zu verstehen mich anstrengt. Und da gerade der berufliche Alltag anstrengend genug war, reichten meine Kapazitäten nicht aus, mich auf dieses Werk vertieft einzulassen. Ich gebe es allerdings nicht auf, werde jedoch auf einen Zeitpunkt warten, in dem es einfacher für mich ist.

So kam es dazu, dass mein bisheriges Leseprojekt ein wenig „Alexander-lastig“ war. Zugegebenermaßen liegt mir dies durchaus. Alexander von Humboldt vertritt vieles, was mich anspricht: seine Reiselust, seine vielfältigen Interessen, jedoch mit einem Schwerpunkt auf Naturwissenschaften, seine teilweise unkonventionelle Lebensweise. Dadurch hat er ganz unterschiedliche Menschen angesprochen, sein Werk war wichtige Grundlage z.B. für Charles Darwin, er inspirierte aber auch Dichter wie Thoreau und Emerson. Das wiederum hat mich veranlasst, mit einem ganz anderen Blick auf die Werke zu schauen, die ich zukünftig lesen möchte. Thoreaus „Walden“ habe ich zuletzt gelesen kurz nachdem der Film „Der Club der toten Dichter“ in den Kinos lief und mich tief beeindruckte. Das ist mehr als ein Vierteljahrhundert her – es lohnt sich sicher, es jetzt, mit wahrscheinlich einer anderen Einstellung, noch einmal zu lesen. Ebenso ist Charles Darwins „Die Fahrt der Beagle“ fest im Blick, zumal eine Reise nach Ecuador einschließlich eines Abstechers zu den Galapagos-Inseln zu meinen Reisezielen der nächsten Jahre gehört. Und das ist wohl etwas, was ich schon jetzt aus dem Humboldt-Leseprojekt als Gewinn erachte: In ihrer Neugierde auf die Welt, in ihrem genauen Hinschauen und gleichzeitig in ihrer Offenheit für das Große und Ganze vermitteln die Humboldt-Brüder eine Sichtweise auf die Welt, die vielfältig und spannend, voller Achtung und Verantwortungsgefühl sowohl für die bewegte als auch die unbewegte Natur ist. Sie sehen den Menschen im Ganzen, weder reduziert auf sein geistiges Wirken noch in einer Vormachtstellung in der Welt – zwei Männer, die zeit ihres Lebens neugierig waren und blieben. Sie waren Vordenker und Vorreiter, ihre Vernetzung im Denken, aber auch in ihrer Kommunikation mit anderen Wissenschaftlern, Dichtern und Denkern ist geradezu notwendiges Vorbild von großer Aktualität in unserer heutigen globalisierten Welt. Und was für ein vernetztes Denken und Handeln global gilt, gilt wiederum im Kleinen für jeden Einzelnen und seine Sichtweise.

Zurück zum Leseprojekt: Ich wollte mich mit beiden Humboldt-Brüdern beschäftigen. Und im Laufe der letzten Wochen sind ein paar Neuzugänge zu dem Projekt hinzu gekommen, bei denen ich mich bewusst entschieden habe, dem stilleren, weniger im Focus stehenden der beiden Brüder, Wilhelm von Humboldt, ein wenig mehr Raum zu geben:

33363613z1Lothar Gall ist Historiker und hat in „Wilhelm von Humboldt – Ein Preuße von Welt“ eine Biographie von Wilhelm von Humboldt vorgestellt, der diesen eingebunden in seine Zeit betrachtet. Die neuen Werte der Französischen Revolution weckten viel Hoffnung in dem von Aufklärung und Humanismus geprägten Mann, die wieder erschüttert wurde durch die Napoleonischen Kriege, deren Ende letztlich zu einer Neuordnung Europas führte, an der Wilhelm von Humboldt als preußischer Politiker beteiligt war. Als Reformer des Schul- und Hochschulwesens hat er jedoch bis heute großen Einfluss genommen auf die Bildung, deren Ziel ihm zufolge ist, einen Menschen zu einem kritischen Denker zu befähigen, der sich im Sinne Kants seines eigenen Verstandes bedient.

sam_2045Etwas mehr dem Privatmenschen Wilhelm von Humboldt widmet sich die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Hazel Rosenstrauch in „Wahlverwandt und ebenbürtig“. Wilhelm war von seiner Frau Caroline von Dacheröden häufig getrennt, sodass im Laufe ihrer Ehe zahlreiche Briefe zwischen ihnen hin und her gingen. Anhand dieses Briefwechsels zeigt Rosenstrauch auf, wie die Eheleute einander auf Augenhöhe begegneten, stets auch freundschaftlich miteinander verbunden waren und wie ihre Ehe weniger von gesellschaftlichen Vorgaben als eben von dieser Verbundenheit getragen war. Die Besprechung des Buches findet sich hier.

 

holl-einborn11Nun, so ganz ohne Alexander von Humboldt geht es nicht. Ich habe mich sehr gefreut, dass es auf meine Bitte, mir gern Literaturhinweise zukommen zu lassen, einige Reaktionen gab. Jochen Kienbaum, der sich in seinem Blog lustauflesen ebenfalls mit Humboldt beschäftigt hatte, empfahl mir als weiteres Werk „Alexander von Humboldt – Mein vielbewegtes Leben“. Der Herausgeber Frank Holl ist Literaturwissenschaftler und Historiker und stellt in diesem Buch Alexander von Humboldt anhand zahlreicher seiner Schriften, Briefe und Reisetagebücher vor. Dieses Buch hat das Format eines Schulatlasses und ist mit zahlreichen Zeichnungen und Illustrationen versehen – schon das Durchblättern macht große Freude.

978-3-15-002948-01Sowohl Jochen Kienbaum als auch Birgit Böllinger mit ihrem Blog Sätze&Schätze haben mich dazu ermutigt, mich den Originalwerken Alexander von Humboldts zuzuwenden.

Nach seiner fünfjährigen Reise durch Süd-, Mittel- und Nordamerika verfasst Alexander von Humboldt eine Reihe von Aufsätzen, in denen er eine erste Auswertung seiner Forschungen vornimmt. Diese sind  in seinem Werk „Die Ansichten der Natur“ zusammengefasst. Die Reclamausgabe ist zwar visuell nicht  spektakulär, dafür aber unschlagbar günstig. Birgit, lieben Dank für den Hinweis!

Der „Kosmos“ von Alexander von Humboldt ist sein Lebenswerk, in dem Humboldt seine Forschungen und Schlussfolgerungen im Gesamten darstellt. Ursprünglich wurde der „Kosmos“ in fünf Einzelbänden herausgegeben, die Humboldt zwischen 1845 und 1862 veröffentlichte. Den letzten Band konnte er nicht mehr beenden.

652_01Jochen Kienbaum empfahl eine Gesamtausgabe des „Kosmos“ des Verlags „Die andere Bibliothek“, den wir übrigens auch auf der Frankfurter Buchmesse kennen gelernt haben. Neben dem kommentierten Werk ist hierbei noch ein Katalog von Humboldts Karten, Zeichnungen und Illustrationen beigefügt. Ich habe in Anbetracht des Preises zunächst gezögert, bis mein Mann mit einem einfachen „Kriegste zum Hochzeitstag“ das Ganze entschied und am nächsten Tag bei seiner Lieblingsbuchhandlung diese Ausgabe bestellte. Als ich sie eine Woche später in den Händen hielt, musste ich Jochen Kienbaum eindeutig Recht geben. Sie ist wunderschön, das große Format, der Stoffeinband und der schöne Schuber sind schon für sich ein Hingucker. Andächtig freue ich mich jetzt schon auf das Lesen.

 

Nun ja, ähnlich wie Alexander von Humboldt ist das Lesen die eine Sache, das Entdecken eine andere. Und so war es ebenfalls ein schöner Zufall, von der Ausstellung „Extreme! Natur und Kultur am Humboldtstrom“ der Humboldt Forum Kultur GmbH zu erfahren. Das Humboldt-Leseprojekt geht quasi auf Exkursion, Ende Januar verbringen wir ein verlängertes Wochenende in Berlin, u.a. um diese Ausstellung zu besuchen. An dieser Stelle mal ein herzliches „Dankeschön!“ an meinem Mann, der nicht zum ersten Mal meine „anlassbezogenen“ Reisewünsche mitträgt!

Ich habe nicht damit gerechnet, dass mich dieses Leseprojekt so bereichert. Die Beschäftigung mit den Humboldt-Brüdern vermittelt nicht nur Informationen über ihr Leben, ihre Zeit, ihr Wirken, es regt auch dazu an, selber „anders“ zu denken, über den Horizont bisheriger Weltbilder hinaus zu gehen, sich mit neuen Themen auseinander zu setzen – kurz: auf eigene innere (und eben auch äußere) Reisen zu gehen und Denken und Weltsicht zu erweitern.

 

Ich werde hier im Blog weiterhin über die Lektüre der Bücher des Humboldt-Leseprojekts berichten. Auch weiterhin ist es nicht mein Ziel, so schnell wie möglich alles gelesen zu haben. Dazu warten auch zu viele andere lesenswerte Bücher auf mich und es tut manchmal auch gut, etwas Zeit zwischen den einzelnen Werken vergehen zu lassen, es „sacken zu lassen“. Ich freue mich aber auch weiterhin über Anregungen und Hinweise – wer also noch Tipps hat, kann sich gerne an uns wenden! Und ganz lieben Dank an alle, die dies bereits getan haben!

 

Über Andrea Daniel 51 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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