23. Juli 2017

David Eagleman – The Brain, Die Geschichte von dir

David Eagleman

Wussten Sie, dass bei Taxifahrern der Bereich des Gehirns, der für das räumliche Gedächtnis zuständig ist, mit zunehmender Berufserfahrung wächst? Nein? Ist aber so. Und ist ja auch logisch. Muskeln, die trainiert werden, wachsen auch.

Der (in einschlägigen Kreisen sehr anerkannte) Neurowissenschaftler David Eagleman hat ein Buch über das Gehirn, seine Bedeutung, seine Leistungsfähigkeit und viele Abläufe, die sich in Gehirnen abspielen, geschrieben. Und das hat er richtig gut gemacht.

Ausgehend von den Leitfragen der Menschheit (Wer ist das Gehirn – Wer sind wir? Wo sind die für was wichtigen Bereiche? Wie arbeitet es? Was passiert im Gehirn? Warum passiert was?) wird uns unser unsichtbarer Partner, Freund, und Lenker vorgestellt: Das Gehirn.

Das Gehirn ist ein Bündel aus Nervenzellen und Synapsenknoten, deren Anzahl unser Vorstellungsvermögen weit übersteigt. Dieses übergroße Nerven – Netzwerk steuert unsere Gefühle und unser Verhalten durch Signale, die mit Höchstgeschwindigkeit durch das Gehirn geschossen werden.

Während immer mal wieder darüber gestritten wird, wann Menschen geschäftsfähig, also erwachsen sind, geht die Neurowissenschaft davon aus, dass das Gehirn des Menschen mit etwa 25 Jahren ausgereift ist. Damit ist die Zeit der Veränderungen im Gehirn aber nicht vorbei. Das Gehirn verändert sich permanent. Sämtliche neue Erfahrungen werden immer wieder neu eingearbeitet. Das Gehirn ist eine komplexe Hochleistungsmaschine, die gefordert werden muss. Wenn diese Maschine sich nicht bewegt, rostet sie ein. Für das Gehirn gilt: Stillstand ist Rückschritt. Dadurch, dass das Gehirn ständig arbeitet, entwickelt sich mit ihm unsere Persönlichkeit ebenfalls stetig weiter. Im Grunde wird der Datenspeicher des Gehirns also ständig neu beschrieben und alte Datensätze werden ständig überschrieben.

Mir hat es sehr geholfen, dass Eagleman sehr verständlich schreibt. Ich habe hier keinen medizinischen Unterrichtsstoff aufgenommen, sondern ein populärwissenschaftliches Buch gelesen. Dass Eagleman aber etwas von der Wissensvermittlung versteht, erkannte ich nicht nur an dem guten und verständlichen Text. Eagleman baut immer wieder Abschnitte ein, in denen er Textteile neu zusammenfasst und kurze Resümees zieht. Den Text unterbricht er mit zahlreichen Bebilderungen, die hilfreich für das Verständnis sind.

Mich hat besonders fasziniert, dass unser jeweiliges Gehirn eine jeweilige Lebenswirklichkeit erstellt. Eagleman beschreibt unsere Welt als durchflirrt von Molekülen, sich verändernden Luftdrücken und elektrischen Impulsen. Diese Sinneseindrücke wandelt unser Gehirn dann um in Farben, Gerüche, Töne und Geschmäcker. Es ist also kein Wunder, dass ich Farben ganz anders bezeichne, als Menschen in meinem Umfeld.

Wenn es allerdings so ist, dass jedes Gehirn eine andere Umwelt schafft, wo sind dann die Grenzen zwischen Bewusstsein und Nicht- oder Unterbewusstsein? Eagleman benennt Ergebnisse von Studien und Experimenten. Dabei arbeitet er das Thema der Manipulation sehr raumgreifend auf. Und sorgt für Staunen, Wundern und zeitweises Erschrecken.

Eagleman macht deutlich, dass der Mensch trotz der Beherrschung vieler Techniken ein soziales Wesen ist, das durch die soziale Interaktion zu dem wird, wer/was/wie er ist. Im Guten (Mitleid, positiv verstärktes soziales Handeln) wie im Bösen (Krieg und Mord) sind wir in unserer Menschwerdung von der Interaktion mit der Welt und den Menschen abhängig und lernfähig.

Die Überlegungen, wie unsere Hirne „optimiert“ werden können, welche technischen Kunststücke möglicherweise schon bald dazu verwendet werden können beschreibt Eagleman mit der Begeisterung des Forschers. An manchen Stellen fehlte mir die normative (Selbst-) Kritik.

Dennoch – Eagleman begeistert, fasziniert und öffnet Welten und Möglichkeiten, von denen ich nicht dachte, dass sie (schon) denkenswert sind. Die Beschreibungen dessen wie Hirn funktioniert, was schon bekannt ist und was man genau wegen der Bekanntheit des Einen vom Anderen noch nicht weiß, macht The Brain von Eagleman zu einem überaus lesenswerten Buch.

David Eaglemann

Übersetzung von Jürgen Neubauer

The Brain

Pantheon Verlag

ISBN: 978-3-570-55288-9

 

 

Über Klaus Daniel 138 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.

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