18. Dezember 2017

Vorlesetag 2017: Ein Vorlesekind meldet sich zu Wort

Emma rutscht ungeduldig auf ihrem Stuhl hin und her. Das Brötchen ist halb gegessen, der Blick wandert zur Couch. Dort liegt ein neues Bilderbuch, frisch ausgepackt. Ich bin zum Frühstück bei meinem Patenkind und meiner Freundin, und Emma kennt es schon: fast immer bringt die Patentante ein neues Buch mit. Die Frühstückszeit abzuwarten fällt schwer und so springt Emma bald los, um sich das neue Buch anzusehen. Wie erwartet kommt bald die drängelnde Frage: „Liest du mir das Buch vor?“ Und wie immer muss Emma warten, bis auch die Erwachsenen mit dem Frühstück fertig sind. Missmutig betrachtet sie die noch gut gefüllten Kaffeetassen, bevor sie sich zunächst einer weiteren Lieblingsbeschäftigung zuwendet und ein Bild malt.

Eins von Emmas Bücherregalen

Emmas Mutter ist Vielleserin, die Patentante Bücherratte. Quasi von Geburt an waren Büchergeschenke die Regel, sodass Emma, die in wenigen Wochen drei Jahre alt wird, inzwischen schon eine kleine Sammlung besitzt. Ihre Mutter berichtet, dass das Vorlesen schon früh ein festes Ritual wurde: Abends zum Einschlafen gibt es eine kleine Geschichte, die Mutter oder Vater vorlesen, derweil sie gemeinsam mit ihrer Tochter das Buch durchblättern – meistens darf Emma umblättern. Während früher die Bilder sehr wichtig waren und Emma diese genau betrachtete, ist inzwischen die Geschichte mindestens genau so wichtig. Und es ist offensichtlich: Die Geschichten gehen nicht nur durch die Ohren. Sie flitzen durch Emmas Gehirnwindungen und bleiben an der einen oder anderen Stelle hängen. Dann kommen die Fragen, manchmal völlig unerwartet und dergestalt, dass die Vorleserin selbst ganz schön nachdenken muss.

Emmas aktuelle Lieblingsbücher

Inzwischen ist es mit dem abendlichen Vorlesen schon längst nicht mehr getan. Wenn Besuch kommt, wird dieser meistens zügig eingespannt. Emma sucht ein Buch aus – und los geht´s! Sie hat klar erkennbar ihre Lieblingsbücher, die sie immer und immer wieder vorgelesen bekommen möchte. Einige der Bücher haben schon erheblich gelitten. Mehrfach mussten herausgerissene Seiten wieder eingeklebt, zerknüllte wieder geglättet werden. Das stört sie nicht, um den Inhalt geht es. Emmas Mutter erzählt, dass es unterschiedliche Zeitqualitäten für die Bücher gibt. So manches Buch, das Emma zunächst gar nicht gefallen oder ihr sogar Angst gemacht hat, wird im Laufe der Zeit zum Liebling und immer und immer wieder durchgeblättert. Andere Bücher sind längst aussortiert, weil Emma findet, dass sie „für Babys“ sind.

Bücher finden sich vielerorts. Natürlich haben die meisten Buchläden ein gutes Sortiment. Ich finde oft in Museumsshops sehr schön gestaltete und eher unbekannte Kinderbücher. Und Emma geht inzwischen auch gerne mit ihren Eltern in die städtische Bücherei. Sie mag es, dort viele Bücher anzuschauen. Genauso wie die vielen schönen Spiele, die sich ebenfalls dort finden.

In der Kita wird ebenfalls viel vorgelesen. Manchmal darf Emma sich ein Buch aussuchen und bekommt es dann alleine von der Bezugserzieherin vorgelesen. Oft wird aber für die ganze Gruppe gelesen, und alle Kinder sitzen gemeinsam in der Leseecke.

Pixie-Bücher sind heißgeliebt!

In diesem Jahr wird Emma wieder einen Adventskalender mit Pixie-Büchern bekommen. Pixie-Bücher sind die heimlichen Helden für sie, klein, leicht und damit gut für Kinderhände greifbar. Letztes Jahr war sie begeistert von diesem Adventskalender und konnte es kaum erwarten, das jeweilige Türchen zu öffnen. Im Anschluss musste, natürlich, direkt vorgelesen werden. Die kleinen Geschichten handeln oft von dem, was Emma ebenfalls in ihrem Alltag erlebt: Ein Besuch beim Kinderarzt, ein Tag in der KiTa, ein Ausflug in den Zoo oder eine Reise mit den Eltern. Auch Tiergeschichten faszinieren sie. Wenn die Bilder gut gezeichnet sind, entstehen beim Vorlesen oft Gespräche mit ihr darüber. Mit dem Älterwerden wird es aber zunehmend wichtiger, dass die Geschichten in den Büchern interessant und spannend sind.

Im vergangenen Sommer habe ich in England ein hübsch gestaltetes Buch mit den Reimen des Kinderspiels „Wir gehen heut´ auf Bärenjagd“ gefunden. Als ich es Emma mitbrachte, musste ich es, wie erwartet, direkt vorlesen. Ich war ein wenig angespannt, weil ich gleichzeitig den englischen Text übersetzen, in eine ungefähre Reimform bringen und gleichzeitig noch die passenden Geräusche für die unterschiedlichen Stationen der Bärenjagd machen musste. Es ist wohl gelungen. Emmas Mutter berichtete, dass sie dieses Buch nie wieder vorlesen konnte, weil Emma sich darüber beschwert, dass niemand es so vorliest wie ihre Patentante. Auch das kann beim Vorlesen passieren!

Eins von Emmas Lieblingsorten zum Vorlesen ist das Indoor-Zelt

Nach wie vor ist das abendliche Vorlesen ein festes Ritual. Emma liegt bereits im Bett, aber das Buch wird so gelesen, dass sie die Bilder betrachten kann. Eine feste Zeit, aber beileibe nicht mehr die einzige Gelegenheit zum Vorlesen! Wenn Emma Lust auf eine Geschichte bekommt, sucht sie sich nicht nur ein Buch aus, sondern auch den Ort, wo sie sie vorgelesen bekommen möchte. Im Sommer finden sich neben Wasserspielzeug, Bällen und Malkreiden immer auch Bücher im Garten. Wenn das Wetter schlecht ist, ist eines ihrer Lieblingsplätze das Indoor-Zelt im Spielzimmer. Es ist eng hier drin, aber das macht nichts: Emma will ganz nah sein, ein wenig kuscheln und eine gute Sicht auf das Buch haben. Immer mal wieder entdeckt sie Neues auf den Bildern oder muss von den Gedanken erzählen, die ihr beim Vorlesen durch den Kopf schießen. Manchmal kommen dann ganz zum Schluss die Fragen und es beginnt ein Gespräch über die Geschichte. Manchmal ist die Geschichte aber doch nicht das Richtige und Emma flitzt los, um etwas anderes zu machen. Als ich sie frage, was sie, außer Bücher lesen, denn noch toll findet, schlägt sie vor meinen Augen einen formvollendeten Purzelbaum und erzählt stolz von der letzten Turnstunde. Auch singen findet sie gut, und dabei ist es egal, wenn im August bei 30°C ein fröhliches „O Tannenbaum“ ertönt. Viele Liedertexte weiß Emma längst auswendig. Ebenso wie einige Geschichten aus ihren Büchern. Und manchmal macht sie daraus ihre ganz eigenen Geschichten.

 

Vor kurzem erzählte Emmas Mutter von einem Kinderaktionstag, bei dem sie ihre Tochter irgendwann wieder fand, als diese gerade eine Rede hielt. Umringt von ungefähr zwanzig Kinder, die ihr fasziniert zuhörten, erhielt sie einen riesigen Applaus. Ob sie einst eine Leserin oder eine Rednerin wird – oder beides – mag jetzt noch unklar sein. Fest steht, dass Bücher mit all ihren Geschichten in Emmas Leben einen festen Platz haben. Über das Vorlesen und das Erzählen von Geschichten gelingt es schnell, mit ihr in Kontakt zu kommen und sie und ihre Gedanken kennen zu lernen. Möglicherweise wächst ein neuer Bücherwurm heran.

 

Am 17. November 2017 ist Vorlesetag.

Die Stiftung Lesen ist zusammen mit der Wochenzeitung DIE ZEIT und der Deutschen Bahn Initiator dieses Aktionstags.

Kooperationspartner ist außerdem der Homunculus-Verlag.

Über Andrea Daniel 55 Artikel

Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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