9. Juli 2020

Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten

Darwins Grab im Westminster Abbey/London; Bildquelle: www.flickr.com/photos/cuboidal/291532072

Die Idee ist spannend: Zwei große Männer, die auf ganz unterschiedliche Weise großen Einfluss auf Wissenschaften, Gesellschaft und Politik nahmen, die jetzt alt und krank sind, treffen aufeinander und kommen miteinander in eine lebhafte Diskussion.

Tatsächlich haben Karl Marx und Charles Darwin in den 1880er Jahren nur wenige Kilometer voneinander entfernt gelebt. Sie sind sich aber nie begegnet, auch wenn sie voneinander wussten und die Werke des jeweils Anderen in ihren Regalen standen. Die Autorin Ilona Jerger, die langjährig Chefredakteurin des Magazins „Natur“ war, lässt ihren Debütroman um eine fiktive Begegnung der beiden kreisen.

Der Naturwissenschaftler und der Begründer der kommunistischen Theorie sind alt geworden. Marx lebt seit vielen Jahren im Exil in England, Darwin hat sich zurückgezogen, forscht und veröffentlicht aber weiterhin. Am nahenden Ende ihres Lebens blicken sie zurück auf ihr Werk und auf das, was dieses ausgelöst hat. Charles Darwin hadert. Seine Evolutionstheorie lässt die Welt erklären ohne eines Einwirken eines Gottes; die Schöpfungsgeschichte ist hinfällig geworden. Seine tiefgläubige Ehefrau fürchtet um sein Seelenheil und darum, dass sie nach dem Tod ihren geliebten Mann nicht mehr wiedersehen wird. Marx wiederum bezeichnet die Religion als „Opium für das Volk“, als ein Instrument der herrschenden Klasse, die Arbeiter zu unterdrücken, indem ihr Heil auf das Jenseits verlagert wird. Vordergründig scheint sogar Darwins Darlegungen der Naturgesetze dies zu unterstützen, es gibt viele, die den naturwissenschaftlich hergeleiteten Selektionsdruck auf die menschliche Gesellschaft übertragen wissen wollen und seine Theorie politisieren – Stichwort Sozialdarwinismus.

Marx ist ebenfalls unzufrieden und frustriert. Seit seinem großen Werk „Das Kapital“ hat er nichts Nennenswertes mehr veröffentlicht. Er sieht sein Werk von Idealisten missbraucht, wo er selbst die Welt realistisch betrachten will, frei von trügerischen Visionen, um so die Voraussetzungen zu schaffen für die notwendigen Veränderungen.

Beide Männer sind nicht nur melancholisch geworden, sie schlagen sich auch mit diversen Erkrankungen und Zipperlein herum. Der Arzt Dr. Beckett behandelt sie und ist in diesem Roman ihr Bindeglied. Er ist es, der sie auf die Idee bringt, einen gemeinsamen Abend miteinander zu verbringen. An diesem Abend kommt es nicht nur zu einer persönlichen Begegnung, sondern zu scharfen und kontroversen Diskussionen. Alle Themen, von der Frage nach Gott, über die Frage nach der Stellung des Menschen in der Natur, über sein Wesen als Egoist oder Kooperierender hin zu der Frage des Verhältnisses von Wissenschaften zu Politik, kommen im wahrsten Sinne des Wortes auf den Tisch.

Doch Marx stand still in Darwins Garten. Weder polterte er in dieser Weise, noch ließ er sonst ein Wort verlauten. Er fragte sich, ob Altersmilde ihn befiel. Oder Mrs Darwin sich bei den sedierenden Hustentropfen verzählt hatte. Jedenfalls war er zu müde für Dispute.

„Ich habe eine Ahnung davon, dass Ihr Leben nicht einfach ist“, sagte Darwin nach einer ganzen Weile. „Aber ich glaube, dass Ihre große Zeit noch kommen wird.“

Da entschlüpfte Marx ein Seufzer.

Bild: Ullstein Verlag

Der Roman greift einfühlsam die Themen und Fragen der damaligen Zeit auf, die die neuen naturwissenschaftlichen und gesellschaftsphilophischen Theorien aufwarfen und die noch weit in die Zukunft wirken und verändern sollten. Ilona Jerger schreibt in leisen Tönen, lässt eine spannende Diskussion zwischen zwei Männern aufkommen, die jeweils auf ihre Art Paradigmen verändert und in Frage gestellt haben. Nachvollziehbar zeichnet sie ein Bild der alternden Wissenschaftler, die hadern, grübeln und ein wenig an ihrer Zeit leiden. Es sind auch die Seiten der Privatmenschen Marx und Darwin, jenseits der Politik und der Universitäten, die sich mit den Folgen ihrer wissenschaftlichen Arbeit, aber auch ihrer privaten Entscheidungen ganz persönlich konfrontiert sehen. Es ist ein Bilanzziehen, ein Auswerten, die Entwicklung zukünftiger Perspektiven. In ihrer Begegnung reiben und entzünden sie sich aneinander, kämpfen miteinander – und an den Reaktionen der weiteren Gäste an diesem Abend lässt sich gut ablesen, welche Fragen, Kontroversen und Unsicherheiten die Arbeiten der beiden in der Gesellschaft ihrer Zeit ausgelöst haben.

Das einzige Manko an diesem Roman ist, dass vielleicht ein gewisses Ungleichgewicht in der Darstellung der beiden Männer zu erkennen ist. Man merkt Ilona Jerger ihre journalistische Herkunft an, ihre Vertrautheit mit naturwissenschaftlichen Themen, sodass auch ihre Beschäftigung mit Darwin in diesem Roman einen spürbar größeren Raum einnimmt im Vergleich zu dem, was sie Marx zuschreibt. Dennoch ist dieses Buch sehr lesenswert. Es ist eine spannende Fiktion, die beiden so unterschiedlichen Männer aufeinander treffen zu lassen und dem nachzugehen, welche Ideen und Gedanken die Beschäftigung mit dem Werk des jeweils Anderen auslösten. Dies ist der Autorin sehr nachvollziehbar gelungen.

Darüber hinaus hat mir die Sprache von Ilona Jerger sehr gut gefallen. Jerger schreibt ruhig, ohne Dramatik, aber durchaus atmosphärisch und manchmal melancholisch. Dies passt gut zu dem Sujet zweier Männer wenige Monate vor ihrem Tod, die Bilanz ziehen. Ein Buch, das nicht nur die Menschen hinter den Theorien vorstellt, sondern auch noch einmal in aller Deutlichkeit aufzeigt, wie radikal Marxs und Darwins Gedanken das Denken ihrer Zeit aufgewühlt haben.

 

Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten

Ullstein Verlag

288 Seiten

ISBN-13 9783550081897

 

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Über Andrea Daniel 61 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.