23. Oktober 2017

Thomas Mullen „Die Stadt am Ende der Welt“

Auguste Rodin: Danae (Foto: Andrea Daniel)

1918 ist Commonwealth eine junge Stadt im Nordwesten der USA. Charles Worthy hat sie gegründet, um hier Werte zu leben, die woanders mit Füßen getreten werden. Statt die Arbeiter seines Sägewerks auszubeuten, zahlt er ihnen faire Löhne, gewährt ihnen günstige Kredite, damit sie sich mit ihren Familien ein kleines Häuschen leisten zu können, und führt Arbeitsschutzmaßnahmen ein. Seine Frau Rebecca ist Feministin, hat sich der Suffragettenbewegung angeschlossen und kämpft für das Frauenwahlrecht. Die kleine Stadt ist ein Sammelbecken von Gestrandeten, die woanders keine Heimat finden, die ausgebeutet wurden, die Wunden und Behinderungen davon trugen, als sie geschunden wurden, die aufgrund ihrer Herkunft schräg angeschaut wurden. Das Konzept scheint aufzugehen, die Gemeinde floriert, der Handel mit den Nachbarstädten ist rege. Commonwealth soll eine neue Form des Zusammenlebens ermöglichen.

Doch lassen sich diese Werte auch leben, wenn ihre Bewohner vom Weltgeschehen eingeholt werden?

Commonwealth wird kritisch beäugt von den Städten und Gemeinden in der näheren Umgebung. Das Ansinnen Worthys steht unter Verdacht, die gefürchteten kommunistischen Ideen der Russischen Revolution auch in die USA zu bringen, man fürchtet Spione und Saboteure. Zwielichtige Gestalten und Kriminelle werden unter den Bewohnern vermutet, die in Commonwealth vor ihrer rechtmäßigeBestrafung geflohen sein könnten und ihren Pflichten als treue Bürger des Landes nicht nachkommen. Die Lage ist schwierig: Im April 1917 sind die USA in den Krieg eingetreten und verzeichnen seitdem große Verluste. Zahlreiche Opfer sind zu beklagen, Familien erhalten täglich die gefürchteten Telegramme mit den Todesmitteilungen ihrer Brüder, Väter, Ehemänner und Söhne. Langsam läuft eine Propagandamaschine an, die Kriegsgegner und Friedensaktivisten in die Nähe von Vaterlandsverrätern rückt, und die Kriegsdienstverweigerern mitunter sehr brutal verdeutlicht, was sie von ihnen halten. Eine eigene Miliz spürt in einigen Bundesländern der USA Männern auf, die sich bisher noch nicht freiwillig zum Militär gemeldet haben. Das Land ist ohnehin nervös, als sich die Situation weiter zuspitzt: Die Spanische Grippe bricht aus. Gerade bei den kräftigen, gesunden Erwachsenen ist die Mortalitätsrate besonders hoch und keiner weiß, warum. Die Medizin ist noch verhaftet in der alten Lehre über Miasmen,  schlechte Dämpfe, die Krankheiten bringen. Neue Erkenntnisse über Infektionswege und Schutzmöglichkeiten setzen sich nur langsam durch, sodass manche Familien durch die Grippe und durch den Krieg regelrecht ausgelöscht werden. Ein Nährboden für Verschwörungstheorien, neue Feindbilder und Denunziationen entsteht.

In dieser Situation beschließt die Bürgerversammlung von Commonwealth, allen voran Charles Worthy, die Gemeinde vom Rest der Welt abzuschotten, um von der Grippe verschont zu bleiben. Für einige Wochen sind genügend Vorräte vorhanden, um auch ohne Außenkontakte überleben zu können. Der Alltag läuft zunächst fast wie gewohnt weiter, im Sägewerk werden die Lager gefüllt. Die Grenzen der Gemeinde werden abgeriegelt und die Männer richten rund um die Uhr einen bewaffneten Wachdienst ein, um jedes Eindringen zu verhindern. Doch eines Tages geschieht, was in der Praxis noch niemand erprobt hat: ein Unbekannter steht vor der Absperrung und lässt sich nicht abhalten von der Aufforderung, die Stadt nicht zu betreten: ein Ereignis, dessen Folgen unabsehbar sind und das Zusammenleben in Commonwealth auf eine Art und Weise erschüttert, wie es nicht für möglich gehalten wird.

Foto: Andrea Daniel

Wenn sich diese Beschreibung zunächst liest wie die Darstellung eines Thrillers, so erwartet den Leser in Thomas Mullens Debutroman eher ein mitunter sogar stilles Psychogramm. Fein zeichnet der Autor das innere Erleben seiner Protagonisten nach. Eine direkte Hauptfigur scheint es nicht zu geben, wohl aber die, die die Handlung vorantreiben. Mullen lässt unterschiedliche Figuren zu Wort kommen: Außenstehende, die ihre eigenen Theorien über die merkwürdige Gemeinde entwickeln, psychisch verletzte Menschen, die in ihrem Schmerz einen zerstörerischen Tunnelblick entwickeln, keine Distanz mehr zu ihren emotionsgeladenen Annahmen finden, aber auch diejenigen, die in der Quarantäne fast verrückt werden an ihren Ängsten und der Frage, ob die Abschottung eine gute Entscheidung war; Charles Worthy, der sich verantwortlich fühlt für das Geschehen, seine Frau Rebecca, die zerrissen wird von ihrer Solidarität ihrem Mann gegenüber und ihren eigenen Werten, der junge Familienvater Graham und sein jugendlicher Freund Philip, der sich das erste Mal verliebt und in dieser Extremsituation weder sich noch seine Familie noch seine Nachbarn versteht.

„Wisst ihr, was ich gehört habe? „Was denn?“ „Es heißt, Mr. Worthy will die Stadt möglicherweise nur deshalb abriegeln, um zu verhindern, dass sich die Leute anderswo Arbeit suchen.“ „Anderswo…?“ „Ich habe gehört, dass es an der Küste haufenweise Jobs geben soll, wegen dem Krieg. Da zahlen sie so ´nem Schiffsbauer mehr, als wir hier kriegen.“ „Keiner kriegt mehr als wir hier. Kriegst du von so ´ner Werft vielleicht ein eigenes Haus?“ „Könnte doch sein, oder?“ „Ich sag ja nur, was ich gehört hab…“ „Und wir haben´s deutlich vernommen. Zum Teufel, haben wir denn nicht alle dafür gestimmt? Ich kann mich nicht erinnern, dass du am Abend damals `nen Aufstand dagegen angezettelt hättest.“ „Na, bloß weil ich mal für etwas gestimmt habe, heißt das doch nicht, dass ich meine Meinung nicht wieder ändern kann. Ist doch ein freies Land.“

„Mit den Freiheiten ist´s aber nicht mehr weit her.“ „Genau meine Rede. Wir haben nicht mehr die Freiheit, uns anderswo Arbeit zu…“ „Verdammt noch mal, jetzt reicht´s mir aber. Wenn du so denkst, haust du am besten gleich zu diesen Werften ab, sobald die Scheißquarantäne vorbei ist, dann wirst du ja sehen, wieviel dir diese Armeeleute zahlen. Ich glaub jedenfalls kein Wort davon. „Ich habe ja nicht gesagt, dass ich es glaube. Ich hab euch nur erzählt, was ich gehört habe.“

Die Hilflosigkeit und florierende Ängste schlagen tiefe Risse in die kleine Stadtgemeinschaft, die feststellen muss, dass eine Isolation von der restlichen Welt und deren Entwicklungen nicht möglich ist. Thomas Mullen zeichnet genau nach, wie sich der Druck zunehmend erhöht und die Solidarität aushöhlt. Jeder scheint auf sich gestellt, wie er mit dieser Extremsituation umgeht, und es zeigt sich, dass nicht erst Krieg und Spanische Grippe den Wertekodex der Gruppe untergraben hat.

Mich hat schon auf den ersten Seiten der Erzählstil des Autors gepackt. Mullen gelingt es, seinen Leser mitzunehmen auf die Reise in unterschiedliche Innenwelten. Er schreibt packend, immer ausgewogen zwischen dem äußeren Geschehen und den Psychogrammen seiner Figuren, die, überrollt von den Ereignisse, völlig überfordert sind und ins Schlingern geraten, sich voneinander entfremden, die Solidarität verraten und letztlich doch zutiefst menschlich wirken. Ja, das Szenario ist düster und die bange Frage taucht auf „Was würde ich tun?“. „Die Stadt am Ende der Welt“ ist kein Wohlfühlbuch und lässt den Menschen in keinem guten Licht erscheinen. Nicht jede Krise scheint zu einer Weiterentwicklung des Einzelnen zu führen, stattdessen kommen hier Egoismus, Rachsucht, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz in zerstörerischem Ausmaß zum Vorschein. Eine Seite des Menschen, die wir nicht gerne anschauen, die aber einen Teil der Realität abbildet – und dies wird von Thomas Mullen spannend und nachvollziehbar dargestellt.

 

 

Thomas Mullen: Die Stadt am Ende der Welt

btb Verlag/ Verlagsgruppe Random House GmbH, München

480 Seiten

ISBN 978-3-442-73846-5 (vergriffen)

Über Andrea Daniel 53 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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