23. Oktober 2017

Jürgen Volk: „Unbedingt – van Gogh und Gauguin im Gelben Haus“

van Gogh und Gauguin im Folkwangmuseum Essen, Foto: Andrea Daniel

Lange Zeit kannte ich die Werke van Goghs in erster Linie als Kunstdrucke, Kalendermotive und Postkarten. Als ich das erste Mal ein Gemälde von ihm im Original sah, war ich entsetzt. Während mich bisher die kraftvollen Farben und die unverkennbare Art, sein Sujet zu gestalten, begeistert hatten, war nun unverkennbar, wie grob van Gogh seine Farben aufgetragen hat. Der Pinselstrich ist meist noch erkennbar und die Farbschicht so dick, dass sie teilweise sogar Schatten wirft. Van Gogh ein nachlässiger Maler? Seine Biografie, seine Depressionen, die dramatische Geschichte um sein abgeschnittenes Ohr und letztlich der frühe Tod durch Suizid fließen immer mit ein, wenn man sich mit van Goghs Werk auseinandersetzt. Mein Kennenlernen von Gauguin war wesentlich ausgeglichener, auch wenn seine Bilder oft ein verstörendes Element in sich tragen. Aber vordergründig findet man bei Gauguin viel Schönes: Warme Farben, angenehme Sujets, einen klaren Bildaufbau.

Die beiden Maler kannten sich, hatten Respekt voreinander und waren im Austausch. Dieser Austausch gipfelte im Herbst 1888 in einer gemeinsamen Zeit im berühmten „Gelben Haus“ in Arles, in dem sie acht Wochen zusammen verbrachten, malten, diskutierten, stritten. Eine friedliche Zeit war es nicht, beide Maler waren an zu vielen Punkten einander zu ähnlich, an anderen zu verschieden. Jürgen Volk greift diese Zeit in seinem Roman „Unbedingt“ auf. Schon der Titel verweist auf einen der grundlegenden Konflikte: Das „Unbedingt“ als Begriff der Freiheitlichkeit, das Ausleben der Individualität ohne Bedingungen, un-bedingt, stößt in jeder Gemeinschaft an seine Grenzen, jeder Kontakt stellt eine Form der Einflussnahme dar. Und dennoch wünscht sich van Gogh genau diese Gemeinschaftlichkeit. In seiner Einladung an Gauguin, ihn in Arles zu besuchen, schwingt die Sehnsucht nach einer Künstlergemeinschaft a la Barbizon u.a. mit. Gauguin jedoch ist sehr viel nüchterner, für ihn stellt die Zeit im Gelben Haus lediglich eine Zwischenstation auf seinem erneuten Weg in die Südsee dar.

“ (…) Sie wissen, ich bin Ihr Freund und Ihnen deshalb zur Treue verpflichtet, aber was Ihr Atelier des Südens angeht, da dürfen Sie nicht auf mich zählen. Ich schätze Ihre Gesellschaft und werde die Zeit in Arles für mich zu nutzen wissen. Aber mein erklärtes Ziel ist es, Arles wieder zu verlassen, um in die Südsee zurückzukehren.“

Van Gogh wurde bleich. Zuerst blickte er mit verzerrtem Gesicht auf Gauguin, dann auf den Boden. Er wandte sich in Richtung Parkausgang, hielt dann aber inne, drehte sich wieder um und rief, merklich unter größter Beherrschung:

„Aber Paul, so schnell? Gönnen Sie sich doch wenigstens ein wenig Bedenkzeit. Sie haben noch nicht einmal die Stadt gesehen. Ich habe in meiner Kritik an Arles vielleicht auch etwas übertrieben. Es lässt sich doch gut und billig wohnen hier. Ich werde Ihnen Orte zeigen, die Ihre Malerei wie die meinige beflügeln werden. Wir haben noch nicht einmal zusammen gemalt und Sie sagen schon, dass Sie mich wieder verlassen wollen!“

Und dann ist da noch van Goghs psychische Erkrankung. Nicht, dass diese primär negativ konnotiert ist, Gauguin selbst ist fasziniert von dem Wahnsinn, beschäftigt sich fast schon exzessiv mit den inneren Vorgängen von Verbrechern. So wird Wahnsinn auch als Inspirationsquelle gesehen, als Auseinandersetzung mit den Untiefen des Menschlichen und als eine kreative Distanz zur Welt. Doch während van Gogh schon eine fast abgefahrene Theorie des „heilsamen Wahnsinns“ entwickelt, verstrickt er sich immer mehr in der Dunkelheit seiner Erkrankung.

Die wohl berühmteste Legende um van Gogh ist die von seinem abgeschnittenen Ohr, die gemeinhin als Selbstverletzung infolge seiner Depression gesehen wird. Jürgen Volk führt auch genau auf diese Spur. Van Gogh war fasziniert von der Kultur Japans, das sich erst kurze Zeit zuvor wieder aus seiner Abschottung gelöst und für den Welthandel geöffnet hatte. Erkennbar fließt seine Beschäftigung mit Japan in seine Bilder ein, van Gogh setzt sich aber auch mit Haltungen zu Partnerschaft und Liebe in Japan auseinander. So ist er begeistert von Liebesbeweisen dahingehend, dass Kurtisanen ihren Geliebten abgeschnittene Körperteile von sich zusendeten. Ob dieses oder auch die biblische Geschichte um den Apostel Petrus, der einem Soldaten mit dem Schwert ein Ohr abschlägt – als Sohn eines Pfarrers war van Gogh dieses Motiv sicherlich bekannt -, die Parallelen zur eigenen Geschichte sind offensichtlich. Doch Jürgen Volk, der auch Kunsthistoriker ist, bringt in seinen Roman noch eine recht junge Theorie ein: eine These besagt, dass nicht van Gogh selbst sein Ohr abgeschlagen hat, sondern dass dies Gauguin infolge eines Streites getan haben soll. Wie Volk mit diesen unterschiedlichen Sichtweisen umgeht, ist übrigens eines der Highlights in seinem Roman.

 

Bild: Bernstein Verlag

Jürgen Volk ist gelernter Kaufmann, hat später Philosophie, Kunstgeschichte und Rhetorik studiert, in unterschiedlichen Bereichen des Theaters gearbeitet und den Verlag duotincta mitbegründet. „Unbedingt“ ist sein erster Roman. Die schwierige und gleichzeitig inspirierende Freundschaft zwischen van Gogh und Gauguin greift er in wechselnden Perspektiven und Zeitebenen im Roman auf. Schon von Anfang an werden nicht nur die unterschiedlichen Charaktere der beiden Künstler aufgezeigt, sondern auch deren eigene inneren Ambivalenzen und Konflikte. So waren die beiden mitnichten „Missionare der Kunst“, sie verfolgten deutlich Eigeninteressen, wurden mitgerissen von ihren inneren Trieben und versuchten, dies in ein Wertekonstrukt einzubauen (der Gang ins Bordell wird beispielsweise als „Hygienegang“ bezeichnet). Van Gogh war geprägt durch sein Elternhaus, der Vater war Pfarrer und auch er selbst war als Prediger tätig. Sein Versuch, sein eigenes Leben und seine Tätigkeit in einen spirituellen Überbau einzubinden, ist ein lebenslanger Kampf. Gauguin wiederum ist auf der Suche nach dem verlorenen Paradies, einer Form der Gesellschaft, die unverdorben ist und ein harmonisches Miteinander ermöglicht. Und dennoch hat er selbst Frau und Familie verlassen und in der Südsee wechselnde Partnerschaften unterhalten, was ihm schließlich die tödlich verlaufende Syphilis einbringt. In der Hoffnung, einander Inspiration zu sein sowohl im Schaffensprozess als auch in der Entwicklung eines eigenständigen Kunstverständnisses, fern aller bisherigen Strömungen und Schulen, geraten diese beiden unterschiedlichen Charaktere im Gelben Haus immer wieder aneinander.

Jürgen Volk gelingt es großartig, diese inneren und äußeren Konflikte aufzuzeigen. Seine dichte Sprache verdeutlicht die unterschiedlichen Ebenen dieser Auseinandersetzungen und ist gleichzeitig elegant und ein Lesegenuss. Die Figuren wirken gerade in dieser Komplexität und Ambivalenz authentisch, wenn auch immer mal wieder alles andere als sympathisch. Das Scheitern an überhöhten Ansprüchen und an der Realität – Jürgen Volk zeigt dies glaubhaft und gut recherchiert auf.

Klaus hat Jürgen Volk auf der Leipziger Buchmesse beim Verlag duotincta kennen gelernt. Zur Vertiefung des Kennenlernens ließ Klaus diesem eine heimische Spirituose zukommen und erhielt im Gegenzug – dieses Buch. Ein großartiger Tausch, denn ich kann nicht nur kunstinteressierten Leserinnen und Lesern dieses Buch nur wärmstens empfehlen!

 

Jürgen Volk: Unbedingt- Van Gogh und Gauguin im Gelben Haus

Bernstein Verlag

370 Seiten, 2.Auflage (leicht überarbeitete Wiederauflage)

ISBN: 978-3-945426-23-4

Über Andrea Daniel 53 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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