23. Oktober 2017

Thomas Kadelbach: Tombola

Thomas Kadelbachs „Tombola“ hat mich zunächst vor Probleme gestellt:

Vier Menschen nehmen am Flughafen vier Koffer vom Band, die jeweils nicht der eigene sind. Das kommt mir schon komisch vor – gleich vier Mal? Jeder dieser Reisenden findet im fälschlicherweise mitgenommenen Gepäckstück Dinge, die für die/den tatsächlichen Kofferbesitzer*in wichtig sein muss, und jede*r, der/dem der eigene Koffer nun fehlt, vermisst nun sehr Wichtiges: Berufliche Unterlagen für Vertragsverhandlungen, Vorträge und zu haltende Reden.

Durch Nachfragen beim Flughafen kommen die vier Protagonisten im Belgrad dieser Zeit zusammen und entdecken, dass plötzlich das Leben andere Wichtigkeiten für sie bereithält.

Einerseits konstruiert Herr Kadelbach noch einmal ein bisschen am Koffertausch – Geschehen herum: Die Vier haben offensichtlich nicht miteinander die Koffer getauscht – aber damit findet das Chaos der Ereignisse, ebenso wie der Emotionen eine neue Ordnung.

Im Kern des Büchleins von Thomas Kadelbach reflektieren die Protagonisten der Geschichte, die aus jeweils unterschiedlichen wichtigen Gründen nach Belgrad gereist sind, die Motive ihrer Reise, ihr bisheriges Leben und ihre Lebensziele. Dass dies in der besonderen Atmosphäre des Aufbruches des heutigen Belgrad geschieht, ist sicher nicht zufällig. Kadelbach lässt seine Protagonisten Aufbruchstimmung erleben, die verbunden ist mit einer Besinnung auf einen möglichen Sinn des Lebens, auf eine Entschleunigung und eine Vereinfachung des Lebens.

Dabei gelingt ihm die Charakterisierung der ehemaligen Botschafterin ebenso gut wie die der anderen Personen, die dem Lesenden nach jeder weiteren Seite näher rücken, bekannter werden und in denen er/sie sich vielleicht auch ein bisschen selbst erkennen wird.

Ich musste mich über einige Unwahrscheinlichkeiten hinwegarbeiten – fand mich aber zunehmend in der Geschichte, ihrem Tempo und ihren inneren Weisheiten zurecht.

Kadelbach hat für dieses Buch einen Literaturförderpreis des Kantons Freiburg erhalten. Zurecht.

 

Thomas Kadelbach
Tombola
Offizin Verlag
ISBN 978-3-906276-60-1

Über Klaus Daniel 148 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.

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