29. Mai 2017

Warum ich lese – Homunculus Verlag – Hrsg. Sandro Abbate

 40 Liebeserklärungen an die Literatur

Sandro Abbate ist ein sehr belesener Mensch. Das zeigt er sehr anschaulich mit seinem Blog Novelero. Seine Antwort auf die sich selbst gestellte Frage „Warum lese ich?“ machte ihn neugierig auf Antworten anderer. Deswegen stellte er seine Frage weiteren Blogger*innen.

Dabei zeigten sich zwei Phänomene:

  1. Vielen Menschen fiel auf die Frage ganz schnell eine Antwort ein, die jedoch beim Formulieren zu weiteren Themen und Gesprächen führte.
  2. Die Bloggosphäre ist eng vernetzt, viele Menschen lasen erste Antworten, die Sandro auf seinem Blog natürlich verlinkte, und fühlten sich animiert, an dieser sich entwickelnden Blogparade teilzunehmen.

Schon bald kamen vierzig Artikel von Blogger*innen zusammen, die erklärten, wie ihre Leseliebe entstanden ist. Ich selbst gehöre zu diesen Blogger*innen, deswegen mag meine Rezension möglicherweise nicht so objektiv erscheinen, wie sie es sollte.

Das Buch 

Der Homunculus Verlag hat mit dem Buch „Warum ich lese“ eine besondere Form gewählt, um diese Blogtexte zu veröffentlichen. Das Buch ist quadratisch, wodurch es sich von üblichen Buchformaten unterscheidet. Jeder Artikel ist mit einem QR Code verbunden, der zu dem Blog der entsprechenden Blogger*in führt, so dass neugierig gewordene Leser*innen direkt im Netz weiterlesen können.

Das Buch ist um einen Artikel erweiterbar: Auf den letzten Seiten haben die Verleger*in Platz für die eigene Antwort auf die Frage „Und warum liest du?“ freigehalten.

So könnten im Buch nachher „41 Liebeserklärungen …“ versammelt sein und jedes Buch wäre ein besonderes Unikat.

Warum wir lesen

Die eigene Lesegeschichte scheint oft von Menschen oder Ereignissen – und immer von Haltungen geprägt zu sein. Im Buch kommen Menschen mit sehr unterschiedlichen Biografien oder Erfahrungen und unterschiedlichen Alters zu Wort. Das macht es sehr vielfältig. Lesende sollten sich auf verschiedene Schreibstile einrichten.

Dennoch wirkt der Textfluss nicht gebrochen: In der Textzusammenstellung wurde darauf geachtet, die Texte im Buch abwechslungsreich, aber nicht gegensätzlich zu sortieren. Und aus allen Texten spricht Freude am Buch und am Lesen. Die Texte sind Mutmacher, zum Lesen zu kommen/beim Lesen zu bleiben/ neue Welten zu entdecken/ruhig mal etwas Ungewohntes/Ungewöhnliches zu lesen – und sie zeigen, was Mensch beim Lesen gewinnen kann.

In einigen Artikeln klingen akademische Gründe, die für das Lesen sprechen, durch: der Bildungsfaktor wird erhöht, die Synapsen kräuseln sich besser, der Weg zu höheren Abschlüssen wurde leichter – oder gar erst ermöglicht durch Lesen. Es werden Hinweise zu aktueller Hirnforschung gegeben aber auch Erkenntnisse aus der Pädagogik, Politik und Soziologie kommen nicht zu kurz.

Die einfach formulierte Frage, warum lese ich, ist nicht richtig einfach zu beantworten, immer öffnen sich weitere Horizonte und neue Teilaspekte stellen sich der einfachen Antwort in den Weg – oder, wie im Buch nachzulesen ist:

„es wirbeln Strudel und Gedanken…“

Es gibt Stellen, die mich fast zu Tränen rühren. Wenn Erinnerung an liebe Menschen, an besondere Situationen heraufbeschworen werden, oder Lesen als Medizin wirkt:

„Aber dann fand ich es. MEIN Buch. Es lag zwischen den Büchern meiner Mutter, ganz unscheinbar und abgegriffen. Der Titel kaum zu erkennen, die Seite schon eingerissen und geknickt und dieser Geruch nach altem, aber geliebten Buch“

„Und letztendlich war das der Griff nach dem Strohhalm: Eine weitere Beschäftigung zu finden, um nicht durchzudrehen.“

Für manche Blogger*in ist Literatur ein Mittel zur Flucht vor der Wirklichkeit oder vor schlechten Situationen – dem wird von anderer Seite heftig widersprochen:

Für mich ist Lesen niemals Flucht, sondern immer Expedition. Wer flieht, lässt alles zurück und gibt Vertrautes auf, sei es nun freiwillig oder gezwungen. Zu einer Expedition dagegen breche ich mit der festen Absicht auf, neue Erkenntnisse, neues Wissen, neue Eindrücke zu sammeln und, das ist entscheidend, wieder zurückzukehren.“

oder

„Literatur war nie Alltagsflucht für mich, viel mehr hat sie mich auf eine Metaebene transportiert, von der aus ich einen besseren Überblick hatte.“ 

Besonders aufregend ist es, wenn Lese – Reflexionen sich meinem eigenen Leser – werden ähneln; andere haben natürlich auch die Jungen von der Burg Schreckenstein, Pippi Langstrumpf oder Thomas Mann gelesen. Die Erinnerungen der Anderen ergänzen die meinen. Und weit darüber hinaus werden Szenen wach, die ich so oder ähnlich nachfühlen kann:

„Wenn die Buchhandlung zu betreten sich anfühlt wie Heimkommen“

„Bücher sind Erinnerung, untrennbar mit Gefühlen, Stimmungen und Orten verbunden.“

„Dass auch die kleinsten Dinge Großes bewirken können, habe ich beim Lesen entdeckt.

„Doch jedes Tor, jede Geschichte, birgt ebenso ein Bild desjenigen, der sie festgehalten, niedergeschrieben und geöffnet hat, und seiner Erfahrungen

“ … dann hat diese Feststellung – ja, ganz pathetisch – im Moment des Lesens eine Lücke in meinem Herzen gefüllt.“

Hochinteressant ist es, dass Lesen von vielen mit Nahrungsaufnahme gleichgesetzt wird. Lesen ist ein Grundbedürfnis für viele Blogger*innen, so wie atmen, schlafen oder essen. Und genau so, wie wir irgendwann ausblenden, dass wir atmen, oder dass essen ein besonderer lebenserhaltender Vorgang ist, wird für Viele das Lesen zur Normalität, ohne die Leben nicht denkbar ist. Aber natürlich erheben sich im Buch auch Stimmen gegen diese Gleichsetzung.

Das Allerweltbewegendste an „Warum ich lese“ ist:

Wenn Sie es lesen, werden Sie sich Gedanken machen. Über ihre Lesegeschichte, die Menschen, Situationen und Bücher, mit denen Sie Lesemensch geworden sind. So wie die Blogger*innen, die in diesem Buch versammelt sind. Auch in diesem Buch werden Sie ..

.. nicht nur Konsument sein. Es wird etwas mit Ihnen passieren.“

Warum ich lese

Hrsg. Sandro Abbate

Homunculus Verlag

Erscheinungsdatum März 2017
Ausgabe Broschur
ISBN 978-3-946120-88-9

Über Klaus Daniel 131 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.

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