23. Juli 2017

Mein Lieblingsbuch: Blues für Ari Loeb von Frederik Hetmann

Yepp. Ich habe eins.

Aus vielen Gründen ist es dieses:

Frederik Hetmann: Blues für Ari Loeb

Blues für Ari Loeb las ich zum ersten Mal mit 14 Jahren, also vor fast 40 Jahren. Ich war Pfadfinder, wir beschäftigten uns mit pfadfinderischen Werten: Brüderlichkeit, Kameradschaft, sich Einsetzen für die Gesellschaft und vieles mehr.

20161212_101036Um dem Thema Werte näher zu kommen, lasen wir und erzählten uns, was wir gelesen und erfahren hatten, viel später kamen wir auch auf die Idee Zeitzeugengespräche zu führen. Uns war klar, dass unsere Eltern- und Großelterngenerationen Erfahrungen gemacht hatten, die uns auch betrafen, auch wenn wir nicht genau wussten inwiefern.

Einer, der mich auf diese Spur setzte, war Ari Loeb – naja, eigentlich Frederik Hetmann, der Mann, der den Jugendroman „Blues für Ari Loeb“ geschrieben hatte. Ari Loeb begleitet mich nun also seit meiner Jugend. Ich habe ihn schon oft verliehen – oftmals nicht wiederbekommen, so dass ich nun zwei Exemplare besitze, die ich (dem Internet sei dank) neben unterschiedlichen „verliehenen“ Exemplaren in diversen Antiquariaten zusammengekauft habe.

Hetmann lässt seinen Ari in einer Schülervollversammlung über das Leben im Internat sagen:

„Wir leben theoretisch“

Ari meint damit, dass die Schüler klug über das Leben reden – es aber nicht aktiv erleben. Ein immerwährendes Jugendthema. Allerdings findet Ari Antworten.

Ari Loeb

Ari Loeb tritt im Buch erst sehr spät auf. Wir, die Leserinnen und Leser werden aber schnell das Gefühl bekommen, dass wir Ari schon gut kennen. Er wird uns nämlich kapitelweise von einem seiner Freunde oder einer seiner Freundinnen vorgestellt. Obwohl das Buch 1978 erschienen ist, wirkt es altmodisch. Einem heutigen Jugendlichen vermutlich noch altmodischer als mir damals. Denn – die Geschichte, die in mehreren Zeitebenen erzählt wird, beginnt in einer kleinen Stadt im Nachkriegsdeutschland der 1960er Jahre. Es gab also kein Internet, kein Smartphone, Handys natürlich auch nicht und nicht jede Familie hatte schon einen Fernseher – der übrigens schwarz weiß … ach so, alles schon gewusst? Naja – altmodisch eben.

Ari ist Jude. Er hat das Glück, dass er mit anderen jüdischen Kindern in die Schweiz geschmuggelt wird. 20161212_101033Sein Vater wurde von den Nazis verschleppt, seine Mutter, die ihm später in die Schweiz folgen will, wird Ari nie wiedersehen.

Mit Glück und Unterstützung seiner Fluchthelfer gelangt Ari an die Ecole International, einer internationalen Schule, in der Ari unterschiedliche Kämpfe ausfechten muss. Er kämpft gegen Vorurteile, tritt für andere Schüler und Schülerinnen ein und startet eine Hilfskampagne. Das alles schafft Ari durch eine Vorbildhaltung, durch persönlichen Einsatz und mit demokratischen Mitteln. Auf diese Weise wird Ari zu einem der tonangebenden Schülern der Ecole, an der die Mitverantwortung für die Welt und Mitmenschen besonderes Lehrprinzip ist.

Als der Krieg vorbei ist, macht sich Ari auf den Weg. Er durchreist auf der Suche nach einem Zuhause und sicher auch sich selbst, das Nachkriegseuropa. Er trifft immer wieder auf Menschen, denen er zur Selbsthilfe verhilft.

Sowohl an der Ecole, wie auch auf seinem Weg durch Europa beeindruckt und beeinflusst Ari durch seine Persönlichkeit junge Menschen.

Einige dieser Menschen lernt Nick kennen. Nick ist der einzige Sohn einer wohlhabenden Autohändlerfamilie, der Ari an der Ecole kennen gelernt hat. Nick liebt den Jazz und spielt mehrere Instrumente in seiner Band. Sein Vater hat ihm erlaubt einen Raum zum Jazzkeller umzubauen. Der Jazzkeller wird Treffpunkt der Jazzfreunde aus der Umgebung und – wie sich später herausstellen wird – der Treffpunkt einiger interessanter Gestalten, die einem Aufruf von Ari Loeb folgen.

Als ich damals die Geschichte von Ari und seinen Freunden las, hatte ich den Eindruck einiges von der Generation meines Vaters zu lernen: Die Nachkriegserwachsenen mussten sich in einer völlig veränderten Welt zurecht finden. Viele waren mit einem (Neu-) Aufbau beschäftigt. Es blieb keine Zeit für Trauer oder Aufarbeitung. Viele wollten sicher auch nur vergessen und „nach vorne“ schauen.

Die besonderen Einflüsse, die Ari auf seine Freunde ausübt, als Freund, Ratgeber und Vorbild, sind Werte, die mir damals positiv erschienen, die mich beeinflussten und die ich auch heute noch hoch halte.

Ich wusste mit vierzehn Jahren vom Holocaust nur das, was wir in der Schule gehört hatten, es wurde sachlich berichtet – in der Familie war das kein Thema. Ari hat seine Familie verloren – durch ihn ist für mich der Schrecken entsachlicht worden. Ich verband nach der Lektüre den Schrecken der Shoa mit Erlebnissen – wenn auch in der Romanfassung von Hetmann. Seit Hetman schwingt die Shoa – die Verfolgung und gezielte Massenvernichtung jüdischer Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus als Teil der deutschen Geschichte immer im Hintergrund meines Bewusstseins. Die Verbindung  der deutschen Geschichte mit der Vernichtung jüdischen Lebens gerät immer wieder in den Vordergrund durch aktuelle politische Vorgänge, durch Reisen oder persönliche Begegnungen. Ari Loeb machte die Shoa für mich erstmals persönlich und er macht deutlich, dass die Welt Solidarität braucht, damit Menschen sich selbst helfen können.

Eigentlich spielen die jungen Leute keinen Blues für Ari Loeb. Ari möchte mit seiner Bluesband weiterhin Gutes bewirken. Dass seine Freundinnen und Freunde ganz selbstverständlich seinem Ruf folgen ist bezeichnend – Sie folgen aus Freundschaft, Dankbarkeit und Solidarität.

Dass jemand diese Werte bei Menschen auslöst ist für sich großartig. Frederik Hetmann hat diese Werte in eine großartige Geschichte gepackt, die mich noch immer fasziniert.

Blues für Ari Loeb ist auf meiner Shortlist der Jugendbücher für alle Zeiten auf Platz eins.

Frederik Hetmann

Blues für Ari Loeb

ISBN: 3 473 39482 3

Leider nur noch antiquarisch erhältlich

 

Frederik Hetmann

Frederik Hetmann, eigentlich Hans-Christian Kirsch, wurde 1934 in Breslau geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Niederschlesien, Berlin und Frankfurt a.M.. Er studierte Pädagogik, Anglistik, Romanistik, Philosophie und politische Wissenschaften an den Universitäten in Frankfurt a.M., Berlin, München und Madrid.

1961 erschien sein erstes Jugendbuch „Blues für Ari Loeb“. Seitdem war Hetmann hauptsächlich als freier Schriftsteller tätig, bevor er von 1972 bis 1978 Herausgeber der „Jungen Reihe“ im Otto Maier Verlag wurde. Danach arbeitete er wieder freiberuflich als Autor.

Frederik Hetmann  starb am 1. Juni 2006.

Die Zeitschrift „Der Spiegel“ hielt einen Nachruf auf Frederik Hetmann:

In seinen über hundert Bücher – Romanen, Lyrik, Sachliteratur, Biografien, häufig für junge Leser – bewies der geborene Breslauer vor allem eines: Sein nie versiegendes Interesse für Unangepasste, Unterdrückte und die Unergründlichkeiten des Daseins. Nach Fluchtjahren hatte Kirsch zunächst als Lehrer und Redakteur gearbeitet, bevor er sich im Westerwald niederließ. Seither wirkte der reisefreudige Schriftsteller, der unter dem Pseudonym Frederik Hetmann veröffentlichte, im besten Sinne als Aufklärer: In vielen Lebensbilder, Länderporträts, Geschichten- und Märchensammlungen nutzte er seine Kenntnisse der Eigenart fremder Kulturen, um immer wieder auch für Einzelgänger und Außenseiter Verständnis zu wecken. Schon sein 1960 erschiener Tramperroman „Mit Haut und Haar“ beschwor er visionär die Revolte der jungen Generation in Europa. Auch Kirschs Biografien stellten fast immer kreative Rebellen in den Mittelpunkt – von Jack Kerouac und Karl May über Rosa Luxemburg und Walter Benjamin bis zu Ché Guevara, Sylvia Plath und Bob Dylan.

 

Über Klaus Daniel 138 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.

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