21. Februar 2020

Birgit Rabisch: Die Schwarze Rosa

Foto: A. Daniel

Was passiert, wenn man bei der Ahnenforschung auf blinde Flecken in der Familienhistorie stößt? Wenn sich Schweigen ausbreitet, sobald man Fragen stellt?

Und wenn Beziehungen zu Familienangehörigen auf einmal in einem anderen Licht erscheinen? Wenn sich Facetten an einem geliebten Menschen zeigen, die das ganze Bild von ihm verändern?

Birgit Rabisch hat sich auf den Weg gemacht. Sie ist bei ihrer Großmutter groß geworden, kennt sie ein Leben lang als umtriebige, hilfsbereite Frau, die ständig zu tun hat und selten in Ruhe zu erleben ist. Bis diese 1975 stirbt, erlebt die Autorin sie zwar als wenig zärtliche, aber umsorgende, zuverlässige Größe in ihrem Leben. Dann zeigen sich erste Risse. Alte Fotos und Unterlagen tauchen auf, erste Fragen stellen sich. Rabisch erlebt erste Schatten, die sich auf ihr Bild von ihrer Oma legen: Ihre Mutter, das jüngere Kind der Großmutter, ist nur die Tochter, die stets im Schatten des Bruders bleibt, selbst als dieser im 2. Weltkrieg fällt. Ein Artikel von Carl von Ossietzky, Herausgeber der Zeitschrift „Die Weltbühne“, taucht auf und die Antwort auf die Frage, wer der darin im Rahmen der sogenannten Femeprozesse erwähnte Paul Schulz sei, bringt Birgit Rabisch dazu, Nachforschungen anzustellen.

Femeprozesse? Ich muss gestehen, dass ich erst einmal nachlesen musste, worum es darin ging: Nach dem 1. Weltkrieg bildeten sich im Untergrund paramilitärische Gruppierungen aus der alten Reichswehr, die sogenannte Schwarze Reichswehr, deren Ziel die Verteidigung des deutschen Vaterlands und seiner Interessen war, auch in Anbetracht des verlorenen Krieges und den daraus resultierenden Reparationsleistungen. Es entstand eine Form verdeckter Selbstjustizen, wenn der Verdacht aufkam, dass jemand aus den Reihen verräterische Absichten vertrat, zunehmend auch im Zusammenhang mit antisemitischen Motiven. Menschen verschwanden, wurden heimtückisch ermordet. Über allem lag der Schleier des Nicht-Hinsehens.

 

Und Paul Schulz? Welche Rolle spielt er in der Familiengeschichte, was hat er mit der Großmutter zu tun? Rabischs Mutter antwortet: „Mit dem war sie mal verlobt.“

Rabisch geht auf Spurensuche und verbindet ihre Forschungsergebnisse mit einer fiktiven Geschichte über das Leben ihrer Großmutter. Entstanden ist ein faszinierender, teilweise Atem stocken lassender Roman über eine Frau, die in Berührung kommt mit einem schwarzen und teilweise blinden Fleck der deutschen Geschichte, die die altbekannte Frage aufwirft: Wie konnte das geschehen?

 

Rosa wird am Ende des 19. Jahrhunderts als viertes Kind eines Webers im Harz geboren, der nur mit Müh und Not das Auskommen seiner Familie sichern kann. Die Geburt jedes Kindes ist ambivalent, denn noch ein „neues Maul muss gestopft werden“. Rosa wird auf den Namen Röschen getauft und wird groß in einer Familie, die um das Überleben kämpft. Der Vater beteiligt sich am Weberaufstand, bis er resigniert und ohne Erfolg aufgeben muss. Weitere Kinder werden geboren und Röschen muss früh zum Familienunterhalt beitragen, indem sie die jüngeren Geschwister hütet. Als ein nachgeborenes Zwillingspärchen stirbt, ist sie die Einzige, die trauert und erinnert. Überhaupt ist Wärme und Zuwendung nicht vorgesehen, nach dem Abstillen gibt es keinen Körperkontakt; weder zur Mutter noch zum Vater oder zu den Geschwistern. Röschen ist neugierig und wissbegierig, aber eben nur ein Mädchen. Sie entwickelt ihren eigenen Kopf und erwirbt sich, teils heimlich, was sie wissen und lernen will. Immer wieder reibt sie sich an ihrem großspurigen pubertierenden Bruder Erich. Als sie zehn Jahre alt ist, siedelt die Familie nach Pommern um und beginnt, Landwirtschaft zu betreiben, denn die englischen, industriell hergestellten Weberprodukte trieben das Einkommen der Familie tief nach unten. So entschließt sich die Familie, an einem Siedlerprojekt „zur Förderung des gefährdeten Deutschtums“ zu partizipieren: Auf der Grundlage von Enteignung polnischer Grundbesitzer wird zu einem günstigen Preis Land an deutsche Siedler verkauft. Die Familie, die keinerlei Erfahrungen in der Landwirtschaft hat, zieht um und unterwirft sich der harten Arbeit. Dennoch ist Röschen nicht unzufrieden, sie findet eine Freundin, streift durch die Natur, verliebt sich zum ersten Mal. Der 1. Weltkrieg bleibt zunächst fast randständig für die Familie, bis die älteren Söhne eingezogen werden und zunächst begeistert in den Krieg ziehen. Einer von ihnen wird schwer verletzt und traumatisiert. Über die Erfahrungen an der Front spricht er nicht, hat jedoch große Probleme, sich in die Gemeinschaft wieder einzugliedern, bis er schließlich heiratet und einen Hof betreibt. Erich hingegen gerät zwar in Gefangenschaft, ist jedoch sehr begeistert von seinem Mitwirken an der Verteidigung des deutschen Vaterlands. Nach der Niederlage wird die Familie enteignet und um ihr Land gebracht. Die Familie ist wieder genötigt, einen Neuanfang zu machen und eröffnet eine Kneipe. Röschen, die inzwischen darauf besteht, nur noch Rosa genannt zu werden, hilft mit, ist tagaus, tagein bis spät in die Nacht im Schankraum. In ihr brennt es vor Zorn über die erfahrenen Ungerechtigkeiten, sie kommt nicht umhin, die Polen für ihr Unglück verantwortlich zu machen.

Eines Tages bringt ihr Bruder Freunde aus den gemeinsamen Zeiten in der Reichswehr mit, darunter den gut aussehenden Paul Schulz. Rosa kann ihr Glück zunächst kaum fassen, als dieser sich für sie interessiert und ihr Avancen macht. Vorsichtig erwidert sie diese. Paul ist charmant und liebenswürdig, er nimmt sie ernst und nimmt Rücksicht auf sie. Sein Heiratsantrag macht sie überglücklich und so sie begleitet ihn nach Berlin. Hier führt sie ihrem Verlobten den Haushalt, ihn, der schwer beschäftigt ist und dessen Geschäfte ihr nicht bekannt sind. Ihr Bruder arbeitet eng mit Schulz zusammen, immer wieder lässt er sich großspurig über die Wichtigkeit ihrer Tätigkeit für das deutsche Vaterland aus, für den Ausgleich erlittenen Unrechts und die Einflussnahme auf die Politik der noch jungen Demokratie der Weimarer Republik. Zunehmend mischen sich antisemitische Züge in die Argumentation ihres Bruders und ihres Verlobten, aber Rosa versteht nicht alles von dem, was sie mitbekommt. Sie vertraut darauf, dass der Mann an ihrer Seite, der ihr klug, warmherzig und liebevoll begegnet, in all seinen Meinungen und Entscheidungen nur richtig liegen kann. Bis sogar von einem Staatsstreich die Rede ist, von Verschwörungen und Untergrabungen selbst innerhalb der nationalistischen Bewegung der alten Heeresbestände… Sie übernimmt kleinere Spionagetätigkeiten, übermittelt Botschaften, die – bestimmt zu Recht – geheim bleiben müssen. Aber langsam schleichen sich Zweifel ein. Und schließlich belauscht sie zufällig ein Telefonat ihres Verlobten:

Rosa verstand, auch wenn sie nicht alles verstanden hatte. Aber was sie verstand, konnte sie nicht verstehen. Sie stand noch immer bewegungslos auf dem Fleck, stand still wie die Zeit. Sie hörte Paul den Hörer auflegen, sich eine Zigarette anzünden, mit Papier rascheln. Aber diese Geräusche hatten mit ihrem Leben nichts mehr zu tun. Noch stand sie auf der Grenze zwischen dem Vorher und dem Nachher, doch einen Weg zurück gab es nicht. Sie blieb einfach stehen. Sieben Minuten stand sie am 30. Mai 1924 im Flur, die Einkaufstasche in der Hand …

Rosa geht. kehrt zu ihren Eltern zurück, die die Welt nicht mehr verstehen, hilft wieder in der Gastwirtschaft. Und verfolgt kurze Zeit später die Prozesse um ihren ehemaligen Verlobten und ihren Bruder, die der mehrfachen Fememorde angeklagt werden. Dann stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Eine schnelle Heirat mit einem Mann, der ihr nichts bedeutet, wendet die Familienschande ab. Ihr Sohn wird geboren und stirbt als junger Mann an der Front im 2. Weltkrieg. Ein zweites Kind ist ein Mädchen. Rosa lebt ihr Leben, versucht, Mutter zu sein, und reist zu allen Orten, an denen wegen der Fememorde prozessiert wird. Als Mutter und Haushaltsführerin entledigt sie sich jeglicher politischer Mitwirkung in der Zeit des Naziregimes und des Zweiten Weltkrieges:

„Ich bin Hausfrau und Mutter gewesen. Ich habe mich um meine Kinder und um meine alten Eltern gekümmert, habe auf dem Hof meines Bruders mitgeholfen. Dann kam der Krieg. Dann kam die Vertreibung.

Birgit Rabisch erzählt die Geschichte ihrer Großmutter gewohnt flüssig und gut nachvollziehbar. Rosa wird lebendig, ihr Charakter, ihre Art zu denken wird deutlich. Und genau deswegen stockte mir beim Lesen wiederholt der Atem: Diese junge Frau, die so normal und sympathisch erscheint, in deren Denken und Fühlen sich leicht hinein finden lässt, ist mittendrin in diesem schwarzen Fleck der deutschen Geschichte. Gerade weil sie so normal und sympathisch erscheint und ihr Denken und Fühlen nachvollziehbar ist, wird deutlich, wie gefährlich schnell sie in den Strudel des Abgrunds treibt. Und das macht Angst: Wie schnell kann das Normale, das Nachvollziehbare kippen in ein Verhängnis, in eine Wiederholung, in den nächsten Abgrund?

Genau aus diesem Grund erscheint Rabischs Buch zur richtigen Zeit. Ich muss hier nicht aufführen, welche verhängnisvollen politischen Tendenzen die Normalität wieder in eine Katastrophe wenden können. Es bleibt die Botschaft, aufmerksam und wachsam zu bleiben und sich nicht vom Schleier der Normalität täuschen zu lassen.

Darüber hinaus finde ich es ausgesprochen mutig von der Autorin, sich persönlich mit diesem Teil ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen und schriftstellerisch zu verarbeiten. Herausgekommen ist ein lesenswerter, empfehlenswerter Roman.

 

Ich danke dem Duotincta Verlag für die Überlassung dieses Rezensionsexemplars. Dies hatte keinerlei Auswirkungen auf meine Meinungsbildung.

 

Birgit :  Die Schwarze Rosa

Verlag duotincta

ISBN 9783946086505

264 Seiten

 

 

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Über Andrea Daniel 61 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.