29. Mai 2017

Von einem Punkt, in ständiger Verbindung, auf unterschiedlichen Wegen: „Die Brüder Humboldt“ von Manfred Geier

Leseterrassen Humboldt-Universität; Quelle: Wikipedia, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/53/Grimm-Zentrum_Leseterrassen.jpg

Was das Sonderbarste ist, so gleichen wir uns doch eigentlich in tausend Stücken. Für einen dritten muß es kaum zwei Leute geben, über die es sich so amüsant sein muß, sich vergleichend zu mokieren.

Dieses Zitat, das Manfred Geier seiner Biographie der Brüder Wilhelm und Alexander Humboldt voranstellt, stammt von Wilhelm von Humboldt aus einem Brief an seine Frau Caroline. Die Brüder, die so unterschiedlich sind, so unterschiedliche Wege gehen und so häufig voneinander getrennt sind, empfinden zeit ihres Lebens eine intensive Verbindung zueinander, in deren Folge ein reger Gedankenaustausch und eine gegenseitige Befruchtung entstanden ist.

Manfred Geier hat sich die spannende Aufgabe vorgenommen, die Dynamik und die Lebenswege der Humboldt-Brüder aufeinander bezogen in seiner Doppelbiographie vorzustellen. Neben biographischen Daten legt er hierbei ein Hauptaugenmerk auf die geistige Entwicklung der beiden.

Die Humboldt-Brüder haben sich schon früh mit den Werken Immanuel Kants auseinander gesetzt. Schon in ihrer Jugend nehmen sie an den Salons des Ehepaars Herz teil, die, ebenfalls von der Aufklärung intensiv geprägt, Schriftsteller, Politiker, Wissenschaftler und Philosophen in ihrem Haus empfangen. Eine der wichtigsten Bekanntschaften, die sich später zu einer Freundschaft und zu einem intensiven geistigen Austausch entwickelt, ist die mit Goethe und Schiller.

Die Brüder sind unterschiedlich: Alexander ist mehr nach außen gewandt, sucht neue Reize. Wilhelm hingegen wendet sich dem Innenleben zu, ist beständiger. Dennoch kreisen die beiden letztlich um dieselben Fragen. Eines davon ist die Dualität geistiger Theorien / Denken versus sinnlichem Erleben. Alexander sieht sich verlockt, sich Unbekanntem auszusetzen als Ausdruck einer grenzenlosen Ideenwelt. Sich mit Neuem auseinander zu setzen empfindet er als Erweiterung und Erneuerung. Wilhelm hingegen will nach innen wirken. Er sieht die Charakterbildung als die Form, seine Individualität auszubilden und darüber in das „Große und Ganze zu wirken“. Als Goethe mit ihnen den Begriff des „Typus“ diskutiert, wird dieser die Keimzelle für eine Leitidee im Denken beider Brüder – wenn auch in jeweils völlig unterschiedliche Richtungen: Alexander entwickelt daraus eine Haltung des Beobachtens und  Vergleichens (sinnliches Erleben), in deren Folge eine Einordnung in eine größere Ordnung erfolgt (Theoriebildung). Er bewertet hierbei die Theoriebildung, die Ideen als etwas Übergeordnetes, Unendliches, während das sinnliche Erfahren im Moment verhaftet ist.

Wilhelm hingegen wird 1809, nach dem Zusammenbruch Preußens, zum Geheimen Staatsrat und Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht im Ministerium des Inneren ernannt und entwickelt nichts Geringeres als eine große Reform des preußischen Erziehungssystems, deren Grundlage seine Theorienbildung darstellt: Der einzelne Mensch erlebt sich als sinnlich und denkend, erfährt sinnliche Begierde und geistige Denkkraft und ist aufgefordert, sich selbst zu bilden, seine Individualität herauszuarbeiten und „seine Kräfte zu einem Ganzen zu bilden“. Auf dieser Grundlage entsteht ein neues, einheitliches Bildungssystem. Zunächst seien beim Schüler Selbstausdruck und Verschriftlichung als Voraussetzung zu schaffen, um Lernen überhaupt zu ermöglichen. Danach diene der Unterricht dem Wissenserwerb und der Vermittlung von Methoden, um Lernen zu lernen. In letzter Instanz, hier zielt Wilhelm von Humboldt auf das Universitätswesen, sei der Einzelne emanzipiert in seinem Lernen, Forschen und in der Theorienbildung. Das gesamte Bildungssystem zielt also darauf ab, dem Einzelnen zu einer Entwicklung seiner Selbst, seiner Individualität zu verhelfen. Ausdrücklich grenzt sich Wilhelm ab von einem Bildungssystem, das den Einzelnen staatlichen Interessen unterordnet oder berufliche Nützlichkeiten in den Vordergrund stellt – eine Haltung, die auch heute brandaktuell in die Bildungsdebatte hineinspielt.

Längst hat Wilhelm von Humboldt in seinem eigenen Erleben erfahren, wie Menschen an diesem hohen Anspruch scheitern: Er ist dabei, als in Paris die Französische Revolution ihren Ausgang nimmt. Er erlebt aber auch, wie schnell die großen Ideen der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit beim Einzelnen zugunsten individueller Vorteile zerbrechen und dies letztlich wieder in ein Terrorregime mündet. Er erlebt auch in seiner eigenen Person, dass seine sinnlichen Empfindungen die Überhand gewinnen über seine moralischen Vorstellungen und er beispielsweise seine Frau immer wieder betrügt.

Eine ähnliche Dualität von sinnlichem Erleben und Theorienbildung entwickelt Wilhelm von Humboldt in seinen Sprachtheorien, wenn er die vorsprachlichen Gedanken als sinnliches Erleben einordnet, deren sprachliche Äußerung dann in der Theorienbildung verortet. In einem dynamischen Wechselspiel beeinflussen sich die sinnliche Erfahrung von Laut und Rede sowie die Sprache als „bildendes Organ der Gedanken“. Goethes „Typus“ findet sich bei Wilhelm in der vergleichenden Sprachtheorie bei der Verbindung sprachlicher Eigenheiten und Indivualitäten und deren Vergleich und Überbau.

Die Lebenswege der Humboldt-Brüder verlaufen völlig unterschiedlich: Alexander reist viel, am berühmtesten wird seine fünfjährige Amerikareise (Werner Biermann stellt diese in seinem Buch „Der Traum meines ganzen Lebens“ intensiv vor, Buchbesprechung hier), hält sich meistens außerhalb Berlins auf. Er heiratet nicht, hat keine Kinder. Wilhelm ist die Ehe als Verbindung zweier sich liebender Menschen wichtig, er gründet eine Familie. In seinem Leben gibt es mehrere Phasen, in denen er sich zurückzieht, sich ganz auf seine eigenen Ausarbeitungen konzentriert. Seine Familie ist sein Lebensmittelpunkt, schwere Schicksalsschläge sind der Tod von insgesamt drei seiner Kinder. Alexander ist der Weltenbummler, Wilhelm wiederum ist beständig und lange mit der Frage der „Deutschheit“ angesichts der Zerrissenheit der politischen Landschaft beschäftigt. So unterschiedlich die Brüder jedoch auch sind, so stark ist ihre Verbindung, so unverkennbar der gegenseitige Einfluss aufeinander.

Bild: rororo Verlag
Bild: rororo Verlag

Manfred Geier geht es in seinem Buch weniger um einen chronologischen Abriss der Lebensläufe der Humboldt-Brüder. Er zeigt vielmehr auf, welche Einflüsse auf die beiden wirkten, was sie weiterentwickelten und vertieften. Zu Recht hat er somit einen großen Schwerpunkt auf die Entwicklung der beiden während ihrer Jugend und als junge Erwachsene gelegt. Leider geht dies im Endeffekt dann doch zu sehr zu Lasten der späteren Jahre. Wilhelm von Humboldts Wirken als Staatsmann, als Sprachtheoretiker, als Bildungsreformer, Alexanders Auseinandersetzung mit den Daten seiner Amerikareise und die Verfassung seiner Werke über seine Reise, geraten etwas kurzatmig. Das ist bedauerlich, denn dem Buch hätte es nicht geschadet, noch etwas umfangreicher zu werden. Es liest sich flüssig, ist gut recherchiert und klar strukturiert. Der Autor verweist im Anhang auf zahlreiche Quellen. Das Buch ist zwar weitestgehend, jedoch nicht durchgängig chronologisch aufgebaut – sofern es der Veranschaulichung seiner Darstellung der geistigen Entwicklung der Brüder dient, springt Geier zwischen den Zeitebenen hin und her. Dadurch gewinnt das Buch an Lebendigkeit und Klarheit.

Geier gelingt es hervorragend, die Verbindung der Humboldt-Brüder und ihre Einflüsse aufeinander darzustellen. Deswegen empfinde ich sein Buch als sehr guten Einstieg in die Biographien der beiden, es ist auf jeden Fall eine klare Leseempfehlung!

 

Manfred Geier: Die Brüder Humboldt – eine Biographie

Rowohlt Verlag

352 Seiten

ISBN: 3499623277

 

Dieses Buch ist Teil des Humboldt-Leseprojekts.

 

Über Andrea Daniel 43 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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