17. Oktober 2019

Was ist Heimat? „Weil wir längst woanders sind“ von Rasha Khayat

Foto: Andrea Daniel

„Weißt du noch, was wir damals immer gesagt haben: Im Leben der Entorteten ist kein Platz für Liebe.“  –  „Weil man so viel Kraft zum Überleben braucht. Und das glaube ich immer noch.“

Die Geschwister Basil und Layla: die Mutter eine Deutsche, der Vater aus Saudi-Arabien stammend. Einige Jahre lebt die Familie in Saudi-Arabien und kehrt dann nach Deutschland zurück, als die Kinder im Grundschulalter sind. Die beiden fremdeln zunächst, mit der unbekannten Kultur, dem anderen Schulwesen, der Kälte, dem ersten Schnee. Dann jedoch sind sie scheinbar assimiliert, wachsen mit westlichen Vorstellungen auf und besuchen die Familie ihres Vaters nur noch gelegentlich in den Ferien. Sie werden erwachsen, gehen Partnerschaften ein, Basil studiert, Layla beginnt eine Buchhändler-Ausbildung. Als sie erfährt, dass sie nach ihrem Abschluss nicht übernommen wird, weil ihr Umgang mit Kunden nicht in die Unternehmenskultur passt, schmeißt Layla kurz vor den Prüfungen ihre Ausbildung und reist mit dem Geld aus der Lebensversicherung ihres einige Jahre zuvor verstorbenen Vaters durch die Welt. Vor allem jedoch zu ihren arabischen Wurzeln. Und lernt in Saudi-Arabien einen Mann kennen und lieben. Als sie ihre Hochzeit ankündigt und ihren Entschluss, zukünftig in Saudi-Arabien zu leben, weigert sich ihre Mutter, zu ihrer Hochzeit zu kommen.

„Du glaubst doch nicht, dass sie das ernst meint mit dieser Hochzeit. Eine von ihren Launen ist das, das sage ich dir. Fährt über zwei Jahre lang durch die Weltgeschichte, meldet sich nie und will dann einen völlig fremden Mann heiraten in einem Land, wo sie nichts darf. Deine Schwester hat einen Dachschaden, und ich unterstütze das ganz bestimmt nicht.“

Auch Basil, der immer eng vertraut mit seiner jüngeren Schwester war, versteht ihre Entscheidung nicht, fürchtet um die Nähe, die sie miteinander verbunden hat, fürchtet, dass die saudi-arabische Kultur Layla zu einem anderen Menschen macht. Er reist eine Woche zu ihr, um bei ihrer Hochzeit dabei zu sein.

Der Roman beschreibt diese Woche, Basils Begegnungen mit dem arabischen Teil seiner Familie, seinen Versuch, seine Schwester zu verstehen, das Scheitern und die Angst, dass das Unverständnis zukünftig zwischen ihnen stehen wird. In Rückblenden erfährt der Leser die Geschichte der Familie, die Enge der geschwisterlichen Beziehung, der Wechsel zwischen den Kulturen, der Tod des Vaters. Während der Zeit in Jeddah erlebt Basil wieder die Herzlichkeit seiner Familie väterlicherseits, er wird augenblicklich integriert in den Freundeskreis des Bräutigams und erlebt, wie nah die Globalisierung westliche Unternehmen sogar in unmittelbarer Nachbarschaft der Kaaba in Mekka gerückt hat:

Nichts hier hat noch Ähnlichkeit mit dem Ort unserer Kindheit. Die Stadt blitzt und blinkt, alle paar Meter sind Hinweisschilder auf den nächsten McDonalds, KFC oder Starbucks angebracht. Der Uhrenturm überschattet die Minarette, und überall um uns herum zücken die Leute ihre Smartphones und fotografieren sich gegenseitig vor der heiligsten Stätte des Islam. Junge Frauen mit Louis-Vitton-Taschen und Cavalli-Sonnebrillen neben gebückten pakistanischen Frauen in geblümten Kopftüchern und Hennamalerei im Gesicht.

Basil taucht ein in diese Welt, saugt sie tief in sich auf und bleibt trotzdem ein Fremder. Seine Fragen bleiben nicht unbeantwortet, aber die Antworten reichen ihm nicht. Er, der von den Werten und dem Lifestyle in Europa überzeugt ist, kann es nicht nachvollziehen, wenn seine Schwester davon berichtet, wie verloren sie sich fühlt.

Laylas Motivation wirft beunruhigende Fragen auf, die bis zum Leser durchdringen. Zum Einen zeigt sie die Ambivalenzen auf, mit denen Menschen zu kämpfen haben, die von einem Kulturraum in einen anderen wechseln, das Gefühl der Heimatlosigkeit, des Sich-nicht-verstanden-fühlen:

„Du weißt doch, wie oft ich diese Geschichte schon gehört habe. >Ach ja, Saudi-Arabien, wie in Nicht ohne meine Tochter!< Ich könnte kotzen, Basil! Wer hat dich denn gefragt, wie es wirklich war? Wie es sich anfühlt unter Kindern, von denen niemand ist wie du? Wer wollte denn das wissen? Die dachten doch immer alle, die wissen schon alles, und haben sich ihr Bild gemacht, sobald sie deinen Namen hören. Die erste Hälfte meines Lebens sollte ich die mysteriöse Wüstenprinzessin sein mit den großen Augen und der Pyramide im Vorgarten. Und dann kam dieser verfluchte 11. September, und wir waren auf einmal alle Terroristen. Vorher wusste doch kaum jemand, was Islam überhaupt ist, und wir waren irgendwie alles Leute, die aus dem Land der Kamele kamen. […] Ich musste auf einmal Mädchen mit Kopftuch in Schutz nehmen, obwohl ich selbst nie ein Kopftuch tragen wollte, ich habe mich auf einmal gezwungen gefühlt, eine Religion zu verteidigen, mit der ich überhaupt nichts zu tun hatte, außer, dass ich reingeboren wurde.“

Zum Anderen hinterfragt sie die Selbstverständlichkeit eines westlichen Wertekanons auf eine Art und Weise, der ihre Berechtigung nicht abgesprochen werden kann, was beunruhigt und aufwühlt:

„Natürlich hat man dahinten mehr Möglichkeiten“, unterbrach sie mich. „Vor allem als Frau. Aber was bringt mir das denn, wenn die Freude darüber fehlt bei den Menschen? Wenn sie stumm und kalt bleiben trotz all ihrer Freiheit und immer nur alles Bekannte wiederholen? Was bringen mir denn die ganzen Möglichkeiten, wenn sie keine Verbindung herstellen zueinander? Wenn man einsam bleibt, in der kleinen, drückenden Stadt, weil man so viele andere Dinge kennt, wenn man nie ganz frei sein kann, weil man sich immerzu entscheiden soll, und auch noch glücklich sein darüber.“

Foto: Andrea Daniel
Foto: Andrea Daniel

Der Leser steckt auf einmal mittendrin in einer durch die Flüchtlingswelle hochaktuellen Fragestellung. Selbstverständlichkeiten werden durch Laylas Entscheidung erschüttert und dies auf eine Art und Weise, der nicht mit Stammtischparolen begegnet werden kann. Was als unumstößlich und absolut gilt, wird auf einmal zu einer Option, die genauso Vor- und Nachteile hat wie andere Lebensformen und Wertekodexe. Und die Nachteile, die Layla als Grundlage ihrer Entscheidung benennt, lassen sich nicht von der Hand weisen – wie oft ist es nicht auch Thema, dass viele Europäer Orientierungslosigkeit und innere Zerrissenheit erleben, Überforderung in Anbetracht freiheitlicher Wahlmöglichkeiten und einem regelrechten Glücks“zwang“, der Druck macht?

Basil kehrt nach einer Woche wechselnder Gefühle zurück nach Hamburg. Er toleriert die Entscheidung seiner Schwester, kann sie jedoch auch weiterhin nicht verstehen. Seine Annahme, dass Layla einem Wunschdenken nachhängt, läuft ins Leere und trifft auf eine authentische Überzeugung. Und so geht es auch dem Leser: Er bekommt einen Einblick in eine andere Lebensform, die ebenfalls überzeugend sein kann, so überzeugend, dass eine kluge junge Frau, die Europa und Arabien kennen gelernt hat, diese einer europäischen vorzieht. Wie Basil seine Reise habe ich dieses Buch beendet und war „erschüttert“ in Grundannahmen, die als selbstverständlich galten.

Genau dies macht dieses Buch so spannend. Rasha Khayat schreibt unaufgeregt und sehr authentisch, ihre Protagonisten sind überzeugend gezeichnet. Kein intellektuelles Philosophieren über Werte bestimmt das Buch, sondern die Überlegungen, Gefühle und Erfahrungen ganz normaler Menschen, die auf der Suche sind nach dem Leben, das sie als stimmig, als Heimat für sich empfinden. Und auch, wenn Basil, wie sicherlich auch so mancher Leser, die Entscheidung der Protagonistin nicht vollumfänglich nachvollziehen kann, so sind ihre Fragen berechtigt.

Ich habe das Buch mit einer großen Nachdenklichkeit aus der Hand gelegt. Aus dem Fragen wird ein Hinter-Fragen, gerade in Anbetracht der vielen Menschen, die aus anderen Kulturräume nach Deutschland gekommen sind. Während des Lesens liefen wie ein Parallelfilm Erinnerungen an meine Reisen in arabische bzw. islamisch geprägte Länder mit, die dabei erlebte Sinnlichkeit der vielen Gerüche, Aromen der Speisen, Farbenprächtigkeit und der großen Gastfreundschaft der Menschen, mit der Layla sich so wohl und heimisch fühlt.

Die Ähnlichkeit zu der Biografie der Autorin ist nicht zu verkennen. Rasha Khayat hat ebenfalls arabische Wurzeln, ist als Kind aber wieder zurück nach Deutschland gekommen, hat hier studiert und arbeitet in Hamburg. In ihrem Debütroman fließen diese Erfahrungen mit ein. Ihr gelingt es, Fragen aufzuwerfen ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, Selbstverständlichkeiten auszuhebeln ohne zu werten, aufzuwühlen ohne destruktiv zu werden. Eine absolute Leseempfehlung!

 

Rasha Khayat

WEIL WIR LÄNGST WOANDERS SIND

Dumont Buchverlag

192 Seiten

ISBN 978-3-8321-9814-5

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Über Andrea Daniel 60 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

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