19. August 2017

Hand hoch für die Bahnhofsbuchhandlung

Auf ihrem Buchblog Buchstabenträumerei zeigt Anna Beutel Herz für Bahnhofsbuchhandlungen. Aufgrund der drohenden Schließung der Bahnhofsbuchhandlung Ludwig in Köln verfasste Anna ein Plädoyer nicht nur für die Buchhandlung Ludwig, sondern für die Bahnhofsbuchhandlung im Allgemeinen.

Ich liebe Buchläden. Kein Laden ist wie der andere, die Sortimente, das Ambiente  und ebenso die Menschen, die die Läden bevölkern, unterscheiden sich – und immer sind Buchläden Kulturmittler. Aber nicht nur: Haben Sie nicht auch schon im Buchladen den Regen abgewartet, gestöbert und, obwohl nicht geplant, ein Buch gekauft? Oder sind mit Menschen ins Gespräch gekommen? Buchläden haben zunehmend ihre Sortimente oder Gesamtkonzepte erweitert. Ich habe schon im Buchladen – Café in Paris gesessen, Schokoladengenuss erlebt bei Schneefeld & Hund in Berlin, Andenken im New Yorker Strands gekauft und vieles andere (Liebeserklärungen, Treffen alter Freunde und politische Agitation) in Buchläden erlebt.

Bahnhofsbuchhandlungen sind aus unterschiedlichen Gründen besonders. Sie wirken manchmal in die einzig übriggebliebene Ecke eines Bahnhofsgebäudes gequetscht, sie haben oft ein besonders pures Angebot: Lotto, Zeitschriften und Bücher, letztere eher dem allgemeinen Mainstream zuzuordnen.  Und doch:

Bahnhofsbuchhandlungen sind Teil der großen weiten Welt. Für mich gehören sie zum Bahnhof, wie die Gleise und die Züge. Der Besuch in der Bahnhofsbuchhandlung ist meist Start und Zwischenstopp einer Zugreise. Sie sind erweiterter Wartebereich des Bahnhofes. Während der Wartezeit zu stöbern, entschleunigt oder bereitet auf die Reise vor; das Gewusel der Bahnhofshalle tritt in den Hintergrund. Die Bahnhofsbuchhandlung ist auch an Sonntagen geöffnet, was mir als Vater (Papaaaa, mir ist langweilig), aber auch als Bücherjunkie (boah, nichts Vernünftiges zu lesen da) schon gelegentlich mal geholfen hat. Von der Bahnhofsbuchhandlung hätte Reinhard Mey auch in seinem Lied vom Hauptbahnhof Hamm singen können:

Am Abend, wenn der Wartesaal
Im Hauptbahnhof zur Piazza wird,
Wenn sich der Süden jedesmal
Bis in den Norden verirrt, ..

In der Buchhandlung im Bahnhof treffen sich die Reisenden. Sie kommen meist nicht miteinander ins Gespräch, dennoch entwickeln sie eine Dynamik miteinander, treffen sich vielleicht im Zug wieder und wissen: ach ja, dieses Buch hat sie eben in der Bahnhofsbuchhandlung gekauft.

„Die Bahnhofsbuchhandlung ist der Ort, in dem sich die Gleise der inneren und der äußeren Reisen kreuzen,“

sagte meine Liebste, als ich sie fragte, warum die Bahnhofsbuchhandlung Teil der weiten Welt sei. Und sie hat recht. Mit dem Buch im Zug reise ich doppelt. Nämlich räumlich und literarisch. Und das oft mit einem Kauf in letzter Minute in der Bahnhofsbuchhandlung.

Auf dem Weg zum Bahnsteig gehe ich gerne, wenn ich noch Zeit habe, in die Bahnhofsbuchhandlung. Schon häufig habe ich meine Liebste vom Bahnsteig mit einem frisch erstandenen Buch in der Hand abgeholt oder eine Reise mit einem Fundstück aus der Bahnhofsbuchhandlung angetreten. Und ebenso oft hatte ich schon ein Buch für Ankömmlinge in der Hand, das gerade wie für ihn oder sie passend in der Bahnhofsbuchhandlung bereit lag.

Zauberkraft der Bahnhofsbuchhandlung

In Bahnhofsbuchhandlungen bin ich noch nicht so oft beraten worden, es sei denn, von anderen Reisenden, Bahnhofsbuchhandlungen scheinen sich weniger auf die inhaltliche Beratung zu kaprizieren, sie haben eine andere Zauberkraft:

Sie sind auf Wartende und Reisende eingestellt. Sie bieten eine Möglichkeit, noch schnell etwas zur Verkürzung der Reisezeit zu besorgen. Schon manche*r Bahnhofsbuchhandlungsangestellte*r hat jemanden mit besonders hektischem Blick in der Kassenschlange nach vorne gebeten, um mit bezahlter Ware den bald abfahrenden Zug erreichen zu können. Die gut sortierte Bahnhofsbuchhandlung bietet oft zweierlei: Ein erstmal aufgeräumt wirkendes Ladenlokal für die/den eiligen Reisende*n – schnell der Griff zum Buch und weg  – und andererseits die versteckten Ecken für besondere Goodies für diejenigen, die Zeit zum Stöbern haben. Wikipedia  bestätigt der Bahnhofsbuchhandlung eine kulturelle Bedeutung, nicht nur, weil hier Bücher -Wissen verkauft wird, sondern, weil die bildungs – bürgerliche Atmosphäre  die Atmosphäre eines Bahnhofes positiv beeinflusst.

 

Ein Bahnhof ohne Buchhandlung verliert – einen Teil seines Gesichts und ganz viel Atmosphäre. Deswegen Hand hoch für den Erhalt der Bahnhofsbuchhandlung und der Bahnhofsbuchhandlung Ludwig in Köln!

 

Über Klaus Daniel 141 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.

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