23. Oktober 2017

Ken Follett: Das Fundament der Ewigkeit

Foto: Andrea Daniel

Zugegeben: Ich mag sie. Ich lese die historischen Romane von Ken Follett einfach sehr, sehr gern. Vor gut fünfundzwanzig Jahren begann es mit „Die Säulen der Erde“, einem Roman, den ich verschlungen habe. Nach der Schule habe ich mir sofort das Buch gegriffen, abends viel zu spät das Licht gelöscht, um den Figuren, die Follett rund um den Bau der Kathedrale des fiktiven Ortes Kingsbridge entstehen ließ, und ihren Geschichten zu folgen. Intrigen, Liebesbändel, aber auch die großen Ideen und Visionen der Architekten, Baumeister und Priester, die ein so lang andauerndes Bauprojekt erfordern, schlugen mich in den Bann.

2007 folgte „Die Tore der Welt“, jetzt liegt mit „Das Fundament der Ewigkeit“ der dritte Roman Folletts vor, dessen Ausgangspunkt Kingsbridge und seine ehrwürdige Kathedrale ist. 400 Jahre sind seit ihrem Bau vergangen und Europa befindet sich in einer Zeit großer Umbrüche. Wenige Jahrzehnte zuvor haben Luther, Calvin und andere das Gebaren der Kirche angeprangert und damit eine Welle der Verunsicherung und der Aufstände ausgelöst. Während die katholische Kirche ihre Pfründe und ihren Einfluss sichern will, wird der Kreis der sogenannten „Protestanten“ immer größer, die einen christlichen Glauben verbreiten, der sich unmittelbar dem Einzelnen in seiner Beziehung zu Gott erschließt, ohne Vermittlung durch die Priester, und dessen Kirche ohne Pomp und Luxus auskommen will. Europaweit entbrennt der Konflikt um den wahren Glauben. Landstriche, Fürstentümer, ja sogar Familien sind gespalten, jeweils Andersgläubige werden verfolgt und ermordet. Es ist die Zeit der beginnenden Inquisition und der Glaubenskriege, die – wie immer – einher gehen mit unterschiedlichen, ganz weltlichen politischen Machtinteressen.

In England ist nach dem frühen Tod Mary Tudors der Streit um die rechtmäßige Nachfolgerschaft entbrannt. Zwar kann Elisabeth Tudor, Protestantin und religionstolerant, diesen für sich entscheiden, das Land ist jedoch zutiefst gespalten, Elisabeth dauerhaft bedroht.

In diesem Szenario setzt Follett seine Geschichte an. Ned Willard, Kaufmannssohn aus Kingsbrigde, hat erleben müssen, wie unter Mary Tudor erstmalig Andersdenkende auf dem Scheiterhaufen brennen mussten. Nachdem eine Intrige ihm und seiner Mutter die Lebensgrundlage entzogen hat, begibt er sich in den Dunstkreis Elisabeths. Beeindruckt von ihrer (vorläufigen) Haltung der Toleranz in Religionsfragen, stellt er sich in ihren Dienst. Elisabeth weiß um die Instabilität ihrer Herrschaft und baut zunehmend einen Geheimdienst auf, um ihren Gegnern immer einen Schritt voraus zu sein. Dies ist auch dringend nötig, denn in Europa ist England zunehmend isoliert. Ihre Konkurrentin Maria Stuart kann Elisabeth nur in Schach halten, indem sie sie jahrzehntelang gefangen hält und streng bewachen lässt. Ned Willard wird ihr treuer Spion bis zum Ende ihres Lebens.

Wie in vielen seiner Romane baut Follett mehrere Handlungsstränge auf. Neds Bruder Barney hat es nach Spanien verschlagen. Hier erlebt er die beginnende Inquisition und muss schließlich fliehen. Letztlich ergibt er sich seiner Leidenschaft für die Seefahrt, baut Handelswege in die Neue Welt auf und wird die Schlacht gegen die spanische Armada hautnah miterleben. Neds Antagonist Pierre Aumande ist ein Emporkömmling im katholischen Frankreich mit dem Ziel, einen Platz in der einflussreichen Familie des Herzogs von Guise zu finden. Dafür geht er im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen. Follett lässt ihn eine entscheidende Rolle bei der Eskalation in der Bartholomäus-Nacht zukommen, als der Konflikt und die Machtränke tausende Hugenotten, den französischen Protestanten, das Leben kostet. Weitere Handlungsstränge zeichnen die Rolle adliger Familien, der Königshäuser Westeuropas, die von Spanien unterworfenen Niederlande und die Geschehnisse in Schottland nach. Es entsteht ein dichtes Bild Europas in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts von Mary Tudor über die Bartholomäus-Nacht, die Schlacht Englands gegen die spanische Armada bis zur Pulververschwörung und damit der Lebensdauer Ned Willards.

Bild: Lübbe Verlag

Ken Follett ist ein gekonnter Erzähler. Geschickt und mit gutem Gespür für einen passenden Spannungsbogen baut er die einzelnen Handlungsstränge auf und verwebt sie miteinander. Neben einem großen Gemälde der politischen Ränkespiele sowie der religiösen Konflikte kommen natürlich auch Liebe und persönliche Geschichten der Protagonisten nicht zu kurz. Er lässt in seinen Figuren Menschen entstehen, die den Kampf um Freiheit, Toleranz und Frieden auch zulasten ihrer persönlichen Schicksale aufnehmen und zeichnet somit den klassischen Kampf Gut gegen Böse nach.

Follett ist ein sorgfältiger Rechercheur. Neben eigenen Nachforschungen lässt er sich von einem Experten-Team unterstützen, sodass er ein hohes Maß an Genauigkeit bei den historischen Fakten in seinen Romanen aufweist. Er sagt von sich selbst, dass er bei seinen Recherchearbeiten schnell auf Momente aufmerksam wird, die sich in seinen Geschichten einweben lassen – die Geschichte in der Geschichte also. Bei historischen Figuren suche er nach den Fakten und versuche sich darüber ein mögliches Bild über ihr Aussehen, ihre Persönlichkeit und ihr Verhalten zu machen. Follett wählt weitere Protagonisten aus allen sozialen Schichten und erlaubt sich hier, eingegrenzt von dem Wissen um soziale Normen, dichterische Freiheiten, die Spannung in die Handlung bringen und ein wenig den Alltag der Menschen dieser Epoche vorstellen.

Dies ist ihm in „Das Fundament der Ewigkeit“ – der Roman kann übrigens unabhängig von den Vorgänger-Romanen gelesen werden – mal wieder hervorragend gelungen. Follett nimmt den Leser mit in eine Epoche der Unsicherheit, der Umbrüche, großer Machtverschiebungen und großer Veränderungen, die neue Entdeckungen und Forschungen mit sich bringen. Er zeichnet ein großartiges Gemälde dieser Zeit, zeigt den Alltag auf, aber auch deren kulturelle Errungenschaften wie das Theater. In den Protagonisten beschreibt er spannende Einzelschicksale, die Follett einbettet in den großen historischen Rahmen der Religionskriege Europas und ihrer politischen Ränkeleien. Zum ersten Mal wird ein Geheimdienst strukturiert aufgebaut, Ned Willard (bzw. der Leiter des Geheimdienstes Francis Walsingham, der real existiert hat) könnte somit als erster James Bond der Geschichte gelten. Tatsächlich ist Ken Follett ein großer Fan Ian Flemings, sodass es nicht verwundert, wenn er seinen Protagonisten genau in die Rolle des Spions des ersten Geheimdienstes schlüpfen lässt. So bietet dieser Roman vieles: Historisches, Liebesgeschichten, Machtspiele, Verschwörungen und Täuschungsmanöver wie in einem Thriller. Und ist somit vor allem eins: Ein überaus spannender, vielschichtiger und durch und durch gut geschriebener Roman, den ich nur schwer wieder aus der Hand legen konnte. Mal wieder habe ich nach Feierabend direkt nach dem Buch gegriffen, abends viel zu lange gelesen… ich kenne es ja schon.

 

Ken Follett: Das Fundament der Ewigkeit

Lübbe Verlag

1156 Seiten

ISBN 978-3-7857-2600-6

Über Andrea Daniel 53 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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