19. September 2020

Wozu lebst du eigentlich? – „Auerhaus“ von Bov Bjerg

Seltsam waren die anderen in der Klasse. Die, für die alles weiterging wie immer.

Hätte man sie vor einer Klausur gefragt: „Wozu lebst du eigentlich?“ hätten sie geantwortet: „Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen.“

Sie waren auf der Oberschule zuhause. Sie verpuppten sich, machten Abi und studierten, und wenn der Kokon platzte, sahen sie aus wie ihre Eltern. Sie übernahmen die Praxis, die Kanzlei, das Ingenieurbüro. Sie erbten von ihren Eltern das Abitur und das Leben. (…) „Birth, school, work, death!“

Höppners Freund Frieder hat einen Selbstmordversuch hinter sich. Eigentlich wollte er sich nicht umbringen – nur leben wollte er auch nicht mehr. Noch während seines Psychiatrieaufenthalts entschließt er sich, dass es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Zunächst mit drei, später mit fünf Freunden zieht er in das alte Haus seines Großvaters, die WG verbringt ein Jahr gemeinsam. Da ist Höppner, der Ich-Erzähler, der kurz vor seiner Einberufung steht und keine Idee hat, wie er damit umgehen kann. Da ist Vera, seine Freundin, die von freier Liebe spricht ohne dass klar ist, was sich dahinter verbirgt und wie die beiden dies leben können. Cäcilia, eine intelligente junge Frau, ist übersatt von ihrem reichen Elternhaus und dennoch hungrig nach Leben. Später gesellt sich Harry dazu, ein kiffender und schwuler Elektriker-Azubi mit großer Angst vor dem Coming Out. Und zuletzt die Brandstifterin Pauline, die Frieder in der Psychiatrie kennen gelernt hat. Das Auerhaus wird zu einer neuen Heimat für die jungen Erwachsenen. Der Name ist übrigens eine Verballhornung des Songs „Our house“ von Madness.

Bov Bjerg erzählt von dem Zusammenleben dieser WG. In lakonischer, teilweise in einer an Jugendsprache anlehnender Erzählweise lässt er den Leser an dem gemeinsamen Jahr teilhaben.

Und damit ist (für mich) schon alles zu diesem Buch gesagt. Ich gestehe, dass mich der Roman von Anfang bis Ende nicht hat mitnehmen können. Es beginnt schon mit Ungereimtheiten: Die WG lebt von dem Schülerjob von Höppner und hält sich ansonsten mit Ladendiebstählen über Wasser. Wovon Strom, Wasser, Heizung und Müllabfuhr bezahlt werden, ist völlig unklar. Es geht damit weiter, dass die Figuren flach gezeichnet sind, für mich sind keine stimmigen Charaktere entstanden. Der relativ kurze Roman (das 236 Seiten umfassende Buch besteht aus oft kurzen Kapiteln) schafft es nicht, den Protagonisten eine komplexe Persönlichkeit zu verleihen, zu viel bleibt oberflächlich, zu wenig kann der Leser die Charaktere kennen lernen. Während des Lesens habe ich keine Vorstellung bilden können, weder von der eher vor sich hin plätschernden Handlung, noch von den Beziehungen, die die Protagonisten zueinander entwickeln. Die Geschichte ist ohne Höhen und Tiefen und wird schon bald wieder vergessen sein. Das Buch hat mich nicht berührt.

Foto: Blumenbar VerlagMan muss dem Autor zugute halten, dass er nie ins Kitschige abdriftet. Er entwickelt keine „Wellness – Feel good“-Alternative zu dem Erleben Jugendlicher und junger Erwachsener, die sich zunehmend bewusst werden, wie komplex die Welt ist und wie schwierig es ist, seinen Platz in ihr zu finden. Dennoch kann ich dem Buch auch keine Botschaft entnehmen, nichts hallt in mir nach. Der Roman lässt sich recht locker und schnell lesen, aber den teilweise euphorischen Meinungsäußerungen aus Internet und Feuilletons kann ich mich nicht anschließen.

 

 

 

Bov Bjerg: Auerhaus

Blumenbar Verlag

ISBN: 978-3-351-05023-8

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Über Andrea Daniel 61 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.