19. August 2017

S. Aeschlimann: Glück ist Teuer

St. Gallen

ist Standort einer der weltweit führender Wirtschaftshochschulen Europas. Deswegen finden sich vor Ort zahlreiche Unternehmen der Finanzwirtschaft, der Unternehmensberatung sowie private Management – Schools und Wirtschaftsinstitute. Die forschungsstärkste BWL – Fakultät im deutschsprachigen Raum hat, laut Handelsblatt, ihren Standort in St. Gallen.

Dabei wirkt der Ort St. Gallen mit seiner an vielen Stellen erhaltenen traditionellen Architektur kompakt, überschaubar und vielleicht sogar etwas provinziell. Die Weltkulturstätte Stiftsbibliothek ist neben den vielen weiteren erhaltenen kirchlichen und weltlichen alten Gebäuden ein deutliches Zeichen für die bewahrenden Kräfte der Schweiz und möglicherweise St. Gallens.

In dieser Stadt lebte Silvan Aeschlimann um Volkswirtschaftslehre zu studieren. In diesem Jahr ist sein zweites Buch „Glück ist teuer“ im renommierten und hochinteressanten Zytglogge Verlag erschienen.

Geld

In Glück ist teuer geht es um … ja, das wäre jetzt billig. Silvan Aeschlimann schreibt nicht über das Geld. Er erzählt vor der Hand von Noah, der mit seiner alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist und seinen Vater nicht kennengelernt hat. Dieser Vater, der bislang nichts von seinem Sohn wissen wollte, hat nun Sorgen. Er möchte seine Unternehmungen auf die Zukunft ausrichten, in der er, der um seine eigene Vergänglichkeit weiß, einen Nachfolger etablieren möchte – Noah.

Noah hatte begonnen Wirtschaft an der Hochschule St. Gallen zu studieren um nichts weniger, als die Welt zu verändern.

„Wer verstand, woher Geld kam und wohin es ging, verstand auch die Menschen. Man brauchte nur dem Weg des Geldes zu folgen.“

Noah merkte auch wie Zweifel an ihm in ihm nagten: hatte er das Studium an der HSG gewählt, um sich die Möglichkeit des Weltverbesserns zu erarbeiten, oder insgeheim, um sich finanziell abzusichern? Noah ist sich in vielem (noch) nicht sicher: In seinem Liebesverhältnis zu Sophia, in der Verarbeitung seiner Kindheit mit der Mutter, die ein unstetes Liebesleben geführt hat – und mit der Aussicht auf zeine zukünftigen Lebensperspektiven.

Nachdem sich Peter Widmer ein bekannter Finanzmakler bei Noah gemeldet hat, um ihm anzubieten ihn, seinen ihm bislang unbekannten Vater kennen zu lernen, verändert sich Noahs Leben fast über Nacht.

Mit einem Grundkapital, dass ihm der Vater als späte Wiedergutmachung überantwortet, startet Noah eine sich rasant entwickelnde erfolgreiche Karriere als Börsenspekulant.

Glück

In allem was Noah passiert, den Erlebnissen des Geldverdienens, der sich entwickelnden Beziehungen zu Peter Widmer und Sophia erlebt Noah Veränderungen an sich an seinen Perspektivblicken auf die Welt. Er beginnt, nicht zuletzt durch Störungen in der Liebesbeziehung zu Sophia, sich zu hinterfragen. Der Weg vom postpubertären Studenten zu einem erfolgreichen Millionär mit Zweifeln an sich, seinen Beziehungen und seinem hehren Ziel der Weltverbesserung führt Noah zu essentiellen Erkenntnissen, die ihn zu einem verwegenen Plan führen, zu dessen Ausführung er auf Hilfen aus seinem studentischen Umfeld zurückgreifen muss.

Korruption? Verführung?

Der Roman nimmt langsam Fahrt auf. Ist das Berner Langsamkeit, oder Aeschlimannsche Gründlichkeit? Die Geschichte wird in unterschiedlichen Rückblenden in sich ergänzende Perspektiven gerückt, aus denen die Leser*innen Noahs Welt kennen lernen – mit den Widersprüchlichkeiten, die Noah auf seinem Lebensweg in seiner Person integrieren musste, die er aber immer wieder in großräumigen Selbstreflexionen hinterfragt.

Diese in sich nicht sichere, weil mit seinen vielfältigen Existenzfragen kämpfende Persönlichkeit wird plötzlich mit den Möglichkeiten eines reichen und unabhängigen Mannes geflutet. Und genießt.

Aeschlimann konstruiert ein mehrperspektivisches Vexierbild des sich in stetiger Entwicklung und Selbstreflexion befindlichen Noah. Die enstehenden Distanziertheiten zwischen den handelnden Personen beschreibt Aeschlimann als eindringliche Wechselwirkungen von Noahs Verhaltensweisen und seinem Familien – System.

Und hier zeigt sich  eine der besonderen Stärken von Silvan Aeschlimann – er führt verschiedene gut entwickelte Erzählstränge zu einem dicken roten Faden zusammen, verbindet große Zusammenhänge der Hochfinanz (hier lässt er sein umfangreiches Wissen locker mit einfließen) mit persönlichem Schicksal verschiedener miteinander verbundener Personen in so ausdrücklicher Weise, dass ich nach und nach zu einem Seitenfresser des an Spannung zunehmenden Buches mutiert bin.

Noah muss verschiedene Entscheidungen selbst treffen – oder Andere treffen diese für ihn. Dazu muss sich Noah aber selbst auf die Spur kommen, sich hinterfragen und sich überlegen, auf welche Weise er mit sich ins Reine kommen, und seine selbst gestellten Aufgaben erfüllen kann. Es entstehen nachvollziehbare Szenen, die mich als Leser positiv überrascht haben: Aeschlimann macht deutlich, dass Glück nicht von Einzelnen abhängt – Glück kann nur in Zusammenhängen erlebt werden. Dabei scheint Geld in letzter Instanz einer der unwichtigeren Faktoren zu sein.

Aeschlimann hat mich tief in seine Geschichte mitgenommen. Möglicherweise wirkt der Roman um Noah und den Multimillionärsvater ein bisschen konstruiert – die Auswirkungen von finanzieller Verführung, (später) Erkenntnis von emotionalen Verlusten und Wichtigkeit von persönlichen Entscheidungen jedoch sind prägnant geschildert und führen zum Mitfühlen und zur Selbstreflexion.

Silvan Aeschlimann

Glück ist teuer

ISBN: 978 – 3 – 7296 – 0954 – 9

Zytglogge-Verlag, Basel 2017

Über Klaus Daniel 141 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.

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