21. Juni 2018

Die Detektive – Philip Kerr, Friedrich, Emil, Kästner und der kleine Dienstag,

Detektiv
Friedrich

In meiner TV – bewegten Kindheit habe ich in den Sommerferien nicht so viel fern gesehen. Es hieß meist „Kinder geht raus – spielen.“ Und – ich bin Teil der Babyboomergeneration, es waren immer viele Kinder draußen.

Dennoch sahen wir gerne fern. Es gab zwei, später drei Programme und die Auswahl war nicht groß. Vielleicht deswegen, vermutlich aber aus ganz anderen Gründen, sind mir die Geschichten, die ich von Erich Kästner gesehen habe, in besonderer Erinnerung geblieben: Das doppelte Lottchen, Das fliegende Klassenzimmer und natürlich – äh nein, nicht Emil und die Detektive, sondern Drei Männer im Schnee.

Emil las ich, als ich zum Lesen gekommen war. Wie das passiert ist, erzähle ich hier und hier. Emil begegnete mir immer wieder. In unterschiedlichen Lesealtern, in der Schule und in der Fachschule für Sozialpädagogik.

Und für die, die denken, „Jaaa, habe ich schon gelesen, aber wie war das nochmal?“

Emil und die Detektive

Emil Tischbein und seine Mutter leben in ärmlichen Verhältnissen in Neustadt, einem kleinen Ort. Mutter Tischbein arbeitet den ganzen Tag in ihrem eigenen Friseursalon im eigenen Haushalt. Emil ist ungeheuer hilfsbereit und überhaupt ein total lieber Junge. In den Ferien soll Emil seine Tante und Oma in Berlin besuchen und sich erholen und mal etwas ganz anderes erleben als im dörflichen Neustadt.

Als Emil, der im Zug eingeschlafen war, wieder aufwacht, findet er heraus, dass Taschen- und Verpflegungsgeld, das die Mutter eigens angespart hat, gestohlen wurde. Der Schuldige ist sicher sein Mitreisender, Herr Grundeis, der Mann mit dem steifen Hut, der mit Emil bis zuletzt im Abteil saß. Ohne zu zögern und darüber nachzudenken, dass sich seine Oma und Tante große Sorgen machen werden, verfolgt Emil den Dieb. Bei seiner Verfolgungsjagd erhält Emil unverhoffte Hilfe von echten großstädtischen Berliner Jungs, die mit Emil nun ein großes Abenteuer erleben werden.

In diese Geschichte ist viel verpackt. Mir als Junge war natürlich die Detektivgeschichte wichtig – und die Kameradschaft der Kinder, die total witzige Lösungen für die Probleme, denen sie begegnen, finden. Als Leser fand und finde ich die Art, wie Erich Kästner den Lesenden direkt anspricht, ungemein persönlich, es war, als wenn dieses Buch tatsächlich für mich geschrieben worden wäre. Und als Erzieher lernte ich dann etwas über das Erleben von Selbstwirksamkeit (ich kann durch mein Handeln etwas erreichen) in den Kinderbüchern von Erich Kästner.

Friedrich der große Detektiv

Wie dem auch sei, im vergangenen Jahr erschien Friedrich der große Detektiv von Philip Kerr im rowohlt rotfuchs Verlag. Schon das Cover erinnert absolut an die typischen Kästner – Buchcover meiner Kindheit und das ist natürlich gewollt.

Friedrich wird in dem Buch nicht nur ein großer Detektiv werden, sondern er ist von vorneherein ein großer Erich Kästner Fan. Über die Zeit, in der Friedrich Erich Kästner treffen wird, muss gar nicht nachgegrübelt werden, auf dem Cover sind zwei Hakenkreuze angedeutet. Es ist ein Kinderbuch, in dem es um den Nationalsozialismus geht.

Friedrich ist ein Nachbar von Erich Kästner. So sehr Friedrich Kästner und vor allem seine signierte Ausgabe von Emil und die Detektive liebt, so sehr liebt Friedrichs Bruder den Nationalsozialismus. Es entbrennt kein Bruderstreit, denn Rolf ist älter und stärker und setzt sich gegen Emil durch, als es … ich will nicht vorgreifen.

Kerr beschreibt, wie die politische Demarkationslinie des rechten Populismus die Familie von Friedrich trennt und das so realistisch, dass sich jede*r vorstellen kann, dass dies in vielen anderen Familien ähnlich passiert sein muss. Friedrich hat sich in seinen jungen Jahren schon einen Namen bei der Berliner Polizei gemacht: Zusammen mit seinen Freunden Albert und Viktoria hat Friedrich schon häufiger Fundsachen abgegeben und gezeigt, dass er außerordentlich aufmerksam ist. Die Geschichte nimmt für Friedrich und seine Freunde an Brisanz zu, als sie von einem Polizisten, der den Nazis nahe steht, aufgefordert werden, den von ihnen bewunderten Erich Kästner zu beobachten, weil dieser ein Spion sei.

Kerr stellt in seiner Geschichte Erich Kästner und die Menschen in seinem Umfeld ebenso vor, wie die Zeit in Berlin ab 1933. Friedrich beschattet Kästner und kommt mit Ihm ins Gespräch und erlebt Kästners Freunde. Da Friedrich sehr klug ist, erkennt er, dass nicht Kästner zu den Bösen gehört, und  durch seine Erlebnisse werden dem Lesenden nachhaltige Eindrücke vermittelt.

„Man kann vielleicht ein Buch verbrennen, aber niemals einen Gedanken.“ (Vater zu Friedrich)

Zum Zusammenstoß zwischen den Brüdern Friedrich und Rolf kommt es am Tage der Bücherverbrennung. Rolf kennt Friedrichs Lieblingsbuch und verlangt seine Herausgabe, um es am Abend auf die Scheiterhaufen der Nationalsozialistischen Bücherverbrennung zu werfen.

Philip Kerr gelingt ein sehr realistischer Blick in die Geschichte. Denn er versteht es, reales Geschehen mit Fiktion zu verbinden. Friedrich setzt sich bei seinem Vater mit dem Wunsch durch, zur Verbrennung zu gehen. Er ist sich sicher, dass an diesem Abend ein denkwürdiges Ereignis stattfinden wird. Und so ist es. Kerr lässt Friedrich dabei sein, als Kästner (der tatsächlich dabei war) der Verbrennung seiner eigenen Bücher zusieht. Als Kästner erkannt wird, zieht er sich zurück, in der Sorge, dass Schlimmeres passieren könnte (auch das ist tatsächlich passiert).

Friedrich ist ein Jugendlicher seiner Zeit. Er muss sich den Bedingungen seiner Lebensrealität stellen. Diese besteht darin, dass die Nazis die Macht in Deutschland übernehmen, dass Unmenschlichkeit und Angst die Herrschaft übernehmen und ein Krieg heraufzieht, in dem unfassbar viele Menschen sterben werden.

Friedrich lernt, dass seiner Selbstwirksamkeit enge Grenzen gesetzt werden.

Philip Kerr hatte verschiedene Motive, dieses Buch zu schreiben. Ein Interview gibt es hier. Friedrich, der große Detektiv, spielt ca. 10 Jahre später als Emil und die Detektive, Friedrich wurde allerdings fast neunzig Jahre später als Emil geschrieben. Kerr verwendet eine moderne Sprache, um die Welt von 1933 zu beschreiben. Er beschreibt ausführlich und ohne Hast. Er setzt nicht Erich Kästner ein Denkmal, sondern den Jungen und Mädchen der Zeit, die Opfer einer diktatorischen und unmenschlichen Politik geworden sind.

Kästner und der kleine Dienstag

Wie es immer so ist – wenn die Wahrnehmung geeicht ist, findet sie Zusammenhänge. Kurze Zeit nach der Lektüre von Friedrich, wurde in der ARD der Film Kästner und der kleine Dienstag (ich hoffe, die Mediathek hält ihn auf lange Zeit bereit) gezeigt. Der Film ist von 2016 und beschreibt ebenfalls Fiktion, die auf wahren Begebenheiten beruhen:

Kästner wird von einem jugendlichen Bewunderer so lange belagert, bis die beiden Freunde werden. Kästner wird im Film… ach.. besser, als ich es erzählen könnte, wird der Film in diesem Artikel in der ZEIT beschrieben. Als Zuschauer konnte ich mich mit einem Kästner befassen, der einerseits sympathisch und klug gegen den Nationalsozialismus redete und schrieb und sich andererseits in seinem realen Leben nicht vorstellen konnte, dass all das Grauen tatsächlich passierte. Seine subversive und trotzdem dissozierte Lebensweise wird mit Hans Albert Löhr, seinem jungen Bewunderer, der tatsächlich später in dem Ufa Film Emil und die Detektive den kleinen Dienstag spielen wird, immer wieder besprochen; dem Zuschauenden wird ebenso wie Erich Kästner mit dessen eigenen geflügelten Worten die Verantwortung derer vor Augen geführt, die die Macht übernehmen, aber auch derer die die Machtübernahme durch Nichtstun fördern.

Die Drehbuchautorin Dorothee Schön hat auf ihrer Internetpräsenz folgenden Artikel über Kästner und den kleinen Dienstag, Hans Albert Löhr veröffentlicht.

Der Film ist ebenso wie Kerrs Buch ungeheuer realistisch und verheimlicht nicht, welche Folgen die jungen Menschen im Deutschland des 2. Weltkriegs zu (er-)tragen hatten.

Sowohl in der Zusammenschau, wie im Einzelnen sind die Bücher sowie der Film überaus Lesens- und Sehenswert. Sie sind gut erzählt, erreichen emotional und wirklich wichtig.

Philip Kerr

Friedrich der große Detektiv

rowohlt rotfuchs

ISBN: 978 2499 2179 13

 

Erich Kästner

Emil und die Detektive

Dressler Verlag (Oetinger Gruppe)

ISBN: 978-3-7915-3012-3

 

Kästner und der kleine Dienstag

Regisseur: Wolfgang Murnberger
Altersfreigabe: FSK 6
Drehbuch: Dorothee Schön
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Über Klaus Daniel 161 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.

2 Kommentare zu Die Detektive – Philip Kerr, Friedrich, Emil, Kästner und der kleine Dienstag,

  1. Hallo Klaus,

    der Film ist wirklich sehenswert und kann ihn als Fan von Kästner nur empfehlen. Sehr gut gespielt und genau den richtigen Ton treffend. Leider wird er nur noch bis Ende März auf der Mediathek verfügbar sein.

    Danke für den Tipp mit Kerr. Hatte es zwar schon mehrfach gesehen, aber das der Bezug zu Kästner so eng gestrickt ist, lässt mich aufhorchen und dieses Buch ohne weiteres Vorwissen kaufen. Wenn ich es gelesen habe, melde ich mich nochmal.

    Liebe Grüße
    Marc

    • Hallo Marc,
      vielen Dank für deine Rückmeldung. P. Kerr ist für mich eine besondere Entdeckung. Und das Buch ist den Kauf in jedem Fall wert. Friedrich wird im regal einen Platz neben Emil bekommen.
      Viele Grüße,
      Klaus

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  1. [Rezension]: Philip Kerr – Friedrich der große Detektiv – Lesen macht glücklich

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