22. September 2017

Kim Leine: Die Untreue der Grönländer

Die „Untreue der Grönländer“ ist ein besonderen Buch. Hier wird nicht die Geschichte eines Protagonisten beschrieben, es geht aber auch nicht, was nach Lesen des Titels zu vermuten ist, ausschließlich um untreues Verhalten. Es wird das Miteinander der Menschen in einer laut Nachwort „typischen“ Siedlung in Grönland beschrieben

„Ein nacktes, baumloses Land, in dem das Meer schäumte, der salzige Wind die Farbe von den Hauswänden leckte und die Siedlung acht Monate im Jahr von Eis und Schnee belagert war.“

In dieser Beschreibung wirkt Grönland menschenfeindlich. Kein Wunder, dass es Menschen, die die Lebensbedingungen in Grönland nicht gewohnt sind, nicht gut oder nicht lange aushalten. Einige der aus dem  Ausland stammenden Protagonisten dieser Geschichte können sich an Vieles nicht gewöhnen: Die Lebensumstände sowie die Überlebenstrategien, die sich die Einwohner der Siedlung angeeignet haben.

Die traditionelle Selbstversorgung der in Grönland lebenden Menschen weicht mehr und mehr dem Vertrauen in die moderne Marktwirtschaft, was allerdings zu einer wachsenden Abhängigkeit von den Lieferungen aus anderen Ländern (überwiegend Dänemark, Russland und Japan) führt. Aufgrund des Wetters ist der hauptsächliche Fernverkehr, der Lufttransport, häufig unterbrochen, so dass viele Situationen überbrückt werden müssen oder eben auch nicht überbrückt werden können.

Die Einwohner Grönlands sind in der Überzahl Menschen, die von den Ureinwohnern der Arktis abstammen. Ihre Lebensweise wurde zunehmend von den Herrschaftsmächten Norwegen und Dänemark sowie den unterschiedlichen Christianisierungswellen, die über die Inuit hereingebrochen sind, verändert. In aktuellen Reportagen über Grönland wird häufig von sozialen Problemen in der Bevölkerung berichtet. Hoffnungslosigkeit bezüglich eines wirtschaftlichen Fortkommens (niedrige Einkommen, schlechte Schulbildung) schlägt sich nieder in einer hohen Jugendsuizidalität sowie hoher Zahlen Alkoholabhängiger. Die meisten Straftaten wie Körperverletzungs- und Tötungsdelikte werden unter Einfluss von Alkohol begangen. Die UNICEF teilte mit, dass jedes sechste grönländische Kind an Unterernährung leidet.

Kim Leine geht sehr realistisch mit den gesellschaftlichen Hintergründen um, vor denen die Menschen in seiner Siedlung miteinander umgehen und ihr Leben zu meistern versuchen. Jesper ist Krankenpfleger in einer Krankenstation in der Siedlung. Ärzte kommen selten zu Sprechstunden, besondere Fälle müssen von Jesper per Skype, oder, wenn die Internetverbindung zu schlecht ist, per Email dem leitenden Arzt des überörtlichen Krankenhauses beschrieben werden. Dieser gibt ihm entweder die Anweisungen zur Behandlung und Medikamentenvergabe oder leitet einen Helikopter- oder Flugzeugtransport in die Wege. Die Krankenstation ist einer der besonderen Knotenpunkte des Zusammenlebens der Menschen in der Siedlung.

Diese haben ein besonderes Miteinander entwickelt. Die Frauen geben den Ton an und bestimmen das Leben in der Siedlung. Die Männer sind zum Teil hängen geblieben zwischen tradierten Lebensweisen, wie dem Jagen von Robben, ohne damit dem Bestand zu schaden, aber auch dem Wunsch nach Schneekettenfahrzeugen und vorproduzierten Lebensmitteln und Getränken. In jedem Kapitel wird einer der Menschen aus der namenlosen Siedlung vorgestellt. Nach und nach erliest sich der Lesende das Beziehungsgeflecht der Menschen.

Ehe es sich der Lesende versieht, wird er verstrickt in die teils gefühlsarm – lakonisch wirkenden Umgehensweisen der Menschen miteinander, die sich aber auch irgendwie mit ihrer Ausweglosigkeit erklären lassen. Aus der Siedlung führen für die Einheimischen keine Wege in eine bessere Welt. Entsprechend entwickeln die Menschen miteinander ein lustbetontes Leben ohne enge Beziehungen, der Humor ist oft grob und aberwitzig. Dennoch wirken einige Begegnungen zart und rührend. Die Angst verletzt zu werden oder zuviel Emotion zu erleiden, hält Menschen zurück.

Jesper versucht sich zu arrangieren, doch nach einem Jahr in dieser Abgeschiedenheit, in der Erlebnisse ganz eigene Dynamiken entwickeln hält er es nicht mehr aus und kündigt. Zu viele Menschen haben seinen Weg gekreuzt, mit denen er zu eng oder nicht eng genug zusammengetroffen ist. Sein Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit wächst mit den Erlebnissen, bei denen eher Lust und Verlangen geweckt und erfüllt werden.

Die „Untreue der Grönländer“ hinterlässt bei mir eine diffuse Gefühlslage. Einerseits wirkt das Buch skandinavisch offen, realistisch und klar, andererseits schlägt aus der Geschichte eine Flut an humoresken Situationen, die die erlebte Hoffnungslosigkeit verstärken. Fragen nach dem Warum oder häufiges „Wie konnte das passieren?“ drängen sich auf. Die Siedlungsgesmeinschaften sind in vielem sehr solidarisch miteinander. Dennoch scheint die moderne Lebensweise eine hohe Zerstörungskraft nach Grönland getragen zu haben.

Dies ist ein großes Buch, das die emotionalen Herausforderungen und die Überlebenskraft von Menschen in widrigen Lebensumständen auf klare und realistische Weise beschreibt. Es müsste eigentlich aufrütteln.

Kim Leine

Übersetzung Ursel Allenstein

Die Untreue der Grönländer

Mare Verlag

ISBN 978-3-86648-140-4

Über Klaus Daniel 143 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.

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