20. November 2017

Frankfurter Buchmesse 2017 – Recap

Der blaue Himmel über der FBM17 täuschte: in den Hallen brauten sich auch Gewitter zusammen (Foto: Andrea Daniel)

Die Buchmesse in Frankfurt war auch in diesem Jahr bunt und riesig. Für uns war die diesjährige Messe bestimmt vom Treffen mit wunderbaren Menschen, der Verleihung einiger Preise, aber auch von Ereignissen, die Schmunzeln, Mitdenken und Erschrecken ausgelöst haben. Also hier – ein bunter Strauß – das Recap zur Frankfurter Buchmesse 2017:

Buchblogger-Award, Klassentreffen und Genderärger

Die Buchmesse brachte uns einiges Altbekanntes und vieles Neues. Besonderer Höhepunkt war die Verleihung des Buchblogger-Awards mit einem Haupt- und einem Sonderpreis. Natürlich nur zwei Preise von vielen, die in der Bücherwelt vermutlich auch nicht sooo wichtig waren, gibt es doch auch den Deutschen Buchpreis, den Illustrationspreis, den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und und und. Für die Blogger-Welt jedoch ist es schon besonders, wenn ein Preis für den besten Buchblog und ein Sonderpreis für Formate wie Vlogs, Podcasts oder Instagram-Accounts verliehen wird.

Zugegeben, der Vorlauf des Preises war „interessant“. Jeder Blog konnte sich bewerben, wenn er den Kriterien entsprach, die Longlist war also tatsächlich laaaang, die Shortlist wurde von Menschen gewählt, um die die entsprechenden Blogger*innen kräftig auf allen Social Media Kanälen buhlen konnten und es auch teilweise taten. Also war auf der Shortlist nur, wer genügend Eigenwerbung gemacht hat? Vielleicht.
Aus der Shortlist wählte eine Jury den Gewinner des diesjährigen und erstmaligen Preises: Cafehaussitzer Uwe Kalkowski . Den Sonderpreis bekam ebenfalls ein Mann: Florian Valerius mit seinem Bookstagram_Kanal @literarischernerd.

Auf Twitter kam gleich eine rege Diskussion in Gang, dass es doch nicht sein kann, dass ein Mann den Preis gewinnt, wo doch so viele Frauen im Rennen sind. Klar ist: Uwe Kalkowski betreibt seinen Blog schon einige Jahre, er ist vielen bekannt, seine Stimme hat Gewicht und auch wir lesen seine Texte gerne und schätzen seinen Blog. Es hat, unserer Meinung nach, nicht den Falschen getroffen. Dürfen Männer bei einem solchen Genderverhältnis gewinnen? Es wäre ja diskriminierend, wenn nicht! Klar ist, trotz des Gender-Verhältnisses ist Uwe auf die Shortlist gekommen. Er wurde vermutlich auch von Frauen gewählt. Die Jury hat sich auf Qualität bezogen, als sie ihn gewählt hat. Insofern: alles richtig gelaufen. Der Blogger-Award wird für Qualität und Ausstrahlung verliehen und nicht für Mann oder Frau-sein. Und das ist gut so.

Dennoch sind die Fragen, die der Award aufwarf, wichtig und diskussionswürdig. So wurde auch die fehlende Transparenz der Bewertungskriterien benannt. Was heißt in diesem Zusammenhang Qualität? Wie bewertet man diese bei den vielfältigen, teils vollkommen unterschiedlich ausgerichteten Blogs? Aber dann eben doch Gender: Werden Bloggerinnen anders wahrgenommen und bewertet als Blogger? Wenn ja, woran liegt das und wie kann damit umgegangen werden? Die bereits begonnenen Diskussionen waren vielschichtig und es lohnt sich, sie weiter zu führen.

Schön ist, dass sich am Rande viele Blogger*innen getroffen haben und neben all dem über das gesprochen haben, was die meisten von uns zum Bloggen treibt:
Bücher, lesen, und das darüber reden.

Rechte Verlage auf der Buchmesse

Yepp, es scheint wieder gesellschaftsfähig zu sein, sich als Nazi/Rassist/Rechter/Faschist öffentlich zu zeigen. Auch auf der Buchmesse wurden sie sichtbar. Mit diversen Verlagen und Ständen gingen auch sie munter dem nach, wofür die Buchmesse wichtig ist: dem Netzwerken.
Als ein 72jähriger Verleger öffentliches faschistisches Schwadronieren nicht ohne Widerrede hinnehmen wollte und Einspruch erhob, wurde er tätlich angegriffen. Er bekam einen solchen Schlag in das Gesicht, dass er eine offene Wunde am Mund davontrug. Über die Vorfälle am Stand eines der führenden Verlage der rechten Szene am Messesamstag ist oft und auch widersprüchlich berichtet und diskutiert worden. Hier einige der Berichte und Meinungen in den Medien: Süddeutsche ZeitungFAZ,  Meedia und WDR5.

Es muss wohl nicht extra betont werden, dass wir es nicht zulassen dürfen, dass Faschismus und rechte Gewalt gesellschaftsfähig werden. Auf der Buchmesse spiegelt sich im Kleinen das große gesellschaftliche Thema: Wie mit den Rechten umgehen? Wenn die Überzeugten, Dogmatischen für eine kontroverse Diskussion nicht mehr offen sind – auch wenn sie dies offiziell behaupten -, muss unsere Aufmerksamkeit und Achtsamkeit darauf gerichtet sein, nicht über jedes Stöckchen zu springen, das uns hingeworfen wird, muss anders mit Provokation umgegangen werden als mit Gegen-Provokation zu reagieren, damit wir nicht unfreiwillig genau zu der Bühne zu werden, die diese überzeugten Rechten für sich suchen, um sich in ihrer Opferrolle zu reinszenieren.

Bei denen, die sich aus Enttäuschung, Frust und aufgrund fehlender tragender Alternativen nach rechts gewandt haben, darf unsere Diskursbereitschaft nicht enden, auch wenn wir ihre Entscheidung nicht gutheißen. Im Gegenteil: Neben dem klaren inhaltlichen Argumentieren gehört es dazu, genau hinzuhören. Denn möglicherweise zeigen sich hier die Probleme, die Gesellschaft und Politik aufgreifen müssen, um der sich abzeichnenden gesellschaftlichen Spaltung entgegen zu wirken. Klare Kante zeigen UND dafür sorgen, dass sich die Fronten nicht weiter verhärten – das ist eine Herausforderung, die nicht einfach sein wird. Weder Faschismus noch brutale Gewalt dürfen gesellschaftsfähig werden. Auch die Buchmesse wird sich diesem Thema stellen müssen, wird sich fragen müssen, wie sie Rahmenbedingungen genau für diese Diskurse schaffen kann. Und wird genau deswegen ein Sicherheitssystem entwickeln müssen, das dafür sorgt, dass jede Form von Gewalt gar nicht erst aufbrechen kann. Diskurse können nur dann entstehen, wenn sich Menschen sicher fühlen können. Es kann nicht sein, dass sich Menschen, egal ob mit Migrationshintergrund oder einfach anderer Meinung, so unwohl fühlen und reale Gewalt befürchten müssen, dass sie sich den Debatten erst gar nicht stellen!

Geschäftsmodelle

Die Buchmesse ist nicht nur auf das geschriebene Wort eingestimmt. Auch andere Kulturgüter finden hier ihren Platz. Als Kunstinteressierter ist mir beispielsweise Smart-Collectors aus Düsseldorf aufgefallen mit einem interessanten Geschäftsmodell. Hier kann der/die geneigte Kunstinteressierte moderne Gemälde mieten. Bei späterem Kaufwunsch wird die Miete auf den Kaufpreis angerechnet. Ich bin auf den Online – Katalog gespannt. Zur Messe gab es schon einige feine Bilder zu betrachten.

Verlage

Natürlich waren die „Publikumsverlage“ mit großem Equipment angereist. Bestseller, Novitäten und vieles mehr wurde großvolumig vorgestellt. Besonders gereizt haben mich allerdings kleinere und im Buchhandel oft nicht sichtbare Verlage, die mit besonderen Nischenangeboten, fein Hergestelltem oder einfach interessanten Themen und Produkten meine Aufmerksamkeit forderten.
Als Whisky- und Schottlandfreund war ich begeistert, den Clualan-Verlagsstand wiederzufinden. Die Schottlandkrimis dieses Verlages hatte ich schon im vergangenen Jahr entdeckt, aber leider war mir der Name des Verlages aus dem Gedächtnis gerutscht, so dass ich noch immer keinen Krimi aus dieser Schmiede lesen konnte. Diesmal sind alle Daten gesichert und der erste Krimi liegt seit heute neben meinem Bett.

Weitere Preise

Am Freitag wurde im Orbanism-Space der Blogbuster Preisträger des letzten Jahres mit seinem Buch vorgestellt. Es ist nun gedruckt. Und Blogbuster eröffnet das Rennen zum nächsten Preis. Ab sofort können bei den unterschiedlichen Jury-Mitgliedern unveröffentlichte Texte eingereicht werden, von denen eines später im Kein&Aber Verlag veröffentlicht werden wird.
Also ran.

Netzwerken

Wir hatten das Glück, dass wir liebe Bekannte treffen konnten. Bei Pommes und Wurst oder auf Kaffee und Bier trafen wir uns zum Austausch, zu Fragen und Antworten – und bekamen Auskünfte zu neuen Projekten. An einigen werden wir teilnehmen, worüber wir uns schon sehr freuen.
Das kommende Lesejahr wird spannend, da bin ich sicher. Ein Projekt zeichnet sich schon ab:

Vorlesetag

Am 17. November findet der Vorlesetag der Stiftung Lesen statt. Daran beteiligt sich auch der Homunculus Verlag, der mit dem vom Novelero Sandro Abbate herausgegebenen Sammelband „Warum ich lese“ im vergangenen Jahr von sich reden gemacht hat.
Die Stiftung Lesen wird eine Aktion durchführen mit der sie dafür plädiert vorzulesen, um das grenzenlose Freuen, das Bücher auslösen können, in die Welt zu tragen.
Wir machen da natürlich mit.

 

Somit kann nur gesagt werden: Die Buchmesse war – mal wieder – vielschichtig und anregend. Die Vorfälle mit den Rechten und um die rechten Verlage sind in keinerlei Weise schönzureden, sie waren erschreckend, einer Buchmesse nicht würdig und beunruhigend. Auch hier ist jetzt eine Diskussion notwendig, die hoffentlich nicht von blindem Aktionismus und Schnellschüssen geprägt sein wird, sondern die Vielschichtigkeit des Themas durchdringt, wie mit den Rechten umgegangen werden kann. Insofern kann auch dies zu einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung beitragen, für die das Buch ein so wichtiges Kulturgut ist. Ähnliches gilt für die Fragestellungen, die der möglicherweise noch etwas unausgereifte Buchblogger-Award aufgeworfen hat. Wir haben gemerkt, dass uns all diese Themen stark beschäftigen. Die Diskussionen entstanden überall. Sie sind nicht einfach, aber es wert, dass sie geführt werden. Die Tage in Frankfurt waren daher vor allem eins: in jeder Hinsicht anregend.

 

Über Klaus Daniel 150 Artikel

Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen.
Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.

2 Kommentare zu Frankfurter Buchmesse 2017 – Recap

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