12. Dezember 2019

Unten am Fluss – Warum Kaninchen die besseren Menschen sind

Ich hatte gerade das Hörbuch „Als die Tiere den Wald verließen“ zu Ende gehört, als ich mir überlegte, welche Geschichte es denn als Nächstes sein sollte. Ich stand sehr unter dem Eindruck dieses großartigen Buchs und beschäftigte mich deswegen mit ähnlicher Literatur. Ich stieß dann auf das Buch „Unten am Fluss“. Da ich Kaninchen selber ziemlich großartig finde und bei uns zu Hause einige davon rumlaufen, konnte ich nicht wiederstehen.

Von dem Buch hatte ich zuvor noch nie gehört, zumindest nicht bewusst. Frau und Freunde konnten das Ganze jedoch sofort zuordnen. Sie kannten die Verfilmung. Das machte mich ziemlich skeptisch. Stoff, der kindgerecht verfilmt worden ist – ist das dann vielleicht wirklich zu seicht? Und ist das Ganze vielleicht nicht originell genug?  Eine kurze Recherche zum Autor Richard Adams sorgte schnell für Entspannung. Besonders gefreut habe ich mich darüber, dass Richard Adams versucht, die Geschichte der Kaninchen aus deren Sicht und Denkweise zu schildern und die Tiere nicht künstlich vermenschlicht.

Meine Bedenken wurden zerstreut und waren unbegründet. Zwar basiert die Geschichte auf einer recht simplen Ausgangssituation, doch dann entwickelt sie sich ganz herrlich. „Fiver“ und „Hazel“ zwei Brüder, die so heißen, weil sie nach einem Haselnussstrauch benannt wurden, bzw. der Fünfte eines Wurfs waren, sind außerhalb ihres Geheges unterwegs, als sie etwas bemerken. Sie können es nicht erkennen (es handelt sich um eine Werbeschild für eine neue Wohnanlage), wissen aber, dass es von Menschen dort aufgestellt wurde. Fiver, der häufig „Vorahnungen“ hat, die sich bewahrheiten, sieht das böse Ende ihres Geheges auf sie zukommen. Sein Bruder Hazel ist überzeugt, dass es nur einen Ausweg gibt. Sie müssen ihr Gehege verlassen.

Es kostet Hazel, der sich mehr durch Klugheit und Redegewandtheit auszeichnet als durch Kraft und Geschwindigkeit, einige Mühen, sich als Anführer einer kleinen Gruppe fluchtbereiter Kaninchen zu etablieren. Es gibt schnellere Tiere als ihn, stärkere sowie größere und sogar ein schlaueres Langohr. Dennoch schafft er es, die Gruppe sicher und verlustfrei zu ihrem vermeintlichen Ziel zu führen. Die Kaninchen erreichen ein Gehege, dem sie sich anschließen dürfen und in dem es allen Anschein nach Fressen im Überfluss gibt. Doch nichts ist wie es scheint. Bigwig, das größte und stärkste der Kaninchen, kommt fast ums Leben, die Reise geht weiter.

„Wir wissen eine ganze Menge nicht“, sagte Blackberry. „Ich meine über diesen Ort. Die Pflanzen sind neu, die Gerüche sind neu. Wir werden selbst neue Ideen brauchen.“ „Nun, du bist genau der Richtige für neue Ideen“, sagte Hazel. „Ich weiß nie etwas, bis du es mir sagst.“ „Aber du gehst voran und übernimmst das Risiko“, antwortete Blackberry. „Wir haben es alle gesehen. Und jetzt geht unsere Reise zu Ende. Dieser Ort ist sicher – wie Fiver es vorausgesagt hat.“

Es gibt so viele Dinge, die ich faszinierend fand und die mir beim Hören gut gefallen haben, dass ich sie gar nicht alle hier unterkriege.

Oliver Siebeck liest großartig. Unaufgeregt, nicht affektiert und klar verständlich. Ähnlich wie bei Uve Teschner in „Als die Tiere den Wald verließen“ verleiht er den einzelnen Protagonisten Erkennungsmerkmale, ohne dass diese lächerlich klingen.

Hazel zeichnet sich durch soziale Kompetenzen aus, die für seine Begleiter zunächst nicht verständlich sind. Er kümmert sich besonders um die Schwächeren, er rettet eine Feldmaus vor einem Turmfalken und sorgt dafür, dass eine verletzte Möwe aufgepäppelt wird. Diese Handlungen helfen nicht unmittelbar und sind deshalb für Hazels Freunde nicht nachvollziehbar. Doch im Verlauf der Geschichte erweisen sie sich als entscheidend.

Grundsätzlich finde ich die sozialen Elemente großartig. Jedes der Kaninchen hat Fähigkeiten, die es einzigartig machen. Bigwig ist groß und stark, Dandelion ist rasend schnell und Blackberry unfassbar intelligent. Obwohl es Streitigkeiten gibt, sind sich die Tiere stets bewusst, dass sie nur gemeinsam eine Chance haben zu überleben und eine neue Heimat zu finden.

Ein weiterer großartiger Aspekt ist die Erzählung der Mythologie der Kaninchen. Dandelion ist nicht nur das schnellste Kaninchen, er ist auch der beste Geschichtenerzähler. Im Laufe des Buches gibt er fünf Geschichten des Stammvaters der Kaninchen zum Besten. „El-ahrairah“ (Oliver Siebeck spricht es „El Ährera“ aus) ist ein charismatischer Dieb und ein liebevoller Anführer. Die Nebengeschichten sind wirklich cool.

Ich habe das Hörbuch von Anfang bis Ende genossen. Wenn ich Bücher höre oder lese, die mich faszinieren, neige ich dazu, Nebenrecherchen durchzuführen. So habe ich ganz viel über den Autor herausgefunden und auch schon ein weiteres Werk von Richard Adams geordert.

Auch die Netflix-Serie habe ich mir angeschaut, um vergleichen zu können. Es handelt sich hierbei um eine computeranimierte Adaption des Stoffes. Ich war überhaupt nicht begeistert. Das hatte weniger mit der sehr merkwürdigen Animationstechnik zu tun, sondern viel mit dem Inhalt. All die Dinge, die mir am Buch gut gefallen, wurden vernachlässigt. Keine Maus wurde gerettet, keine Möwe aufgepeppelt und grundsätzlich kommt die Gemeinschaftskomponente zu kurz. Dass auch eine Häsin in der Fluchtgemeinschaft mitmacht, finde ich grundsätzlich nicht schlimm und ist wahrscheinlich der „Political Correctness“ geschuldet, nur Sinn macht es absolut nicht.

Wenn es etwas an Adams Werk zu kritisieren gibt, dann vielleicht, dass der weibliche Blick fehlt. Die Gruppe um Hazel besteht ausschließlich aus Böcken. Die Suche nach Weibchen ist wichtig, um den Fortbestand der Gemeinschaft zu sichern, es gibt keinen „romantischen“ Hintergrund. Die Fähigkeit, die der Gruppe aufgrund des Mangels an Weibchen am meisten fehlt, ist die Möglichkeit, Tunnel und Bauten zu graben. All das hat aber weniger mit Sexismus zu tun, sondern mit dem was ich zu Beginn des Blogs geschrieben habe. Adams vermenschlicht die Kaninchen nicht. In der Natur gibt es nicht viel Platz für Romantik (auch wenn es abgedroschen klingt), es geht ums Überleben.  Es ist auch nicht so, dass Weibchen untergeordnet beschrieben werden, als sie (endlich) die Gemeinschaft vervollständigen, ist das eine totale Bereicherung.

Abschließend kann ich nur raten, diesen Stoff auf jeden Fall zu lesen oder im Original zu hören und die Finger von „korrigierten“ Verfilmungen zu lassen.

Unten am Fluss wird vom Hörbuch Hamburg Verlag (HHV) aufgelegt.

 

… für Berta – das neugierigste und mutigste Kaninchen von allen…

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