20. November 2019

Krimireihen – Christian v. Ditfurth: Stachelmann

 

 

 

 

 

 

Stachelmann

Als ich 2018 durch ein wunderbares Buchgeschäft in Leipzig bummelte, es war die Connewitzer Verlagsbuchhandlung,  traf ich auf ein damals neues Buch von von Ditfurth. Allerdings ging es nicht um Kommissar de Bodt, sondern um Josef Maria Stachelmann. Mit Blick auf den Rücken, fand ich heraus, dass es der neueste Teil einer schon älteren Serie um einen Historiker ist, der Kriminalfälle in Hamburg löst.
Ich habe angesichts der goldenen Serienregel (immer ab Band 1) (nervt das schon?) natürlich ein anderes Buch gekauft (Ich gehe selten ohne Buch aus Buchhandlungen), aber Stachelmann wurde natürlich zu Hause ordentlich per Netzanschluss erkundet. Die Serie Stachelmann gibt es seit 2002, in 2018 ist der bislang letzte Fall erschienen.

Wirkt Kommissar de Bodt auf seine Umwelt, vor allem auf die Menschen, die ihn unsymphatisch finden, arrogant und oberschlau, so kämpft Josef Maria Stachelmann mit seinen selbst erlebten Unzulänglichkeiten. Er liegt mit der Arbeit an seiner Habilitation sehr zurück, zweifelt an sich und kann nicht nachempfinden, warum ihn die historisch – wissenschaftliche Welt als aufgehenden Stern beschreibt. Von Beginn an (Band 1), einem Fall, in dem es um ehemalige Nazi – Profiteure, die noch immer die Fäden ziehen, geht, zeigt v. Ditfurth sein profundes historisches Wissen (er ist Historiker), das als Kulisse, Inhalt und bestimmendes Element durch die spannenden Fälle von Stachelmann trägt.
Stachelmann lässt sich gut lesen, er ist intelligent geschrieben und im gut sortierten Gebrauchtbuchhandel gut nachzukaufen (ich habe sie nun alle).

Herr Stachelmann ist nun in insgesamt sieben Bänden aufgetreten. Im ersten Band, Mann ohne Makel, ist mit Josef Maria Stachelmann ein Wissenschaftler kennenzulernen, der weniger an die eigenen Fähigkeiten glaubt, als sein Umfeld. Sein „Berg der Schande“, ein Stapel, in dem sich die Literatur für seine Habilitationsschrift befindet, ist ein dauerndes Mahnmal dafür, endlich die Habilitation fertigzustellen. Stachelmann kann gar nicht fassen, dass diese junge Kollegin, die sich an seinem Schandberg als Steinbruch des Wissens bedienen möchte, ihm eindeutige Avancen macht. Als hätte Stachelmann mit seiner chronischen rheumatischen Erkrankung und einem verkorksten Verhältnis zu den Eltern und dem sich anbahnenden privaten Verhältnis zu einer jüngeren Kollegin nicht genug zu tun, nimmt ein ehemaliger Freund und nun Polizist Kontakt zu ihm auf.

Mich hat Stachelmann ab der zweiten Seite für sich und seine akademische Welt, die weit von seiner Privaten entfernt zu sein scheint, eingenommen.

Stachelmann gerät unverhofft in Kriminalfälle hinein, die sich als verdreht und kompliziert erweisen. Die Verdächtigen sind nicht immer die Schuldigen, und immer gehen die Fälle tief ins Gemüt. V. Ditfurth schickt seinen Stachelmann oft in die deutsche Vergangenheit des Nationalsozialismus zurück, die noch immer nicht abgeschlossen ist. Wie auch? V. Ditfurth benennt Gewinnler*innen, die noch immer dafür Sorge tragen, dass Machenschaften nicht aufgedeckt und sogar fortgesetzt werden. Hier findet Geschichtsunterricht ohne Besserwisserei, aber mit einer klaren Haltung statt.

V. Ditfurth macht deutlich und benennt oft Quellen, wie sehr sich Nazis auf das Ende ihrer Schreckensherrschaft vorbereitet haben. Er zeigt, dass Nazis sich bei der Übernahme jüdischer Unternehmen in die eigene Tasche gewirtschaftete haben und das Ganze mit perfiden Namen unterlegt haben. Aus den Quellen lässt sich ablesen, wie sehr die Seilschaften sich der Entnazifizierung entziehen konnten und immer Bestandteil des Establishment geblieben sind.

Wenn der Vorstandsmann mit den Dackelkrawatten einer heutigen Nazipartei meint, der Nationalsozialismus sei ein Schiss in der deutschen Vergangenheit, die fremdenfeindliche Vorstandsfrau der selben Nazipartei eine Philippinin als minderbezahlte Putzfrau missbraucht oder ein ehemaliger Geschichtslehrer, Landesvorstand dieser Nazipartei in seinem Sprachduktus nicht von der Kampfschrift des ehemaligen Schreckensherrscher Hitler zu unterscheiden ist, dann sind sie nicht eine Neuauflage der Nazis, sondern eine öffentlicher werdende Fortsetzung, die immer schon bestanden hat.

Manchmal war ich beim Lesen erstaunt über die Blauäugigkeit, mit der Stachelmann Menschen begegnet. Allerdings dachte ich oft auch: Er ist kein Supermann, warum sollte es ihm anders ergehen als Anderen?

Und überhaupt – Warum müssen Supermänner und -Frauen immer in allem besser sein als andere? Tatsächlich wäre Stachelmann aufgeschmissen ohne die Menschen, die ihn umgeben und ihn trotz seiner Macken mögen und lieben. Einige Personen kommen und gehen – andere bleiben in seinem Leben. Auch diese persönlichen Höhen und Tiefen machen die Geschichten um Stachelmann besonders. V. Ditfurth kümmert sich sehr ganzheitlich um seine Figuren.

 

 

Christian von Ditfurth

Mann ohne Makel 2002

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-03389-2

Mit Blindheit geschlagen 2004

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-03659-6

Schatten des Wahns 2006

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-03943-6

Lüge eines Lebens 2007

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-04023-4

Labyrinth des Zorns 2009

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-04086-9

Die Akademie 2011

Kiepenheuer & Witsch

ISBN: 978-3-462-04296-2

Böse Schatten 2018

Penguin

ISBN: 978-3-328-10177-2

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Über Klaus Daniel 176 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.