23. Oktober 2017

Lesen = Reisen. Aber Reisen = Lesen?

Waterstones Buchhandlung im Wool Exchanges Bradford, Foto: Klaus Daniel

Oder: bücher-kater-tee.de on Tour

Vor gut einem Jahr rief Sandro Abbate in seinem Blog zu einer Blogparade mit dem Thema „Warum ich lese“ auf. Viele Blogger*innen gewährten in ihren Beiträgen einen tiefen Einblick in die persönliche Lesebiografie und in die ganz individuellen Triebfedern des Lesens. Und dann nahm sich der Homunculus-Verlag dessen an und brachte im März 2017 eine Anthologie heraus, in der 40 dieser Beiträge zu einer großen Liebeserklärung an die Literatur zusammengefügt wurden.

Ich war in diesem Reigen nicht die Einzige, die Lesen mit Reisen verglich, mit dem Betreten unbekannter Welten, dem Kennen lernen fremder Menschen und dem Erfahren neuer Erlebnisse. Viele Leser kennen genau dieses Gefühl, wenn sie ein Buch aufschlagen und sich auf die Geschichte zwischen den Buchdeckeln einlassen. Parallelen zwischen Lesen und Reisen zu ziehen, ist also durchaus nachvollziehbar. Aber gilt das auch umgekehrt: Ist Reisen auch Lesen? Ich meine schon.

Über das lange Fronleichnams-Wochenende waren wir dieses Jahr mit einem befreundeten Pärchen in Bradford/Nordengland, der Partnerstadt von Hamm. Klaus, dessen Freund Björn (der bereits als Gastrezensent hier in Erscheinung getreten ist) ein ehemaliger Kollege ist, hatte vor einigen Jahren einen Austausch initiiert, den Björn inzwischen fortführt und pflegt. Unsere gemeinsame Reise war im wahrsten Sinne des Wortes zunächst eine Schnapsidee, geboren an einem bier-, wein- und whiskyträchtigen Abend. Ich weiß noch nicht einmal mehr, warum wir auf diese Idee kamen, aber kurze Zeit später waren die Flüge gebucht, und Björn, der über den Austausch mittlerweile Freunde gefunden hatte, ließ sich um die Unterkünfte kümmern.

Und was hat dieser Trip nun mit Lesen zu tun?

Ganz wörtlich genommen boten diese vier Tage in Yorkshire eine Menge für das Leserherz. Paul, unsere „Home Base“ vor Ort, zeigte uns bereits am ersten Abend den Buchladen, nach dem Klaus infolge von Internetrecherchen schon aufgeregt Ausschau hielt. Am nächsten Tag dort hin gestromert, entpuppte sich dieser als wunderschöne große Buchhandlung im Wool Exchange Building. Das Gebäude wurde bis ca. 1960 für den regional bedeutenden Wollhandel verwendet, dann zogen Bücher und ein kleines Cafe ein. Beim ersten Eintreten wird wohl jedem einen Moment lang der Atem stocken – in Anbetracht der beeindruckenden Architektur, aber auch der langen Reihen von Büchern. Im hinteren Teil des Gebäudes sind vor einem großen neugotischen Fenster, neben dem Kamin, Lesesessel aufgestellt, in denen Bücherwürmer aller Colour erste Blicke in zukünftige Lektüren warfen.

Und natürlich darf eins nicht fehlen: Von Bradford aus kann man Haworth gut erreichen, den ehemaligen Wohnort der Brontë-Geschwister (ja, nicht nur die drei Schwestern, auch der eher unbekannte Bruder Branwell haben geschrieben). Wir sind stilvoll mit der Dampfeisenbahn angereist, haben die Main Street erklommen und die wichtigsten Gebäude des Dorfes besichtigt. Es war ein eher kühler und sehr windiger Tag. Direkt hinter dem ehemaligen Wohnhaus der Brontë´s beginnt bereits die berühmte Moorlandschaft. Wenn man ein paar Schritte geht und sich den Wind um die Nase wehen lässt, wird der Geist von „Wuthering Heights“ lebendig.

Eine Lesereise also? Ja, natürlich. Aber nicht nur.

Was ich außerdem meine, wenn ich die Behauptung aufstelle, dass Reisen auch Lesen ist, ist die sich immer wiederholende Erfahrung, beim Reisen auch in sich selbst zu lesen, in dem Land, das man bereist, in den Menschen, denen man begegnet. Eine weitere häufige Erfahrung: meist sind dies nur wenige Sätze in wenigen Kapiteln, vieles bleibt weiterhin offen und regt die Neugierde auf weitere Entdeckungen an – zumindest bei mir. Und: Wie in einem guten Roman zeigen sich unterschiedliche Seiten, Sichtweisen und Aspekte. Eine klare Aufteilung in „Gut“ und „Böse“ ist nicht möglich, es gibt Grauschattierungen, Ambivalenzen, den Anti-Helden im Helden, das Schöne im Unschönen.

Über mich selber habe ich zum Beispiel ein etwas verärgerndes Kapitel aufgeschlagen. Ich war, trotz neun Jahre Schul-Englisch, noch nie die ganz große Englischsprecherin. Das trifft sicherlich auch auf andere Menschen zu, ich beobachte aber immer wieder, wie sehr sich ein regelrechter Tunnelblick (oder „Tunnelsprech“) entwickelt, wenn ich unsicher bin, nicht direkt die passende Vokabel finde oder auch nur ein Wort nicht richtig verstehe. Mir fehlt dann die Kreativität, aus dem Kontext zu verstehen oder selbst ganz unperfekt das zu umschreiben, was ich nicht direkt ausdrücken kann. Damit habe ich mir das ein oder andere Gespräch selbst erschwert. Genauso geht es mir beim Lesen von Literatur auf englisch. Mit einer Ausnahme: Lyrik. Hier ist es mir egal, nicht alles genau zu verstehen. Ich genieße den Sound eines Gedichts. Um mich daran zu erinnern, wurde mein Mitbringsel aus Bradford demzufolge auch ein Poetry Book.

Großbritannien habe ich schon mehrfach bereist, London, Südengland, Schottland. Ich fühle mich ausgesprochen wohl hier, mag das Land, seine Städte, seine Landschaften, seine Kultur und seine Menschen. Diese Reise war für mich die erste nach Yorkshire und hat mein großes Herz für England noch erweitert. Selbst wenn man Bradford sicherlich nicht für die schönste Stadt der Welt halten wird: Zwar hat die Stadt im II. Weltkrieg nur wenig Schaden genommen, dieser wurde dann aber durch Städteplaner vorgenommen, die mehrere der architektonisch großartigen Gebäude abreißen und gegen „Bausünden“ austauschen ließen. Und so finden sich in der Stadt herrliche viktorianische Straßenzüge unmittelbar neben Shopping Malls, Hochhäusern und planierten Plätzen. Die Bradforder haben das Beste daraus gemacht, und viele der Pubs bieten nicht nur eine riesige Auswahl an Bier und Cider, sondern warten auch noch mit einer ansprechenden Raumarchitektur auf. Das „City Vaults“ mit seinen vielen Tiffany-Lampen und bunten Glasfenstern war nicht nur gemütlich-schön, sondern setzte mit seinem „Huge Full Breakfast“ Maßstäbe und steht bei uns in Ehren! Aber dieses „Kapitel“ zeigt eben auch, dass Geschichten, dass Reisen, dass Erfahrungen nie „glatt“ sind. Es sind die Ambivalenzen, die ins Auge fallen, wenn man bereit ist, sie zu sehen. In Bradford erkennt man eben nicht nur die gefälligen, schönen Fassaden, sondern auch das Leben in einer Stadt, die nicht nur den einen oder anderen inkompetenten Städteplaner überlebt hat, sondern eben auch Zeuge einer wechselhaften Industriegeschichte ist, in deren Zuge eine hohe Anzahl von Menschen aus Bangladesch, Pakistan und Indien in die Stadt einwanderten und das Stadtbild und das Zusammenleben prägen. Ebenso war unser Ausflug nach Haworth zwar sehr schön und informativ, zeigte uns aber auch ein Dörfchen, das inzwischen durch den „Brontë  -Tourismus“ seinen Stempel aufgedrückt bekommen hat. Man sagte uns, dass wir noch Glück gehabt und eher weniger Touristen angetroffen hätten. An anderen Tagen seien die Straßen überlaufen von Menschen, die, statt zu schauen, die meiste Zeit eine Kamera vor ihren Augen hätten und die Souvenir-Shops leer kaufen. Und so sehr mich das auch nervt – eine weitere Ambivalenz ist, dass ich ebenfalls Teil dieses Tourismus bin.

Wie so oft sind es gerade die Menschen, die eine Reise besonders machen. Es war ebenfalls ein erstes, aber wohl nicht letztes, da sehr schönes Kapitel, zusammen mit unseren Freunden zu reisen – Björn, Steffi, es war toll mit Euch! Und dann war da Paul. Björns Freund war nicht nur die „Home Base“ für unsere Reise, sondern die Verkörperung von Gastfreundschaft. Er war der umsichtige Organisierer, kümmerte sich um unsere Unterkunft, war unser Shuttleservice vom/zum Flughafen und gab uns zahlreiche Tipps. Paul war aber gleichzeitig der „Brückenbauer“ zu anderen Menschen. Das Barbecue bei ihm war nicht nur ausgesprochen lecker, sondern bot aufgrund der zahlreichen Gespräche mit Freunden von Pauls Familie den Nährboden für einen ausgesprochen schönen Abend, an dem wir uns unter diesen freundlichen und offenen Menschen sehr wohl gefühlt haben.

Paul, whenever you read this: remember the invitation to a big shepherd´s pie in Hamm  – I´ll do my very best, because you and your family are great! Thank you so much!

Ich erinnere mich auch gern an die freundliche Dame in der City Hall, die es sehr bedauerte, dass es keine Möglichkeit für uns gab, selbige zu besichtigen und stattdessen mal eben einen Spontanvortrag über das Gebäude und seine Geschichte hielt. Selbst Mike, halb Engländer, halb Ire und wohl auch ein wenig irre, sorgte für gute Unterhaltung, ebenso wie der Michael-Jackson-Verschnitt, dessen Konzert wir dank Pauls Einsatz im „Alhambra“ beiwohnen konnten – die beste Show kam allerdings von den begeisterten Besuchern.

Und so hat auch diese kleine Reise wieder neue Kapitel aufgeschlagen. Ich habe mir vorgenommen, den ein oder anderen Brontë-Roman zu lesen. Und klar ist auch, dass wir Yorkshire wieder besuchen werden. Um Neues zu entdecken. Wie beim Lesen. Wie beim Reisen.

Über Andrea Daniel 53 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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