22. Oktober 2018

Warum ich lese – von Andrea Daniel

Persönliches Erleben…

Wenn ich mir die bisherigen Beiträge zu dem Thema „Warum ich lese“ anschaue, so berichten ausschließlich alle über ein sehr persönliches Erleben, das berührend von ihren Erfahrungen mit dem
Lesen erzählt. Ich glaube, hierin liegt auch der Zauber dieses Themas – es werden die ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten der AutorInnen deutlich.

Auch meine Leseliebe begann früh. Ich stamme aus einer Kleinstadt südlich von Brem20160614_084402en. Das Leben in dieser Kleinstadt und in unserer Familie war fest vorgegeben, von festen Vorstellungen und Erwartungen geprägt. Fast jeder kannte jeden, persönliche Erfahrungen blieben kaum hinter verschlossenen Türen (aber wer weiß, was hinter den Fassaden passierte…). In meiner Familie war die Leitfrage „Was könnten nur die Nachbarn sagen?“ alltagsbegleitend. In der Rückschau kommt es mir vor, als lebten wir nach einem Drehbuch. Jeder hatte seine Rolle zu spielen, für Improvisationen und Variationen war wenig Spielraum. Dummerweise habe ich mich in diesem Drehbuch und der mir zugewiesenen Rolle nicht heimisch gefühlt. So war es wohl kein Wunder, dass ich zum Studium wegzog und eine Rückkehr in meine Geburtsstadt für mich nicht denkbar ist.

Aber vorher bildeten Bücher für mich ein Gegengewicht zu dem allgegenwärtigen „Drehbuch“: Mit dem Lesen erschloss sich mir, dass die Welt auch ganz anders gesehen und erlebt werden kann. Auf einmal brach die Enge auf, viele Möglichkeiten wurden erkennbar, neue Sicht- und Denkweisen. Lesen bildete die Möglichkeit, die Innenwelten völlig unterschiedlicher Menschen kennen zu lernen, aber auch anderer Kulturkreise, Zeitepochen, Lebensarten und Denkweisen.

Das Drehbuch verlassen

Ich glaube, Lesen ist für mich Ausdruck eines Wesensmerkmals von mir. Es entspricht einer tiefen Neugierde auf die Welt. Deswegen reise ich auch so gerne und deswegen bezeichne ich Lesen auch gern als „geistiges Reisen“. Und wenn ich von Neugierde schreibe, so trifft das nicht ganz den Kern dessen, was ich dabei empfinde: Ein tiefes Glück und ein Gefühl von Fülle in Anbetracht dessen, was es in der Welt zu entdecken gibt. So erlebe ich es immer wieder, dass ich in Buchhandlungen oder Bibliotheken allein beim Anblick der Bücher zutiefst beglückt bin, denn mir wird deutlich, dass ich mein ganzes Leben lang Neues entdecken kann. Aus diesem Grund lese ich nicht nur Romane, sondern immer auch mal gern ein gutes populärwissenschaftliches Buch, das informiert und Zusammenhänge erklärt. Lesen ist für mich ein Erfahren von unterschiedlichen Facetten und damit immer wieder auch ein „geistiges Ausprobieren“ im Sinne von „Was wäre, wenn…“. Es ist eine verbale Erweiterung meines Horizonts. Natürlich ist auch mein Horizont begrenzt, ich bin genauso geprägt von meinen Erfahrungen und meiner Umwelt wie jeder andere auch. Aber was immer wieder in nicht ganz angenehmer Weise durch Zweifel und Verunsicherung für mich spürbar wird, ist im Grunde nur die andere Seite der Medaille namens Neugier. Es treibt mich und es treibt mich an. Lesen ist eine Erweiterung meiner selbst und eröffnet neue Welten.20160614_084433

Und noch eins entspricht meinem Wesen: Während ich einerseits Anreize regelrecht suche, brauche ich auf der anderen Seite Ruhe und Stille, um diese zu verarbeiten und zu durchdenken (oder auch zu durchfühlen). Lesen gibt mir genau diese Möglichkeit: Ich kann in meinem Tempo lesen, innehalten, wenn etwas genauer betrachtet werden will, noch einmal zurückblättern, um es zu durchdringen, ich kann ein Buch kurz schließen. Und Lesen geschieht in der Stille. Nicht immer allein, denn es ist eine wunderbare Form von Gesellschaft, wenn man mit jemandem zusammen lesen kann. Aber es geschieht immer unter Ausschluss anderer Reize. Ich lese nie bei Musik. Alles konzentriert sich auf das Buch, aber ich bestimme die Intensität. Das unterscheidet Lesen von einem Film, dessen Tempo und Bilder ich vorgegeben bekomme. Ich würde also sagen: Ich kann im Lesen ganz ich selbst sein. Und gleichzeitig mit ganz Anderem beschäftigt sein.

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Über Andrea Daniel 59 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

3 Kommentare zu Warum ich lese – von Andrea Daniel

  1. Ein schöner Artikel, vielen Dank. Du hast mit dem Lesen als „Neugier auf immer Neues“, als Aspekt der Persönlichkeit ein Gefühl für mich in Worte gefasst, dass ich selbst so noch nicht ausdrücken konnte.

    Auf diesen Text müssten viel mehr Reaktionen stehen! Die Aktion hat doch so weite Kreise gezogen. Also, alle die nach mir noch hier lesen, scheut euch nicht. 😉

  2. Lieben Dank für Deine Worte!
    Als dieser Text entstand, war unser Blog gerade erst einige Wochen aktiv. Ich freue mich aber immer über Reaktionen und auch Diskussionen! Lesen ist etwas so Persönliches, dass es spannend ist, sich darüber auszutauschen – und ja, so empfinde ich es auch, es spiegelt Persönlichkeitsaspekte.

  3. Vielen Dank!
    Ja, wir sind wirklich erst ein Jahr dabei. 🙂
    Ich würde mal so sagen: Die Begeisterung ersetzt vielleicht fehlende Erfahrungen. Und wahrscheinlich ist es auch ein Einflussfaktor, dass wir zu zweit sind – bevor ein Beitrag online geht, liest der Kritiker am Tisch gegenüber erst mal alles durch.

    Lieben Dank!

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