17. Juni 2019

Inger Madsen: Der Schrei der Kröte & Falkenjagd

Schon vor Jahren habe ich im Osburg – Verlag anregendes Lesematerial gefunden.

Mit Inger Madsen ist mir nun eine großartige Krimiautorin auf den Tisch gefallen, die mir eine gespannte Woche beschert hat. Und einen neuen Grundsatz habe ich auch sofort an den Nagel gehängt: Eine Buchserie, die mir gefällt, wollte ich eigentlich nur noch in der Reihenfolge lesen.

Aber ich bekam den ersten und den elften Fall von Roland Benito in die Hände – und nachdem der erste Fall gut bei mir angekommen war, habe ich nicht auf Zwei bis Zehn gewartet, sondern die Elf gelesen. Und das war gut so.

Der Schrei der Kröte

In einem Müllcontainer wird eine Kinderleiche gefunden. Auf dem Weg zu einer Lösung des Falles und der Erklärung der unterschiedlichen Vorkommnisse rund um diesen Fall begegnet Kommissar Roland Benito, und, das ärgert ihn sehr, immer wieder der Reporterin Anne Larsen, die ihm oft eine Nasenlänge voraus zu sein scheint.

Im Schrei der Kröte entwickelt Inger Madsen einen Handlungskosmos verschiedener Protagonisten mit eigenen Geschichten und Aufgaben, die mit dichten Fäden in ein gemeinsames Netz geknüpft werden. Erst im gemeinsamen Zusammenspiel tragen die verschiedenen Personen alles Wissenswerte zusammen, um den Täter in die Enge zu treiben.

Auf dem Wege dahin stellt die Autorin die verschiedenen Menschen vor, die diese Kriminalgeschichte bevölkern. Die Reporterin Anne Larsen zieht häufig um und versucht, sich trotz ihres Berufes unsichtbar zu machen, und Fotografin Kamilla wagt sich nach einem schlimmen Schicksalsschlag zurück ins Leben, erlebt erste Rückschläge, aber auch Fortschritte. Kommissar Roland Benito stammt aus Italien, seine Familie ist vor langer Zeit nach Dänemark vor der Mafia geflüchtet. Mit seinen Schwiegereltern verbindet ihn eine herzliche Abneigung. Da Benito ein Familienmensch ist, lässt er die Schwiegereltern in seinem Leben zu.

Da sich diese Protagonisten immer wieder begegnen, beginnen sich ihre Handlungsstränge miteinander zu verbinden. Dies geschieht zunächst allmählich, erst nach und nach werden die persönlichen  Hintergründe  und die Verbindungen  zueinander deutlicher. Hier zeigt sich eine von Inger Madsens besonderen Qualitäten:

Mäandert der Alltag der Einen gerade so vor sich hin, steht eine andere Figur mit einem Teil ihrer Geschichte im Vordergrund. Inger Madsen verliert nie den Faden, sie schiebt die Einzelteile ein paarmal über die Bühne, bevor sie das Gesamtbild ins volle Licht stellt.

Inger Madsens Beschreibungen erzeugen farbige und kontrastreiche Bilder – sie ist eine Meisterin der wechselnden Tempi, dies und eine wirklich fesselnde Story führten dazu, dass ich die Geschichte kaum aus der Hand legen konnte.

Falkenjagd

Zehn Fälle später: Roland Benito ist zur Polizeiaufsicht gewechselt. Er nimmt seine Arbeit auf, als ein Polizist einen Busfahrer erschossen hat. Anne Larsen ist inzwischen Fernsehjournalistin, sie wird beinahe Opfer eines Sprengstoffattentates. Zur gleichen Zeit verschwinden in Aarhus Babies.

Inger Madsen hat sich weiterentwickelt. Die Dialoge sind flüssiger, die Geschichte ist rasanter. Madsen bleibt bei ihrem besonderen Geheimrezept des groß angelegten Casts von Menschen mit eigenen Geschichten und vor und hinter den Kulissen bestehenden Verbindungen. Damit drückt Frau Madsen aufs Tempo, ohne jedoch den Überblick zu verlieren.

In der Geschichte versuchen Terroristen die dänische Gesellschaft zu spalten. Mit Sprengstoffattentaten sollen viele Menschen geschädigt werden.

Mit Sorgfalt entwickelt Inger Madsen ein Bild von traumatisierten Menschen, die aus ihren Erlebnissen (falsche) Schlüsse ziehen und Gewaltexzesse planen. Dabei erzählt sie nicht linear, sondern von Person zu Person. Es braucht schon das ganze Buch, um die Geschichte jeder einzelnen Person erzählt zu haben. So erhält jede Haupt- und Nebenperson seinen Platz und seine Wichtigkeit für Geschichte und Leben.

In beiden Büchern habe ich den Eindruck bekommen, dass es Inger Madsen nicht nur darum geht, einen guten Krimi zu schreiben, sondern auch bestehenden Gesellschaftsmängeln positive Beispiele gegenüberzustellen.

In Falkenjagd generiert Madsen kein Schwarz – Weiß – Denken zu bösen Terroristen oder gar bösen Muslimen und guten Nichtmuslimen, sie zeigt die Guten und Bösen auf beiden Seiten. Und damit hat sie viel zu tun. Neben den aus traumatischer Herkunft aggressiv Agierenden sind auch einfach böswillige und eigennützig Handelnde mit im Spiel. Die Verwicklungen sind vorprogrammiert. So funktionieren die Geschichten von Inger Madsen.

An der Aufklärung beteiligt ist auch die Fotografin Kamilla, die wir schon im ersten Fall kennenlernen konnten. Mit Neugier, Mut und Umsichtigkeit kommt sie den entführten Babies auf die Spur. Dies liegt eigentlich nicht im Aufgabenbereich von Benito, dennoch führen die verschlungenen Fäden seines eigentlichen Falles ihn immer wieder in die Kontakte mit den zuständigen Polizisten, was diese nicht immer freut. Schließlich arbeitet Benito inzwischen bei der Polizeiaufsicht, was ihm viel Misstrauen von den Polizisten beschert.

Roland Benito ist zu sehr Polizist, als dass ihn lose Fäden nicht stören würden. Deswegen greift er diese immer wieder auf und hilft dabei, die Fäden zu verbinden und Schlüsse zu ziehen. Das hilft ihm zunächst nicht dabei, beliebter bei seinen Kolleginnen und Kollegen zu sein, es hilft aber dabei Täter*innen zu fassen, einen kleinen Jungen glücklich zu machen und ein neues Jobangebot zu ergattern.

Inger Madsen ist großartig. Sie muss keine Nerven flattern lassen, um Spannung aufzubauen. Mit großer Erzählkunst erzählt sie eine komplexe Geschichte und lässt, nachdem sie es sorgsam aufgebaut hat, das Feuerwerk als absoluten Höhepunkt krachen.

Bleibt zum Schluss nur eine Frage:

Wo kriege ich jetzt so schnell die anderen Fälle von Kommissar Roland Benito her?

 

Inger Madsen

Der Schrei der Kröte

ISBN: 978-3-95510-106-0

Falkenjagd

ISBN: 978-3-95510-185-5

Osburg Verlag

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Über Klaus Daniel 174 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.