21. Juni 2018

Gibt es ein richtiges Leben im falschen? – „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells

Foto: Andrea Daniel

Ich fing an, bis in den Nachmittag hinein zu schlafen, kiffte zu viel, schrieb ein paar Kurzgeschichten, die ich niemandem zeigte, und wurde zu einer streitlustigen Kreatur. Meine damalige Freundin trennte sich von mir. Ich sei zu verschlossen, zu uneigentlich, und sie könne diesen Blick von mir nicht ertragen, als wäre ich in meiner eigenen, unzugänglichen Welt. Es traf mich kaum. Wie bei den Beziehungen davor war ich nicht verliebt gewesen, und tief in mir spürte ich, dass das alles ohnehin nicht mein wahres Leben war. Dass ich es noch immer mit jenem, in dem meine Eltern noch lebten, tauschen würde. Dieser Gedanke kam mir immer wieder, er war wie ein in meine Seele gewebter Fluch.

Der Protagonist Jules ist das jüngste von drei Kindern. Seine Kindheit verbringt er unbeschwert. Selbstbewusst und mutig geht er dem Leben entgegen. Bis an einem Januarabend seine Eltern tödlich verunglücken. Nichts ist mehr wie vorher. Die drei Geschwister kommen auf ein Internat und distanzieren sich zunehmend voneinander, jeder versucht auf eigene Art und Weise, mit diesem Schicksalsschlag fertig zu werden: Liz, die sich zu einer attraktiven jungen Frau entwickelt, flattert von einer Beziehung zur nächsten. Marty ist ehrgeizig, treibt sich unerbittlich voran (und entwickelt im Geheimen Zwänge, die sein Leben immer wieder einschränken).

Jules treibt vor sich hin, bricht ein Jurastudium ab, weiß nicht, wo er hingehört. Er hadert mit dem frühen Tod seiner Eltern, überlegt immer wieder, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn diese nicht so früh gestorben wären.

Im Internat lernt er Alva kennen.

Alva war hochkonzentriert und veränderte beim Zuhören kaum ihre Miene. „Gefällt mir sehr gut“, sagte sie. Seltsamerweise hatte sie sich nicht auf einen Stuhl, sondern auf meinen Schreibtisch gesetzt. Sie nahm ein Buch aus ihrem Rucksack und begann wortlos darin zu lesen, als wäre sie in meinem Zimmer zu Hause. Es gefiel mir, dass sie sich in meiner Nähe so wohl fühlte. Die Nachmittagssonne brach durch die Wolken und ließ das Zimmer in cognacfarbenem Licht leuchten.

Alva versteht Jules ohne große Worte. Nach der Schule verlieren sie sich jedoch über viele Jahre aus den Augen. Bis sie sich wieder begegnen. Könnte dies der Beginn des „richtigen“ Lebens sein? Jules empfindet das Leben wie eine Falltür, die sich jederzeit wieder öffnen kann. Und tatsächlich – genau dies passiert. Jules fällt jedoch nicht ins Bodenlose, er landet auf den Boden einer Realität, in der er wieder Tritt fasst.

All das ist möglich gewesen, und dass aus Tausenden Varianten ausgerechnet diese zustande gekommen ist, schien mir lange zufällig geschehen zu sein. Als junger Mensch hatte ich das Gefühl, seit dem Tod meiner Eltern ein anderes, falsches Leben zu führen. Noch stärker als meine Geschwister habe ich mich gefragt, wie sehr mich Ereignisse aus meiner Kindheit und Jugend bestimmt haben, und erst spät habe ich verstanden, dass in Wahrheit nur ich selbst der Architekt meiner Existenz bin. Ich bin es, wenn ich zulasse, dass meine Vergangenheit mich beeinflusst, und ich bin es umgekehrt genauso, wenn ich mich ihr widersetze. […] Dieses andere Leben, in dem ich nun schon so deutliche Spuren hinterlassen habe, kann gar nicht mehr falsch sein. Denn es ist meins.

Foto: Diogenes Verlag
Foto: Diogenes Verlag

Den Rahmen des Romans bildet eine Schlüsselstelle in Jules´Leben, in der sich entscheidet, ob er in seinem Fremdheitsgefühl verhaftet bleibt oder sich seinem Leben stellt. In Rückblenden beleuchtet Wells dann das Geschehene.

Der Stoff dieses Romans bietet tendenziell eine Menge Raum für Kitsch und spirituellen Kalenderweisheiten. Und dem Autor gelingt es geschickt, diese Klippen zu umschiffen. Mit leichter Sprache lässt er den Leser an den einzelnen Lebensstationen des Protagonisten teilhaben und scheut auch nicht davor zurück, Einblicke in die Abgründe einer Persönlichkeit zu gewähren. Dennoch wird auch der Leser auf die Fragen zurückgeworfen: Was mache ich mit dem, was ich nicht kontrollieren kann? Was mein Leben aber nachhaltig beeinflusst? Wie gehe ich mit dem um, was schmerzhaft ist und tiefe Wunden hinterlässt? Wie damit, dass vieles nicht kontrollierbar bleibt?

 

Auf Benedict Wells wurde ich aufmerksam durch einen sehr guten Blogbeitrag des Kaffeehaussitzers zu Wells Debütroman „Becks letzte Reise“. Schon dieser Roman hat mich dadurch begeistert, dass der Autor leichtfüssig mit lebenserschütternden Fragestellungen umgeht. „Vom Ende der Einsamkeit“ ist ruhiger. Aber nicht langweiliger. Der Roman berührt ohne sentimental zu werden. Lesenswert!

 

Benedict Wells: „Vom Ende der Einsamkeit“

Diogenes Verlag

368 Seiten
Erschienen im März 2016

ISBN 978-3-257-06958-7

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Über Andrea Daniel 58 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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