23. Juli 2017

Caroline und Wilhelm von Humboldt: Wahlverwandt und ebenbürtig von Hazel Rosenstrauch

Schloss Tegel, langjähriger Wohnsitz der Familie von Humboldt Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:POPPEL(1852)_p2.773_BERLIN-TEGEL,_HUMBOLDT'SCHES_SCHLOSS.jpg

Das Gefühl ist nur dann ein sichrer Führer, wenn der Verstand es ausgebildet hat. (Wilhelm von Humboldt an Caroline von Dacheröden, 1790)

Im Humboldt-Leseprojekt habe ich mich bisher schwerpunktmäßig mit Alexander von Humboldt beschäftigt. Wohl auch interessiert an seinem zwei Jahre älteren Bruder Wilhelm, ist mir die Beschäftigung mit der Biografie von Michael Maurer schwer gefallen. Ich habe regelrecht mit dieser Figur gerungen. Vielleicht zu Recht? Wilhelm von Humboldt erscheint an vielen Stellen zutiefst ambivalent, uneindeutig und wenig fassbar. Eine gute erste Annäherung an ihn konnte ich durch Hazel Rosenstrauchs Buch „Wahlverwandt und ebenbürtig“ vornehmen, in dem Rosenstrauch anhand zahlreicher Briefwechsel vor allem zwischen Wilhelm und seiner Frau Caroline von Dacheröden nicht nur Humboldts Verständnis von Ehe darstellt, sondern auch den Menschen: den Politiker, den Sprachwissenschaftler, den Bildungsreformer, den Privatier, den Ehemann, den Vater und den mit sich selbst ringenden Wilhelm von Humboldt.

Humboldt kam bereits in jungen Jahren in Kontakt mit den Gedanken der Aufklärung. Er selbst hat sich später intensivst mit den Werken von Immanuel Kant auseinander gesetzt, er war Augenzeuge der Französischen Revolution, war lebenslang befreundet mit Goethe und Schiller. Schon als Jugendlicher wurde er in den Salon um Marcus und Henriette Herz eingeführt und diskutierte mit zahlreichen Denkern und Wissenschaftlern seiner Zeit. Aus diesem Salon kristallisierte sich später der „Tugendbund“ heraus. Hier lernte er auch seine spätere Ehefrau Caroline von Dacheröden kennen, eine Tochter des preußischen Kammerpräsidenten Karl Friedrich von Dacheröden. In einer Zeit, in der die Kraft der Vernunft und des menschlichen Verstandes hochgradig betont wurde, wandte sich dieser Zirkel, dem mehrere Freunde des Paares angehörten, zunehmend einer Innenschau zu, die das Emotionale betonte und einer „Aufklärung des Seelenlebens“ dienen sollte. Nachdem Wilhelm und Caroline sich verlobten, löste sich dieser Kreis auf.

Aber schon hier zeigt sich eine erste Zerrissenheit: Die Innenschau, die Selbstreflexion, die auch Wilhelm von Humboldt so wichtig war, stand für ihn zunächst im Widerspruch zu einem aktiven, vom Verstand geleiteten, gestaltenden Leben. Später, in seiner Funktion als Reformer des preußischen Schul- und Hochschulwesens, brachte Humboldt diese Ambivalenz in eine elegante Synthese, die aus der Eigenreflexion und der Charakterbildung zu einem Wirken im Gemeinwesen führt – auf dieser Idee fußt sein humanistisches Bildungswesen. Humboldt selbst jedoch, als eher in sich gekehrter, verinnerlichter Mensch, tat sich schwer damit, seinem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Um vor den Augen des zukünftigen Schwiegervaters zu bestehen und zu versichern, dass er seine Braut und seine zukünftige Familie ernähren konnte, entschloss er sich widerwillig, eine Stelle im Staatswesen anzunehmen. Lange Jahre seines Lebens lebte er später jedoch zurückgezogen, als Privatier, was er sich aufgrund seines Erbes auch leisten konnte. Immer wieder in unterschiedliche Funktionen gerufen, kündigte er häufig schon bald oder ließ sich entlassen. Nichtsdestotrotz entwickelt er schon früh, geprägt von seiner Auseinandersetzung mit Kant und dem, was er in Paris während der Revolution beobachtet hatte, ein modernes Staatsbild, das die Staatsgewalt beschränkt, auch dahingehend, dass der Bürger nicht Mittel zum (staatlichen) Zweck ist. In diesem Staat hat jedoch der Bürger die Verpflichtung, sich zu einem mündigen, selbstverantwortlichen Menschen zu entwickeln und für den Staat einzubringen.

Wie stand es nun um die Beziehung zu Caroline von Dacheröden? In den häufigen Zeiten, in denen das Paar getrennt leben musste, ist ein reger Briefwechsel entstanden. Sprachlich oft schwülstig, wie in dieser Zeit üblich, schreiben beide Eheleute freimütig über ihr Empfinden und ihr Leben. Gleichzeitig scheint, zumindest in den Briefen, die – bewusst aussortiert – erhalten geblieben sind, sich der Blick bereits auf die lesende Nachwelt zu richten. Der Briefwechsel entwickelt sich auch zu einer Art von Selbstdarstellung. So schreibt Humboldt am 29. Januar 1816:

Die hervorstechenden Seiten an mir sind: vollkommene Herrschaft des Willens über mich selbst; verwaltende, innerhalb gewisser Schranken und in einer bestimmten Art sehr bedeutende und nimmer ermüdende Denkkraft; bei gar keiner Neigung auf das Äußere als solches leidenschaftliches Verlangen nach innerer, auf ganz eigentümliche Weise idealischer Beschäftigung mit und in mir selbst.

Aus diesen drei Stücken erfolgt unmittelbar, daß ich ein durchaus innerlicher Mensch bin, dessen ganzes Streben nur dahin geht, die Welt in ihren mannigfaltigsten Gestalten in seine Einsamkeit zu verwandeln.

Neben dieser Selbstdarstellung ist es jedoch die tiefe Verbindung der Eheleute zueinander, die aus ihrem Briefwechsel spricht. Caroline von Dacheröden war für Wilhelm von Humboldt eine Heimat, ihre gemeinsame Familie eine Verankerung, auch in den Zeiten der Trennung. Er sei die Ehe eingegangen aus „innerer Lust und tiefer Liebe, die Schmerz und Leid einschließt.“ Denn Leid erlebt das Paar, denen drei der insgesamt acht Kinder sterben, worüber vor allem Caroline tief trauert. Humboldt ist seiner klugen und gewandten Frau auf Augenhöhe begegnet, sie waren gleichberechtigt, ihre Eheschließung aus keinem Kalkül, sondern aus ehrlicher Zuneigung entstanden. So haben sich die Eheleute nicht nur gegenseitige Freiheiten zugestanden, sondern diese auch gelebt: Beide haben sich im Laufe der Zeit anderweitig verliebt, sich gegenseitig davon vorgeschwärmt. Wilhelm von Humboldt hat darüber hinaus den Sinnesfreuden nie und schon gar nicht während der langen Zeiten der Trennung abgeschworen: Die Ausgaben für seine Bordellbesuche hat er gewissenhaft im Haushaltsbuch registriert. Beiden Eheleuten war indes klar, dass sie zueinander gehören, eine Trennung aufgrund emotionaler und/oder sexueller Untreue kam für sie nie in Frage.

Aber auch hier zeigt Humboldt gewisse Ambivalenzen: Er begegnet Caroline mit Respekt, ihre Gespräche sind Diskussionen gleichberechtigter Partner. Seine Ausführungen zu den Rollen der Geschlechter spricht Frauen ein aktives, initiatives Wesen zu, nach dem Vorbild der Amazonen, während Männer von ihnen empfangen. Andererseits zeigen seine späteren Briefe ein Frauenbild auf, das das Ideal in der im Manne aufgehenden, jede Selbstständigkeit aufgebende Frau zeichnet. Es gibt Hinweise auf sexuelle Neigungen, die auf Unterwerfungsfantasien beruhen.

Ja, selbst der als Galionsfigur der humanistischen Bildung verehrte Wilhelm von Humboldt scheint in der Rückschau Fragen aufzuwerfen. In einer Zeit, in der die Französische Revolution alte Systeme umwarf, nach den Napoleonischen Kriegen diese zunächst wieder restauriert wurden, sich die Geschehnisse und ihre Auswirkungen jedoch bereits tief eingeprägt hatten, waren viele zutiefst verunsichert. In dieser Zeit entstand eine heftige antisemitische Bewegung, die auch Caroline mittrug. Hier war sich das Paar uneinig, Humboldt macht sich zeitweilig sogar dezent über die Äußerungen seiner Frau lustig. Er selbst hat sich massiv für die bürgerliche Gleichstellung der Juden eingesetzt. Jedoch wurden seine Beweggründe später durchaus von dem ein oder anderen Historiker als gegen die Juden ausgerichtet gewertet: Eine Gesetzgebung, die die Assimilation der an sich schon heterogenen Gruppe der Juden zum Ziel habe, lösche diese aus:

Jede Gleichberechtigung ist eine Negation der Besonderheiten. (Hans Mayer, 1975)

Wilhelm von Humboldt und seine Frau Caroline von Dacheröden lebten in einer bewegten Zeit, einer Zeit der Umbrüche, der Unsicherheiten. Noch während sich Humboldt mit Kant und seinen aufklärerischen Werten beschäftigte, schienen sich diese in der Französischen Revolution auch politisch Bahn zu brechen – um nur wenig später in ein Europa des Terrors und der Kriege zu münden, das mit dem Wiener Kongress zur alten Ordnung zurückzukehren versuchte. Große Hoffnungen waren geweckt und enttäuscht worden, sie ließen sich jedoch nie wieder vergessen. In dieser Zeit war auch Humboldt bewegt und hin- und hergerissen. Hazel Rosenstrauchs „Wahlverwandt und ebenbürtig“ zeigt den Menschen Wilhelm von Humboldt – in seinem Bezug zu seiner Ehefrau (und anderen Frauen), zu seinen Arbeitsaufträgen – selbst gewählte und zugetragene -, zu seinem Innenleben und zu seiner Außenwelt und zu seiner Zeit. Gut recherchiert lässt die Autorin entlang seiner Biografie den Menschen Wilhelm von Humboldt lebendig werden. Das relativ leicht zu lesende Buch schafft nachvollziehbare Verbindungen zwischen den zugrunde liegenden Quellen und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen. Mir zeigte sich ein Mann zwischen Aufbruch und Verunsicherung, Innen- und Außenwelt, Revolution und Restauration, Gleichberechtigung und Machtfantasien – eine Ambivalenz, an der ich mich reibe, die jedoch auch hochgradig spannend ist.

 

Hazel Rosenstrauch; Wahlverwandt und ebenbürtig

Die andere Bibliothek/ Eichborn Verlag 2009

320 Seiten

ISB: 978-3-8218-6207-1

Über Andrea Daniel 46 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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