20. November 2017

„Die Schönheit des Kreisverkehrs“ von Dominique Paravel: Ein poetischer Roadtrip mit Geheimnissen

Foto: Andrea Daniel

Nur wenige wissen, welch gewaltigen Schritt nach vorn der Kreisverkehr für die Straßenverkehrsregulierung bedeutet hat. Er erlaubt es, die Funktionsstörungen durch die Kreuzungen zu vermeiden, Hindernisse, die die Automobilisten zwingen, die Geschwindigkeit zur reduzieren. So banal ist das. In Frankreich zählt man nicht weniger als vierzigtausend Kreisverkehre, absoluter Weltrekord.

Zugegeben: In keinerlei Weise war reguliert, wie ich auf dieses Buch gestoßen bin. Im Internet lesend, von einem Link auf den anderen klickend, war ich auf einmal auf einer Buchvorstellung dieses Romans und wurde neugierig. Im Buchladen hineinlesend verliebte ich mich direkt in die Sprache – diese Sprache! Aber dazu später mehr.

Um nicht weniger als einen Auftrag zur künstlerischen Gestaltung der Mittelinsel eines neuen Kreisverkehrs im südfranzösischen La Virote geht es bei einem Termin, zu dem Joaquin Reyes und Vivienne Hennessy geladen sind. Joaquin ist Mitarbeiter einer angeschlagenen Baufirma und hat die Entwürfe gestaltet. Vivienne – ja, wer ist eigentlich Vivienne? Offiziell vertrete sie das Consulting auf oberster Ebene der Firma, heißt es. So genau weiß man es aber auch nicht.

Zunächst einmal heißt es für Joaquin zu warten, denn Vivienne kommt und kommt nicht. Langsam wird er unruhig, der Puffer in seinem Zeitplan ist längst aufgebraucht. Und dann, als Vivienne ihn endlich abholt, verhält sie sich höchst unkonventionell, ungeachtet der Tatsache, schon längst arg verspätet zu dem Termin zu erscheinen. Mit immer merkwürdigeren Ausreden versucht Joaquin, dies bei ihren Auftraggebern zu entschuldigen. Was ihm immer schwerer fällt, denn sein Geheimnis, seine Diabetes-Erkrankung, versucht er auch vor Vivienne zu verbergen, obwohl er aufgrund der fehlenden Mittagspause zunehmend unterzuckert und kaum noch denkfähig ist. Aber auch Vivienne hat ihre Geheimnisse…

Höchst unterschiedliche Charaktere treffen hier aufeinander: Joaquin ist es gewohnt, sein Leben zu strukturieren, zu kontrollieren. Überraschungen sind ihm zuwider, er möchte wissen, was ihn erwartet und wie er sich darauf einstellen kann, lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, Fakten statt Diffuses:

„Erzählen Sie mir von dem Verkehrskreisel von La Gnognotte.“

Er korrigiert sie sofort: „La Virote“, sagt er, „die Gemeinde heißt La Virote. Es handelt sich um einen kleinen Kreisverkehr am Schnittpunkt der Nationalstraße 7 und der Departementstraße 760. Fünfzehn Meter Durchmesser. Drei Abzweigungen, zwei auf der Nationalstraße, eine in Richtung La Virote.“

Vivienne hingegen ist rast- und ruhelos, intuitiv-impulsiv und wenig daran interessiert, die Konventionen zu wahren.

Ja, wir sind zu früh, sind immer zu früh. Möchtest du nicht auch den Moment hinauszögern, dich lieber verlieren als ankommen?

Eine seltsame Konstellation also, die hier für wenige Stunden auf engstem Raum aufeinandertrifft. Und dennoch, trotz aller Unterschiedlichkeiten, trotz aller Geheimnisse erfahren die beiden für einen kleinen Moment eine innere Berührung durch einander. Für eine kurze Zeit erkennen sie die Wunden aneinander und gehen dabei so behutsam miteinander um, dass sich die Frage stellt, ob dies ihr Leben verändern kann.

Er zittert.

Er müsste gehen, auf der Stelle, zurück zu seinem hübsch abgesteckten Stück Leben. Zu einer genügend liebenden, ungenügend geliebten Frau. In seine Box, in der er ungeduldig mit den Hufen scharrt. In ein auf ihn zugeschnittenes Leben.

Auf der Stelle gehen. Vivienne hinter das Steuer setzen, die Hände gefangen, die Lippen geschlossen. Rückwärts drehen, den Streifen der Straße zurückspulen, zum Ausgangspunkt zurückkehren, zu den Menschen von zuvor, Seite an Seite, immobil.

Bild: Nagel & Kimche Verlag

Sich immer nur im Kreise drehen? Oder aus dem Kreisverkehr eine ungeplante Ausfahrt nehmen? Was zunächst klingt wie der kitschige Auftakt einer Liebesgeschichte, ist ein kleiner Roman, der still und zurückhaltend die Geschichte zweier verwundeter Menschen schreibt. Die Kapitel sind abwechselnd aus Sichtweise der beiden Protagonisten erzählt, fugenähnlich greift jedes Kapitel zeitlich kurz vor Ende des vorangegangenen Kapitels ein. Dabei offenbaren sich in Rückschauen die Leben von Joaquin und Vivienne, er im Griff seiner Erkrankung, die sein Leben taktet, sie von einer Rastlosigkeit getrieben, die sich aus Wurzellosigkeit und Angst speist. So unterschiedlich, so begrenzt sie auch durch ihre Vorgeschichten sind, so bezaubernd ist der Moment, indem es ihnen gelingt, sich voreinander zu öffnen und ihre Begrenzungen zu sprengen. Für einen winzigen Moment durchbrechen sie ihre Fassaden und staunen über das, was außerhalb des Kreisens um das eigene Leben noch an Ausfahrten zu erkennen ist.

Domique Paravel arbeitet als Dozentin und Übersetzerin. „Die Schönheit des Kreisverkehrs“ ist ihr erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Es ist sicherlich auch eine große Leistung der Übersetzerin Lis Künzli, die poetische stille und dennoch häufig so humorvolle Sprache der Autorin auch in der deutschen Ausgabe hervorzuheben. Wie schon gesagt: In die Sprache habe ich mich verliebt. Paravel spielt mit den Worten, experimentiert, ohne dass dadurch der Plot in den Hintergrund gerät. Der kurze Roman über einen kurzen Roadtrip besticht durch seinen sprachlichen Mehrwert.

 

P.S.: Das Beitragsbild zeigt einen Kreisverkehr in Hamm-Heessen, die Skulptur ist – unverkennbar – eine Mohnkapsel, die auf die Städtepartnerschaft mit der mittelanatolischen Stadt Afyonkarhisar verweist.

 

Dominique Paravel: Die Schönheit des Kreisverkehrs

Nagel & Kimsche Verlag

176 Seiten

ISBN 978-3-312-01016-5

Über Andrea Daniel 55 Artikel

Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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