20. September 2020

Cecelia Ahern: Der Glasmurmelsammler

Leben in zwei Welten…

»Je nach der Gegend, in der man ist, haben Murmeln ganz
unterschiedliche Namen«, sagt er, kniet sich wieder hin und
zeigt mir noch etwas. »Manche nennen sie Schusser, andere
Klicker oder Marmeln, aber meine Brüder und ich haben sie
immer Allies genannt.«

GlasmurmelsammlerSabrina ist seit sieben Jahren Bademeisterin in einem Altenheim. Ihr Leben erscheint ihr ereignislos und  emotional verworren. Sie lebt mit Mann und Söhnen zusammen, ihre Ehe scheint in an einem Tiefpunkt angekommen zu sein. Sabrinas Vater Fergus hatte einen Schlaganfall, der ihn wichtige Teile und Menschen seines Lebens vergessen lassen hat. Deswegen lebt er nun im Pflegeheim, wo Sabrina ihn häufig besucht.

Eines Tages entdeckt Sabrina in mehreren Umzugskartons Fergus´große, wertvolle Glasmurmelsammlung, von der niemand etwas wusste: Weder Fergus´Freund und Anwalt, noch Sabrinas Mutter, Fergus´ehemalige Ehefrau und schon gar nicht Sabrina. Beim Durchsuchen der Sammlung fällt Sabrina auf, dass die kostbarsten Murmeln fehlen, deswegen macht sie sich auf die Suche nach ihnen.

Auf dieser Suche wird Sabrina das andere Leben ihres Vaters entdecken und Menschen kennen lernen, die ihrem Vater in diesem anderen Leben wichtig waren. Auf ihrem Weg in das Leben ihres Vaters beginnt Sabrina Erlebnisse ihrer Kindheit neu zu einzuordnen und zu bewerten – sie erkennt blinde Flecken in ihrem Leben, die ihre Persönlichkeit und ihre Ehe belasten.

Fergus ist mit seinen Brüdern und Halbbrüdern in einer Patchworkfamilie in armen Verhältnissen in Dublin aufgewachsen. Sein ältester Bruder Hamish und die Glasmurmeln halfen Fergus schlimme Zeiten in der Schule auszuhalten.

„Father Murphy steht vor meinem Tisch, groß und grau und
breit. Wenn er schreit, spritzt die Spucke aus seinem Mund,
und ich spüre genau, wie sie mein Gesicht trifft, aber ich habe
Angst, sie wegzuwischen, denn wer weiß, ob ihn das nicht noch
wütender macht.“

Hamish hat die Familie früh verlassen und in Fergus´Leben eine große Lücke hinterlassen. Die Glasmurmeln wurden Schätze und Lebensinhalte, seine Liebe zu ihnen hatte ihn getragen, bis es zu seinem Schlaganfall kam.

Neue Facetten

Cecelia Ahern ist mir für ihre emotionalen, oft an der Grenze zum Süßen spielenden Geschichten bekannt und deswegen mag ich sie. Die Personen im „Glasmurmelsammler“ wirken zunächst distanziert und unscharf; so, als ließen sie den Lesenden nicht an sich heran. Der „Glasmurmelsammler“ ist eine interessante Familiengeschichte, die über mehrere Generationen hinweg reicht, deren Ende nicht voraussehbar ist und in deren Verlauf die Verletztheiten einzelner Personen im Nachhinein erklärlich werden.

Aus der jeweiligen Perspektiven von Tochter und Vater erzählt, sind die chronologische Abläufe in den unterschiedlichen Zeitebenen zunächst schwer nachvollziehbar, so dass es schwierig ist, sich in die Geschichte einzufinden. In Fergus´ Biografie werden die kategorialen Erlebnisse herausgestellt, durch die die Murmeln dieses besondere Gewicht in seinem Leben erhalten und Fergus beginnt, zwei parallele Lebenswelten zu entwickeln. Sabrina fällt es zunächst schwer, diese Leben zu entwirren und damit ihren Vater kennen zu lernen. Je mehr Fragen sich beantworten und je mehr sich einzelne Puzzleteile zusammenfügen lassen, umso flüssiger und spannender wird die Geschichte. Und sie stellt sich immer mehr als eine wirklich gelungene Familiensaga von Cecelia Ahern heraus.

In dem Buch „Der Glasmurmelsammler“ wird Manche(r) Parallelen zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung  finden. Erinnerungen an frühe Kinderspiele werden möglicherweise wach, vielleicht klären sich Blicke auf die eigenen Familienverhältnisse. Mein besonders Interesse hat geweckt, wie Lebenslügen entstehen können und welche Mühen es machen kann, bei der „Wahrheit“ zu bleiben. Fergus hatte aufgrund seiner Lebenserfahrungen und seiner Wünsche Schwierigkeiten damit, seine Wahrheiten offen zu leben. Damit hat er sich Sehnsüchte erfüllt – aber auch verbaut.

 

Cecelia Ahern

Der Glasmurmelsammler

Fischerverlage / Krüger

HC  ISBN: 978-3-8105-0152-3

Ab November 2016 als TB

Teile diesen Beitrag.
Über Klaus Daniel 178 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.