2. Dezember 2021

Niemand ist Illegal – Flucht und Trauma, aktuelle Themenwelt und Danksagung

Eigentlich wollten wir unseren Corona – Ähm – Winterschlaf ja mit verschiedenen Rezensionen beenden. Dann bin ich aber doch wieder ein bisschen abgeschlafft. Aber es geht weiter:


Wer es noch nicht weiß: Ich arbeite als Sozialarbeiter. Mein normales Arbeitsleben ist sehr bunt und arbeitsam. Unter Coronabedingungen hat der Arbeitsumfang stark zugenommen.


Aber nicht nur Corona, sondern auch meine Freude daran, meinen Horizont zu erweitern, hat in den letzten zwei Jahren mein Arbeitsaufkommen anwachsen lassen. Horizonterweiterung heißt in diesem Falle, schauen was notwendig ist, Hinweise aufnehmen, Kooperationen entwickeln oder – wie in diesem Falle – mich in Kooperationen verwickeln zu lassen.

Neuestes Ergebnis ist unsere Fachstelle Trauma und Flucht in Bielefeld. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Diakonie für Bielefeld gGmbH und dem AWO Kreisverband Bielefeld e.V. in guter Verbindung mit dem AK Asyl e.V. Bielefeld.

Aufgaben meiner dort beschäftigten Kolleginnen sind Diagnostik, Stabilisierung, Verweisberatung und Begleitung für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen.

Und Erfahrungen, die Kinder und Jugendliche auf einer Flucht machen,  sind in der Regel von Angst begleitet, häufig gibt es Gewaltvorfälle gegen diese Kinder oder andere, die die Kinder dann mitansehen müssen. Und immer  bestehen Unsicherheiten in Bezug auf die Zukunft.

Und falls jetzt irgendwer meint: Die müssen ja nicht flüchten; das Autorenteam, dessen graphic novel „Illegal“ mich nachhaltig beeindruckt hat, schreibt, dass eine Reise, wie sie in ihrer graphic novel beschrieben ist, 

keine Reise ist, die leichthin angetreten wird. Ein jeder , der sich dazu entschließt, hat seine eigenen Gründe dafür. Und ein jeder davon ist ein Mensch.“

Für die praktische Arbeit in der Fachstelle ist es wichtig, sprachfähig zu sein: Mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, ihnen Vorgänge erklären zu können und auch Zugang zu ihnen zu erhalten. Und auch sprachfähig gegenüber den Menschen zu sein, die für diese jungen Leute da sind: Familien, Pflegepersonen, Lehrende, Freund:innen.

Dabei helfen neben vielem anderen #Bücher.

Unsere Literaturbeauftragte Marina hat Verlage und Buchgeschäfte angeschrieben und um #Buchunterstützung gebeten. Viele großartige Verlage und ein wunderbares Buchgeschäft haben uns ein überwältigendes Buch-, Spiel- und Behandlungsmaterialpaket zusammengestellt.
In diesem Paket befinden sich Bücher in verschiedenen Sprachen, Bücher, in denen die Themen Flucht, Angst, Verlust, Trauma und Trauer gut verständlich aufbereitet sind und Bücher mit allgemeinen Geschichten, in denen Kinder und Jugendliche in ihrer Herkunftssprache lesen können.
Und da nicht nur die schweren Themen bearbeitet, sondern auch Wartezeiten überbrückt werden sollen, freuen wir uns über diese Bücher in verschiedenen Sprachen eben auch sehr.

Wir freuen uns riesig und sind überaus dankbar.

Also (ich weiß jetzt gar nicht, ob ich dies als Werbung kennzeichnen muss – ich finde nicht, aber wenn, dann nehmt es als solche hin:)

Danke den Verlagen:

https://www.klett-kinderbuch.de/

https://www.penguinrandomhouse.de/

https://www.beltz.de/

https://www.baobabbooks.ch/home/

https://www.mabuse-verlag.de/

und Danke der Buchhandlung Forough in Köln – hier gibt es Bücher in persischer Sprache 

https://www.forough-book.com/

Wir werden in nächster Zeit Bücher vorstellen, die besonderes Interesse bei den jungen Menschen und meinen Kolleginnen hervorgerufen haben.

Spätestens mit dem Abbruch der militärischen Aktivitäten der westlichen Staaten in Afghanistan sind die Schicksale geflüchteter Menschen wieder mehr in den Medien präsent. In der sozialen Arbeit ist nach meinem Gefühl Flucht und hier insbesondere die Folgen der Flucht für die geflüchteten Menschen, dauerhaftes Thema. 

Geflüchtete Menschen werden von Politik benutzt: Faschisten versuchen Angst zu schüren, um gesellschaftliche Solidarität zu erschüttern, Europa versucht sich an vielen Stellen aus seinen humanitären Verpflichtungen freizukaufen, Regeln werden verschärft, anstelle die Bestehenden doch erst mal zu nutzen. Dabei wird oft verkannt, wie Flucht ist und was Fluchterlebnisse auslösen können.

Nicht nur die von den Verlagen und Geschäften zur Verfügung gestellten Bücher sind wichtig, passend zum Thema stellen wir auch  Bücher vor, in denen Flucht und Trauma beschrieben werden.

Grundlegendes vermitteln die Autoren Eoin Colfer  und Andrew Donkin gemeinsam mit dem Illustratoren Giovanni Rigano in der schon oben angesprochenen graphic novel #Illegal.

Illegal erschien 2018 als Hardcover.

Colfer und Donkin erzählen die Flucht einer Familie. Nach eigenen Angaben in den Begleittexten ist die Geschichte des erzählenden Ebo frei erfunden. Sie machen aber deutlich, dass jede Einzelheit der geschilderten Reise der Wirklichkeit anderer Reisenden entspricht.

Auslöser der Reise ist für den jungen Ebo, dass sein Bruder Kwame verschwunden ist. Kwame will die gemeinsame Schwester Isi suchen, da sie nichts von Isis Verbleib gehört haben und unter elenden Umständen mit einem Onkel leben. Isi ist die ältere Schwester der beiden Jungen. Sie hat vor langem den Weg aus ihrem kleinen Dorf im afrikanischen Niger nach Europa angetreten. 

Ohne Isi und Kwame hält Ebo nichts im Dorf, so dass er sich auf die Suche nach Kwame macht, um mit ihm die Schwester zu suchen.

Das Autorenteam erzählt in prägenden Bildern und Texten von der „Reise“ Ebos, auf der er sich von Almosen und Selbstverdientem am Leben hält, wie er auf der Suche nach Kwame an Menschen gerät, die ihm helfen oder ihn bedrohen. Er gerät an Schlepper, die miese Geschäftemacher sind, denen die Menschen aber – und dies bekommt eine sehr realistische Note – auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind.

In der Geschichte, die eher in Mollfarben koloriert ist, wird von einem kleinen Jungen erzählt, der über sich hinaus wächst und doch beinahe alles verliert, was ihm im Leben wichtig ist. Ebo erlebt allerdings nicht nur seine Geschichte, sondern auch die Geschichten der Menschen, die mit ihm auf der „Reise“ sind, den Gefahren durch Mensch und Natur und der Ausbeutung ebenso ausgesetzt sind wie Ebo und seine Geschwister. Es wird deutlich gemacht, dass Traumata sowohl durch das Erleben eigener wie fremder Leiden ausgelöst werden (können).

Neben der eindrücklichen Geschichte zeichnet sich „Illegal“ durch großartige Bild- und Erzählkunst, erklärende Begleittexte- und Anmerkungen aus. Und es löst Auseinandersetzung aus.

Deswegen gebe ich den Hinweis, dass das Lesen der Geschichte Menschen mit traumatischen Erlebnissen  triggern kann.

 

Die Autoren beginnen ihr Buch mit einem Zitat des Nobelpreisträgers und Überlebenden der Shoa, Elie Wiesel:

„Ihr sollt wissen, dass kein Mensch illegal ist. Das ist ein Widerspruch in sich. Menschen können schön sein oder noch schöner. Sie können gerecht sein oder ungerecht. Aber illegal? Wie kann ein Mensch illegal sein?“

 

Illegal

Eoin Colfer, Andrew Donkin, Giovanni Rigano, Übersetzt von Ulrich Pröfrock

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN: 978-3-499-21806-4

Besonderer Service des Verlags: Unterrichtsmaterial als pdf zum download.

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Über Klaus Daniel 179 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.

2 Kommentare zu Niemand ist Illegal – Flucht und Trauma, aktuelle Themenwelt und Danksagung

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