29. Mai 2017

Kosmopolitischer Freigeist und Wandlerin zwischen den Welten:

Bild: razondelgusto.blogspot.com

Frau des Windes von Elena Poniatowska

Wie so viele Künstlerinnen war Leonora Carrington mir bisher kaum bekannt. Bis ich einen Zeitungsartikel über das spannende Leben dieser Frau las, neugierig wurde und dieses Buch kaufte. „Frau des Windes“ ist ein biografischer Roman über das Leben der Künstlerin, die früh Kontakte zu vielen Surrealisten pflegt und deren Stil davon maßgeblich beeinflusst wird.

 

Leonora Carrington wird als Tochter eines reichen Textilfabrikanten in England geboren. Ihre Mutter ist gebürtige Irin und sie und ihre Nanny machen Leonora  vertraut mit den keltischen Sagen und Mythen. Leonora hat schon als Kind eine reiche, überbordende Fantasie, fühlt sich der Natur und vor allem Tieren verbunden und entwickelt schon früh, zum Leidwesen ihrer Eltern, eine sehr eigenständige Persönlichkeit. Sie eckt an: in der Schule, beim Debütantinnenball im Buckingham Palace, bei den Männern, die die schöne Frau umschwärmen.

Mit 20 bricht sie mit ihrem Elternhaus und geht nach Paris, wo sie den 26 Jahre älteren Max Ernst kennen lernt. Ihre erste große Liebe wird zeit ihres Lebens großen Einfluss auf sie und ihr Werk haben. In Paris freundet sie sich mit vielen Surrealisten an, schwelgt in ihrer Welt aus Fantasie und Kreativität und genießt die aufregende Beziehung zu Ernst in einem kleinen Bauernhaus in Südfrankreich.

Der Zweite Weltkrieg wirft jedoch Schatten auf das Glück: Ernst wird innerhalb kürzester Zeit mehrfach verhaftet und Leonora zerbricht fast daran. Auf der Flucht nach Spanien verliert sie sich in einer Psychose. Die folgende Zeit in einer Nervenheilanstalt ist für sie traumatisch, die Zwangsbehandlungen lähmen und ängstigen sie zutiefst. Bei einem Fluchtversuch lernt sie in der mexikanischen Botschaft Renato Leduc kennen, der mit ihr von Lissabon aus Europa verlassen will. In Lissabon trifft sie zufällig Max Ernst wieder, der inzwischen seine Mäzenin und zukünftige Ehefrau Peggy Guggenheim kennengelernt hat. Nach einer kurzen Zeit in New York geht Leonora nach Mexiko und heiratet Leduc.

In Mexiko-Stadt baut sich Leonora einen neuen Freundeskreis auf, ihre Kreativität fließt überreichlich und sie entwickelt sich langsam, aber sicher zu einer in Mexiko und auch international anerkannten Künstlerin. Ihre keltischen Wurzeln und ihre tiefe Verbundenheit zur Natur finden sich immer wieder in ihrem Werk, aber auch der gegenseitige Einfluss, den sie und Ernst aufeinander hatten, wird deutlich. Die Ehe mit Leduc scheitert, als sie den Fotografen Chiki Weisz, aus Ungarn stammend, kennen lernt. Ungeplant wird Leonora schwanger und stellt, von sich selbst überrascht, fest, wie sehr sie in ihrer Mutterrolle aufgeht und in ihr Erfüllung findet.

Zeit ihres Lebens ist Leonora immer wieder von Ängsten und Depressionen eingefangen, sie sucht nach Tiefe in ihrem Leben, beschäftigt sich mit Spiritualität und Esoterik, findet aber darin nichts, was sie stützt und hält. Später wird sie feststellen, dass gerade ihre Sehnsüchte, ihr Heimweh nach ihrer keltischen Heimat und ihr Getrieben-Sein große Antriebsmotoren für ihre Kreativität sind, ebenso wie ihre Authentizität, die sie bei allen Widerständen nie aufgibt – Leonora schöpft aus ihrem reichhaltigen Innenleben.

Nicht auf Erfolg kommt es im Leben an, sondern auf Verwandlung. Der Weg zur eigenen Erlösung führt ins Unbekannte.

Bis zuletzt, bis zu ihrer intensiven Auseinandersetzung mit dem Tod, lässt Leonora sich auf das Unbekannte ein.

Foto: Andrea Daniel
Foto: Andrea Daniel

Elena Poniatowska hat Leonora Carrington persönlich kennen gelernt und mehrere Interviews mit ihr geführt. Fast schon freundschaftlich verbunden kehrt sie immer wieder in das Haus der Künstlerin ein, die Einblicke in ihr Leben und Erleben gewährt.

Poniatowska schreibt den Roman durchgängig in der Gegenwartsform. Dadurch rückt der Leser sehr nahe an das Geschehen heran, es entsteht der Eindruck, fast beobachtend das Leben von Leonora Carrington mitzuerleben. Gleichzeitig ist Poniatowskas Sprache oft so bildreich wie das Werk ihrer Protagonistin. So zeichnet sie in faszinierender Weise das Wahnerleben von Leonora während ihrer Psychose nach, der Leser erfährt hautnah, wie zunehmend die Grenzen zwischen Realität, Fantasie und Wahn verschwimmen. Der Autorin gelingt eine spannungsreiche Balance zwischen einer analytischen, eher journalistischen Sprache und dem tiefen Eintauchen in die Bilderwelt der Künstlerin. Das macht dieses Buch äußerst lebendig. Ich empfinde den Roman als gelungene Biografie und vielschichtige Reise in das Innenleben der Protagonistin.

 

Eine kleine Überraschung für mich war, dass sowohl die Autorin als auch ihre Protagonistin ihre Heimat in Mexiko gefunden haben – meinem nächsten Reiseziel. Poniatowska, Tochter einer mexikanischen Mutter und eines französischen Vaters, flüchtet noch als Kind mit ihrer Mutter, ebenso wie die 15 Jahre ältere Leonora Carrington, vor den Nationalsozialisten nach Mexiko. Auch Poniatowska beugt sich nicht den gesellschaftlichen Normen, geht ihren eigenen Weg und wird zu einer der wichtigsten Schriftstellerinnen und Journalistinnen Mexikos. Ob diese Parallelen es Poniatowska ermöglicht haben, diese fast schon innige Biografie zu verfassen?

 

Elena Poniatowska: Frau des Windes

Verlag:  Insel Verlag; Auflage: 1 (20. Mai 2012)

Gebundene Ausgabe:  495 Seiten

ISBN-10:  3458175318

ISBN-13:  978-3458175315

Über Andrea Daniel 43 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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