22. September 2017

Wimmelbilder einer turbulenten Zeit und ein Roman dazu

SAMSUNG

John Vermeulen: „Die Elster auf dem Galgen“

Im August 2014 war ich zum wiederholten Mal in Wien, in meinen Augen eine der schönsten Städte der Welt. Und natürlich – es gehört bei meinen Wienreisen zum Standard – ging es auch wieder in das Kunsthistorische Museum Wien. Mir ergeht es immer wieder so, dass ich in Museen, die ich mehrfach besuche, durchaus Neues entdecke oder Vorhandenes neu für mich entdecke. So war es auch dieses Mal. Schon immer war eine der größten Sammlungen an Werken von Pieter Bruegel d.Ä. in diesem Museum ausgestellt, schon mehrfach habe ich sie gesehen. Aber dieses Mal sprangen sie mir förmlich ins Auge, diese wimmelbildähnlichen großen und detailgenauen Gemälde, vor denen man lange Zeit verbringen und immer wieder neue Einzelheiten entdecken kann.

Bruegels Bilder zeigen Szenen aus dem bäuerlichen Leben, aber auch Allegorien, bildhafte Darstellungen von Sprichwörtern, Jahreszeiten und biblische Szenen. Man findet Hinweise auf das Alltagsleben zur Zeit Bruegels, ironische Anspielungen auf die politischen und religiösen Verhältnisse, sogar Rückschlüsse auf das Klima lassen sich ziehen (das Zufrieren großer Flüsse, dargestellt in vielen Winterbildern Bruegels, verweist auf die sogenannte „Kleine Eiszeit“). Es macht Spaß, die Details der Gemälde genau zu betrachten; in mir kommt eine große Bewunderung für den Künstler auf, der Detail und Gesamtkontext wunderbar aufeinander abgestimmt und Bilder geschaffen hat, die eine große Ausstrahlung haben und immer wieder einladen, sie zu betrachten. Dazu passte, dass 2015 eine gelungene Ausstellung im Schloss Neuhaus Paderborn eine Übersicht über die gesamte Künstlerfamilie Bruegel zeigte, die nach der Wienreise natürlich ein Muss für mich war.

Pieter Bruegel in seiner Zeit

Foto: Andrea Daniel
Foto: Andrea Daniel

Über das Leben Pieter Bruegels ist wenig bekannt. Es gibt nur wenige Quellen mit gesicherten Informationen über sein Leben. Um dieses Wenige spinnt John Vermeulen seinen Roman „Die Elster auf dem Galgen“. Der Titel verweist auf ein Gemälde Bruegels, das 1568, also kurz vor seinem Tod, entstanden ist. Man geht davon aus, dass er hier, wie häufig in seinen Bildern, auf die politische Situation hinweist, aber auch auf Klatsch und Tratsch (mit Elstern seien Klatschbasen gemeint), die in ihrer schlimmsten Ausprägung zu gefährlichen Denunziationen führten.

Vermeulen lässt in seinem Roman die Zeit der spanischen Besetzung der heute niederländischen und belgischen Gebiete lebendig werden. Er zeigt die politischen und religiösen Verhältnisse in den Jahrzehnten vor dem Achtzigjährigen Krieg auf, die geprägt waren von Fremdherrschaft und Inquisition. Bruegel wird als ein Mensch gezeichnet, der hin- und hergerissen ist in einer feinen Beobachtung und kritischen Bewertung der Verhältnisse, in denen er lebt, und seinem individuellen Streben nach künstlerischer Entfaltung, Karriere und Familiengründung. Bruegel wird von Kardinal Granvelle, dem Statthalter des spanischen Königs, protegiert. Dies gibt ihm die Möglichkeit, vom einfachen Bauernsohn zum schon zu Lebzeiten berühmten Maler zu werden, bringt ihn aber immer wieder in innere Konflikte im Erleben der grausamen Fremdherrschaft, die Willkür und Grausamkeit mit sich bringt, die fremd ist von Meinungsfreiheit und Toleranz, in der das Äußern „ketzerischer“ Gedanken lebensgefährlich war. Der Leser erlebt einen zutiefst menschlichen Bruegel, der feige ist und sich doch heimlich einer Untergrundbewegung anschließt, der heuchlerisch um die Gunst seines Schutzherrn buhlt, seine eigenen Interessen durchsetzt und doch immer wieder tiefstes Mitgefühl gegenüber seinen Mitmenschen zeigt.

Der Roman ist weniger eine Auseinandersetzung mit dem Werk Bruegels als mehr eine spannende Erzählung um Bruegels Leben. Vermeulen gelingt eine fesselnde Geschichte, in der sich Fiktion über wenige Fakten legt. Es ist ein gut recherchierter historischer Roman mit dem Protagonisten Bruegel, lebendig erzählt. Schade, dass ich dieses Buch erst jetzt entdeckt habe (es wurde bereits 1995 herausgebracht), aber vielleicht passte es dazu, dass ich zunächst einmal Bruegels Bilder „wiederentdecken“ musste.

 

John Vermeulen: Die Elster auf dem Galgen

Diogenes

ISBN978-3-257-22830-4

Über Andrea Daniel 51 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*