22. September 2017

Olaf Trunschke: Die Kinetik der Lügen

Romantik

1816, „das Jahr ohne Sommer“

Lord Byron, Dichter und Fürst, mittellos, dünkelhaft. Ein Verführer der Frauen – reist mit seinem Gefolge, dem von ihm für die Reise engagierten Arzt John William Polidori, dem  Schriftsteller Percy Bysshe Shelley, der (späteren Schriftstellerin) Mary Godwin und deren Stiefschwester Claire Clairmont, die ein romantisches Interesse an seiner Lordschaft entwickelt hatte, an den Genfer See.

„Shelley hielt die Linien & Striche seiner Feder für Zündschnüre in den Köpfen der Leser. Byron hingegen meinte, Dichten sei eine Arznei – gut gegen Langeweile, manchmal auch gut gegen Schmerz. Niemand, der Besseres zu tun habe, würde jemals zu Tinte & Feder greifen. Und Polidori glaubte an Ruhm, an Ruhm & Nachruhm: Tinte sei das einzige Elixier gegen die Zeit.“

                                                – Etwas abseits saßen die Frauen…..

Die fünf Personen sind jede für sich schillernd. Sie schillern durch ihre Familiengeschichten, ihre Werke und durch Handlungen die anderen zugesprochen wurden: Lord Byron war skandalträchtiger finanzschwacher Dichter, seine Affairen waren legendär. Dass seine literarischen Werke große Einkünfte einbringen könnten, fand er lächerlich, von seinen Büchern zu leben brachte er mit seiner Würde nicht überein.

Der Arzt John William Polidori war Schriftsteller; dass Lord Byron als Urheber für den von ihm erfundenen Vampir genannt wurde, war eines seiner größten Probleme. Percy Shelley war Atheist, wegen gottelästerlicher Schriften wurde er der Universität verwiesen… Mary und Claire gehörten zu der Familie eines Anarchisten, was sich auf ihre Einstellungen zur Gesellschaft eindeutig auswirkte.

Der gemeinsame Sommer 1816  am Genfer See ist eine häufig beschriebene Sequenz in der Geschichte der Literatur. Mary Godwin entwickelte mit ihrem Roman Frankenstein nicht nur einen Prototyp eines neuen Literaturgenres, sie öffnete mit ihrem Roman die Tür zu einer neuen literarischen Epoche, als sie Erkenntnisse moderner Forschung (1780 hatte Luigi Galvani Experimente mit Froschschenkeln gemacht, bei denen diese zuckten.) zum Anstoß für ihren Frankenstein nahm.

O. Truschke berichtet von der Intensität dieses Sommers und stellt mehrere Transfers in die heutige Zeit her.

In der heutigen Zeit, ebenfalls am Genfer See, forscht Maria am CERN, einer nuklearen Forschungseinrichtung. Ein am CERN entwickeltes Computerprogramm scheint, ähnlich wie das von Viktor Frankenstein geschaffene Wesen im Buch der Mary Godwin, ein Eigenleben zu entwickeln. Ein Dokumentarfilmer, Freund von Maria, ist Gesprächspartner zu den sich stellenden ethischen Fragen aber auch denen nach Ursache und Wirkung eines sich verselbständigenden Wesens mit unklaren Aufgabenstellungen.

„Irgendwie, sagte Georges, sind wir doch alle Zombies… – Lieber glauben wir an falsche Messwerte, als an eine falsche Theorie. Ihre Löcher stopfen wir mit neuen Theorien, erfinden passende Teilchen und geben ihnen kluge Namen. Als gäbe es das alles in Wirklichkeit …“

Olaf Trunschke verwebt in meisterhafter Geschlossenheit Zeiten und Themen miteinander. Ich fragte mich bei der Lektüre oft: Hat er das erfunden? Oder ist das belegt? Und gehören die Gebrüder Grimm tatsächlich so in die Geschichte(n).

Trunschke erzählt nicht nur Geschichten, er entwickelt ethische Fragestellungen, die er nicht beantwortet und auch nicht bis ins Letzte von seinen Figuren beantworten lässt.

Die Kinetik der Lügen lädt zum Nachdenken ein und (mich zum ausgiebigen Nachlesen im world wide web).

Die zahlreichen Verweise und Verwebungen der handelnden Personen deuten auf ausführliche Recherchen und langes Forschen hin. Das Buch wurde vom Homunculus Verlag optisch und haptisch wunderbar umgesetzt und eingekleidet. Das Ergebnis: Großartige Literatur, Tolles Buch.

Dank an den Hommunculus Verlag für das Leseexemplar.

Olaf Trunschke
Die Kinetik der Lügen

Hommunculus Verlag

ISBN: 978-3-946120-72-8

Über Klaus Daniel 143 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.

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