23. Oktober 2017

Theresa Schwietzer: Ein Blick auf die andere Seite

Foto: Andrea Daniel

Vor knapp zwei Jahren wurde bei unserer Schwägerin ein Hirntumor diagnostiziert. Am Vorabend der Operation saßen wir in gedrückter Stimmung zusammen und gingen mit ihr ihre Patientenverfügung durch, sie erläuterte uns ihre Wünsche im schlimmsten Fall und für ihre Bestattung. Auch wenn es zum Glück bei der Theorie blieb, haben wir uns kurze Zeit später ebenfalls Gedanken gemacht zu der letzten Phase unseres Lebens und unsere Vorstellung darüber, auf welche Art und Weise wir bestattet werden möchten, wie es weitergeht, wenn es für uns zu Ende gegangen ist. Es ist wohl nachvollziehbar, dass dies gemischte Gefühle auslöst. Bei uns ist es selten geworden, über das Sterben und den Tod zu sprechen, auch darüber, was wir hoffen und meinen, was nach dem Tod kommt. In einer schnelllebigen Zeit, in der Fitness und Leistungsfähigkeit hochgehängte Werte darstellen, ist der Tod im Grunde das schlimmste Desaster. Und dennoch ein Ereignis, das ausnahmslos jeder irgendwann erleben wird.

 

Genau damit beschäftigt sich Theresa Schwietzer in diesem Buch. Die Grafikerin und Illustratorin hat sich intensiv mit unterschiedlichen Vorstellungen vom Sterben, Tod und Jenseits auseinander gesetzt. Exemplarisch beschreibt sie diese für ethnische Gruppen aus Indien, Ecuador, Haiti und Zentral- und Südafrika, also Gruppen, die keiner monotheistischen Religion angehören.

Schwietzer gibt zunächst jeweils eine Übersicht über die wichtigsten Grundbegriffe der zugrunde liegenden religiösen bzw. spirituellen Theorien und spitzt diese dann auf die Ideen zu, die die Menschen zum Sterben und zum Jenseits entwickelt haben. So ist im Hinduismus der wesentliche Begriff in der Vorstellung des Samsaras zu sehen, der Vorstellung der Wiedergeburt und Reinkarnation, abhängig von den Werken und Taten im vorangegangenen Leben. Der Tod stellt somit eine Art Übergang von einem Leben in das andere dar, das Sterben ist ein wichtiger Moment, um ein letztes Mal sein Karma zu verbessern. So soll der Sterbende Richtung Norden gebettet werden, wo Hinduisten die Stätte des Totengottes Yama vermuten. Die anschließenden Rituale um den Verstorbenen dienen der Erleichterung und Verbesserung des Übergangs von einem Leben in das nächste, indem der Verstorbene einer symbolischen Reinigung unterzogen wird dadurch, dass seine Asche einem Fluss, im Idealfall dem heiligen Fluss Ganges, übergeben wird. Das Wasser symbolisiert dabei selbst den Kreislauf des Lebens: Regen, der auf die Erde fällt, wieder verdunstet und aufsteigt und wieder auf die Erde herabregnet. Auch dem Ritus des Verbrennens wird reinigende Kraft zugeschrieben, außerdem soll durch die Hitze der Schädel aufspringen, damit die Seele den Körper verlassen kann.

Es bleibt nicht bei den Riten um das Sterben und die Bestattung, auch der Trauer der Hinterbliebenen wird Raum gegeben, indem im Anschluss festgelegte Aufgaben und Verhaltensregeln erfolgen, die den Übergang von der Trauerzeit in den Alltag gestalten, bis hin zu einem Erinnerungskult, die dem sehr persönlichen Gedenken an den Verstorbenen dienen.

 

In ähnliche Art und Weise stellt Theresa Schwietzer Sterbe- und Trauerkulte weiterer Religionen vor. In Ecuador finden sich bei den Jivaro-Indianern schamanistische Vorstellungen, die Ausdruck einer engen Verbindung der Menschen mit der Natur sind. Bestimmten Tieren wird nachgesagt, dass sie die Seelen der Verstorbenen in sich tragen. Gleichzeitig gibt es im Glauben dieser indigenen Völker gute und auch böse Geister, die Einfluss auf das Leben nehmen, ebenso wie Schamanen als Vermittler zwischen den Menschen und den Göttern und Geistern positiv oder negativ auf Menschen einwirken können. Interessant ist hierbei der Gedanke, dass die menschliche Seele bereits vor dem Tod den Körper verlässt, der Sterbende also bereits nur noch eine stoffliche Hülle ist, die schon als tot angesehen wird. Aus diesem Grund werden oft Schwerkranke nicht mehr behandelt, da sie als lebende Tote gelten.

 

In Haiti wiederum findet sich mit dem Voodoo-Glauben quasi ein „Mitbringsel“ aus Westafrika, das durch Sklaventransporte seinen Weg auf die Karibikinsel gefunden hat. Er findet hier ganz eigene Ausprägungen, häufig auch gemischt mit dem katholischen Glauben der Kolonialisten: Es gibt in den Vorstellungen Heilige als Mittler zwischen Menschen und Geistern und Göttern, und Menschen können von Geistern besessen sein. Der Glaube verfügt über keinerlei schriftlichen Ausdruck, er wird mündlich weitergegeben und hat somit auch unterschiedliche Ausprägungen. Grundlegender Gedanke ist jedoch, dass die Seele des Menschen aus zwei Teilen besteht. Der eine wird dem Willen und Denken zugeordnet, der andere der Gefühlswelt. Sie verlassen unterschiedlich schnell den verstorbenen Körper und es bedarf unterschiedlicher Zeremonien, um dies zu unterstützen. Hierbei ist es immens wichtig, die Seele des Verstorbenen nicht zu erzürnen, um nicht zu riskieren, dass dieser als Wiedergänger, als Zombie in die Welt der Lebenden zurück kehrt. Aus diesem Grund bleiben bei der Totenwache und Beerdigung auch die Menschen fern, die mit dem Verstorbenen ungelöste Konflikte und Auseinandersetzungen gehabt haben. Als Zombies gelten im übrigen nicht nur Verstorbene, die aus Zorn auferstanden sind, sondern auch Menschen, denen lebend die Seele gestohlen wurden. Das Ritual des Seelenraubs ist offiziell strafbar.

 

In Zentral- und Südafrika ist die Vorstellung weitverbreitet, dass es zwei Welten gibt: die der Lebenden und die der Toten. Wie nahe sich diese Welten sind, ist erkennbar daran, dass von der Welt der Toten als „das andere Dorf“ gesprochen wird, aber auch daran, dass den Verstorbenen, die während ihres Lebens große Macht erworben haben (zum Beispiel ein Stammesältester), die Verantwortung zugesprochen wird, auch aus „dem anderen Dorf“ heraus für seine Familie zu sorgen. So nehmen die Verstorbenen auch weiterhin am Leben teil, werden um Unterstützung gebeten oder auch beschimpft, wenn die Familie Unglück ereilt.

 

Bild: Edition Büchergilde

Theresa Schwietzer nähert sich auf ungewöhnliche Weise diesem Thema. Erstmalig nimmt sie sich vor, ein Buch nicht nur zu illustrieren, sondern es auch inhaltlich auszufüllen. Gelungen ist ihr eine wunderbare kleine Reise durch die Welt unterschiedlicher Religionen und Kulturen und ihren Denkweisen zu den Fragen um Sterben, Tod, dem Jenseits und der Trauer der Hinterbliebenen. Ihre Buntstiftzeichnungen und Holzschnitte untermalen im wahrsten Sinne des Wortes die Inhalte. Text und Illustrationen bleiben gleichwertig, sie unterstützen sich gegenseitig in gut gelungener komplementärer Art und Weise. Die Edition Büchergilde bringt hier ein hochwertiges Buch heraus, in dem man gern blättert und liest. Ich kann mir gut vorstellen, dass dies auch für ältere Kinder gut geeignet ist, die sich mit diesem Thema beschäftigen, da Theresa Schwietzer die Kapitel klar gliedert und die Inhalte auf die wichtigsten Informationen begrenzt. Gleichzeitig schweift der Blick gerne ab auf die passenden und liebevollen Illustrationen. Ein kleines Schmuckstück!

 

Eine weitere Besprechung findet sich bei Poesierausch.

 

Theresa Schwietzer: Ein Blick auf die andere Seite

Edition Büchergilde

120 Seiten

ISBN 978-3-86406-070-0

Über Andrea Daniel 53 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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