29. Mai 2017

Das Humboldt-Leseprojekt auf Exkursion: Humboldts Denken in der modernen Welt

Foto: Andrea Daniel

Lesen erweitert nicht nur den Horizont, Lesen bringt einen manchmal auch auf neue Ideen. Mit dem Start des Humboldt-Leseprojektes war es, wie so häufig, wenn man für Neues sensibilisiert ist: Auf einmal fallen einem überall Hinweise dazu auf, Querverweise, Zusammenhänge, Nebenthemen, die miteinander zu tun haben. So ging es auch mir. Humboldt tauchte überall auf – wahrscheinlich, weil ich einfach mehr darauf geachtet habe. Und dann war da die Information über eine Ausstellung in Berlin. Zugegebenermaßen bin ich sowieso gerne in Berlin, ich mag diese vielfältige Stadt. Und so interpretierte ich diese Ausstellung denn einfach als Fingerzeig, mal wieder hinzufahren. Interessanterweise fügten sich dann auch andere Unternehmungen, die wir im Rahmen dieser Reise geplant hatten, in das Thema ein – dazu gleich mehr.

 

Berlins Prachtstraße „Unter den Linden“ ist zurzeit eine gigantische Baustelle. Neben dem Bau einer neuen U-Bahn-Linie ist eines der größten Bauplätze das Berliner Schloss, nahe der Museumsinsel. Dieses wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt und 1950 gesprengt. Nach der Jahrtausendwende setzte eine lange und kontrovers geführte Diskussion um den Wiederaufbau ein, der letztendlich mit Baukosten von ca. 600 Millionen Euro beschlossen wurde. Hier soll das Humboldt-Forum einziehen, das sich zum Ziel setzt, ein Ort für wissenschaftliche Institutionen, Ausstellungen und öffentliche Veranstaltungen zu werden. Die Eröffnung ist für die zweite Jahreshälfte 2019 geplant. Bis dahin steht vor der Baustelle ein futuristisch anmutendes Gebäude, die Humboldt-Box, die über die Geschichte des Schlosses und das Bauvorhaben informiert und des Weiteren einen Ausblick geben soll auf das, was die Besucher im künftigen Humboldt-Forum erwartet. In diesem Zusammenhang werden hier einige kleine Ausstellungen konzipiert, so auch die aktuelle unter dem Titel „Extreme! Natur und Kultur am Humboldtstrom“.

Die Ausstellung bezieht sich auf die Reise nach Süd-, Mittel- und schließlich auch Nordamerika, die Alexander von Humboldt 1799 – 1804 unternommen hat. (Ein hervorragendes Buch, das diese Reise darstellt, ist „Der Traum meines ganzen Leben – Humboldts amerikanische Reise“ von Werner Biermann. Eine Buchbesprechung von mir findet sich hier.) Sie hat ihn u.a. an die Küsten Perus und Ecuadors geführt, wo er den sogenannten Peru-Strom untersuchte und anhand verschiedener Messergebnisse nachweisen konnte, dass dieser Strom, der später nach ihm benannt wurde, polaren Ursprungs ist und kaltes Wasser entlang der gesamten Pazifikküste Südamerikas führt. Dies hat, zusammen mit den geografischen Besonderheiten, große Auswirkungen auf die klimatischen Verhältnisse der Region, die damit die Lebensverhältnisse der dort lebenden Menschen massiv prägen. Die trockenen Winde, der geringe Niederschlag, da die Anden von Osten kommenden Regen abhalten, haben eine Wüstenlandschaft zur Folge, die als eine der trockensten der Erde gilt. Dementsprechend haben sich Flora und Fauna ausgeprägt. In unregelmäßigen Abständen kommt es jedoch zu dem weltweit bekannten Phänomen „El Nino“, bei dem sich die Wetterverhältnisse umkehren – in der Region kommt es zu extremen Niederschlägen. Die Menschen in der Region mussten sich diesen Gegebenheiten anpassen, mit den Extremen leben. Landwirtschaft und Kultur waren entsprechend geprägt, beispielsweise in einem Opferkult, um damit die Natur gnädig zu stimmen. Auch hier hat Alexander von Humboldt durch seine botanischen Zeichnungen, aber auch Sammlungen lebender Pflanzen,  sowie Tagebuchaufzeichnungen zu seinen Beobachtungen der dort lebenden Völker viel dazu beigetragen, die Region und der dort ansässigen Volksgruppen kennen zu lernen und zu verstehen.

Das Phänomen „El Nino“, dessen wortwörtliche Bedeutung „Christkind“ darauf hinweist, dass dieses häufig um die Weihnachtszeit auftritt, und die darauf folgende plötzliche Abkühlung haben jedoch auch globale Auswirkungen, die selbst in Australien und Zentralafrika zu beobachten sind. Während sie in einigen Regionen Ursache für Überschwemmungen und Erdrutsche ist, entstehen andernorts große Dürren und in deren Folge Ernteausfälle. Wiederum andere Regionen profitieren von diesem Phänomen, so zum Beispiel in Kalifornien, wo zusätzliche Regenfälle der Landwirtschaft zugute kommen. Und so erscheint eine Diskussion notwendig:

Die gegensätzlichen Auswirkungen werfen auch eine grundlegende ethische Frage auf: Soll die Weltgemeinschaft als globale Solidargemeinschaft helfend eingreifen, wo Klimaschwankungen ganze Länder in Not bringen?

(aus dem Begleitheft zur Ausstellung, S. 11)

Letztlich lässt sich diese Frage auch vor dem Hintergrund des menschenverursachten Klimawandels stellen, der mit großer Wahrscheinlichkeit u.a. dazu führen wird, dass Menschen unbewohnbar gewordene Gebiete verlassen müssen und als Klimaflüchtlinge in die Länder kommen, die weniger von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind.

Im zweiten Teil der Ausstellung wird ebenfalls ein Thema aufgegriffen, das weltweite Auswirkungen hat und brandaktuell ist: Die Vermüllung der Meere, die durch den Humboldtstrom, aber auch andere große Meeresströmungen dazu führt, dass regional ins Meer gekippter Müll in einen globalen Kreislauf gerät, mit teilweise verheerenden Auswirkungen für die Meeresorganismen und somit auch durch die Nahrungskette für den Menschen. In diesem aktuellen Thema wird aufgegriffen, was ein wesentlicher Bestandteil des Humboldt´schen Denkens war: Mensch, Kultur und Natur können nicht getrennt voneinander betrachtet werden, sie wirken ineinander hinein. Der Mensch agiert und reagiert und nimmt damit nicht nur kurzfristig Einfluss auf seine Umwelt, genauso, wie diese auf ihn einwirkt.

 

Die Ausstellung über zwei Etagen der Humboldt-Box ist relativ klein und überschaubar, aber gut konzipiert. Multimedial erschließt sie die Inhalte, auch für Kinder. Sie ist in enger Kooperation mit weiteren Museen, dem Botanischen Garten Berlin und der Humboldt-Universität entstanden. Interessanterweise stießen wir während unserer Zeit in Berlin auch an anderer Stelle auf Humboldt und die Diskussion um ihn: Das Deutsche Historische Museum zeigt zurzeit eine (im übrigen absolut sehenswerte!) Ausstellung über den deutschen Kolonialismus. Dieser war vorrangig geprägt von dem Wunsch, Ressourcen zu erschließen und dergestalt Einfluss auf die hiesigen Machtstrukturen zu nehmen, dass diese dem „Mutterland“ zufließen konnten. Jedoch gab es auch zahlreiche Missionare und Forscher, die in exotische Länder gingen, um dort für einen mehr oder weniger ethisch höherwertigen Zweck zu wirken. Ihr Einfluss war ein nicht geringer. Und auch wenn Alexander von Humboldt sich vor allem als Beobachter verstand, der durch den Einsatz seiner Sinne und seines Verstands verstehen und nicht beherrschen wollte, lässt sich auch ihm, zu Recht, eine negative Einflussnahme vorwerfen. So wird berichtet, dass er aus Forschungsgründen die Gebeine Verstorbener aus einer Nekropole nach Europa schickt, um sie gründlicher untersuchen zu lassen – von der einheimischen Bevölkerung wurde dies als großer Frevel wahrgenommen. Dies führt durchaus in einigen Kreisen zu einer Debatte, ob das im neuen Berliner Schloss geplante Forum seinen Namen tragen soll.

Auch ich, die ich gerne und viel reise, habe mich schon häufig gefragt, wie ich mit der Ambivalenz umgehen soll: Einerseits das Reisen, um (kennen) zu lernen und verstehen zu lernen, andererseits das Reisen, das Auswirkungen hat: auf die Umwelt, aber auch auf die Art und Weise, wie der Tourismus Menschen vor Ort, ihr Zusammenleben, ihre Wirtschaft und auch ihre Umgebung verändert – zum Positiven wie zum Negativen. Letztlich verweist dieses Thema darauf, dass unser Handeln nicht folgenlos bleibt und wir in der Verantwortung stehen, die Konsequenzen unseres Handelns zu überdenken. Hier schließt sich wieder der Kreis zu der Art und Weise, wie Alexander von Humboldt sein Denken verstanden hat: nicht punktuell und linear, sondern holistisch und systemisch.

Über Andrea Daniel 43 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

2 Kommentare zu Das Humboldt-Leseprojekt auf Exkursion: Humboldts Denken in der modernen Welt

  1. Das klingt schon mal gut Andrea, da werde ich der Humboldt-Box dieses Jahr auch noch einen Besuch abstatten,
    aber erst muss die Sonne noch ein wenig höher stehen. 😀
    Liebe Grüsse. Olaf

    • Hallo Olaf,

      ja, die Humboldt-Box ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Die beschriebene Ausstellung ist jedoch nur noch bis Ende Februar zu sehen. Aber da sich die Humboldt-Box zur Aufgabe gemacht hat, einen Vorgeschmack auf das zukünftige Humboldt-Forum zu geben, wird eine weitere Ausstellung sicher nicht lange auf sich warten lassen. 🙂 Viel Spaß dabei!

      Liebe Grüße
      Andrea

      P.S.: Ist schon der „Kosmos“ bei Dir eingezogen? Wenn ja, welche Ausgabe? 😉

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  1. Berlin: Mogwa. Antiquariat. (Bücher, Musik, Filme, Papeterie) – BücherKaterTee

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