22. Oktober 2018

Angelika Klüssendorf: „Jahre später“

Foto: Andrea Daniel

Sicher hat sich wohl im Laufe der Zeit jeder schon einmal gefragt, wie das eigene Leben von Kleinigkeiten und Details beeinflusst wird: die Menschen, die nur kurz in die eigene Biografie treten und sie bald wieder verlassen, kleine Entscheidungen, die getroffen werden; das eine oder andere Wort, das eine Beziehung verändern kann. Manchmal sind es vielleicht nur Nuancen, aber dadurch kann auf Dauer die Ausrichtung eines Lebens geändert sein.

Die Protagonistin April in Angelika Klüssendorfs schmalem Roman „Jahre später“ hat eine schwierige Kindheit und Jugend gemeistert, hat trotz einer gewalttätigen Mutter und einem alkoholsüchtigen Vater ihren Weg gemacht. Sie hat einen Roman veröffentlicht, der gute Kritiken bekommt. Auf einer Lesung trifft sie Ludwig. Ein Mann, der sie umgarnt und umwirbt. Der wie ein Spiegel für sie ist, in dem sie sieht, was sie selbst nicht in sich sehen kann: eine attraktive, kluge und begabte Frau. Und obwohl April keine intensiven Gefühle für ihn hegt, werden die beiden ein Paar.

Ludwig ist kein Mann, der nächtelang tanzt oder seine Zeit im Freibad verbringt, er will kuscheln. Er sagt auch andere Worte, die sie nicht mag: super und shoppen. Er kann Gottfried Benn nicht ausstehen, weil der „nur so“ expressionistische Gedichte geschrieben hat, und dass er Arzt war, ist ihm scheißegal. Ludwig schwitzt, trägt die falschen Klamotten, hat einen merkwürdigen Gang, trotzdem fühlt sie sich mit ihm auf eine Weise eingebunden wie selten zuvor. Sie sind wie Kinder, denken sich komische Geschichten aus, rufen mit verstellten Stimmen fremde Leute an, versuchen in der Markthalle einen Hummer aus dem Bassin zu klauen; nach einem Gewitter sitzt sie nackt neben ihm im Kino.

Und dann ist da noch Julius, Aprils Sohn aus einer früheren Beziehung, von dem sie sich innerlich immer mehr distanziert, weil er immer mehr seinem Vater ähnelt. April kämpft mit ihrem Pflichtgefühl, ihren Sohn zu lieben, obwohl er sie immer mehr abstößt. Als sie Ludwig schließlich heiratet und von ihm schwanger wird, ist es für die Familie schon fast eine Erleichterung, als Julius schließlich zu seinem Vater zieht und somit fast vollständig aus dem Leben seiner Mutter verschwindet. Eine Beziehung, die ins Leere läuft.

Doch ist die Entscheidung, sich mit Ludwig zu verbinden, eine, die ihr Leben in eine positive Richtung bringt? Ludwig ist Chirurg und immer mehr kristallisieren sich seine narzisstischen Persönlichkeitszüge heraus. Was er zunächst April gespiegelt hat, ist seine eigene Vorstellung von sich selbst als einem hochbegabten Mann mit einer schönen Frau an seiner Seite. Letztlich ist auch seine Ehe nur ein Baustein seines Bildes von sich selbst. Und so ist diese auch dann, als der gemeinsame Sohn geboren wird, nur ein Mittel zum Zweck für Ludwig, April nur das schmückende Beiwerk eines ehrgeizigen Mannes auf seinem Weg nach oben. Eine Beziehung findet de facto nicht statt, in seiner Freizeit hängt Ludwig seinen Allmachtsfantasien nach und lebt sie in kriegerischen Computerspielen aus ungeachtet seiner Frau, die, ihre Bedürfnisse als Schwäche und ungerechtfertigte Ansprüche empfindend, diese irgendwann nicht mehr ausspricht. Und auch sie findet irgendwann nichts mehr hinter dem angenehmen Spiegel, der Ludwig ihr einst war. Innerlich bleibt April leer, findet keine Resonanz in ihrer Ehe und in sich selbst, und auch, wenn sie sich liebevoll ihrem jüngeren Sohn zuwendet, so holen sie die Dämonen aus ihrer Kindheit wieder ein. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes: Wie Figuren aus den Horrorfilmen, die sie früher gerne mit Ludwig angesehen hat, sammeln sie sich in ihrem Alltag an und werden präsenter als jeder Mensch, spiegeln sie, kommentieren ihr Handeln, ihre Gedanken und ihre Wünsche.

April ist für ihre Ehe von Berlin nach Hamburg gezogen und fühlt sich hier ein wenig verloren. Notgedrungen nimmt sie eine Stelle beim Fernsehen an. Ihre Aufgabe ist es, für windige Talkshows willfährige Menschen zu finden, die für ihre Viertelstunde Ruhm sensationsheischende Aussagen tätigen und skandalträchtige Sendungen versprechen. Gezwungenermaßen geht April dem nach und trifft auf Menschen mit ähnlichen seelischen Narben, wie sie sie selbst trägt. Schreiben kann sie schon lange nicht mehr, ihr fehlen die Worte, und eine Idee ihres Verlegers bleibt unbearbeitet liegen. Alles ist dem Interesse von Ludwig untergeordnet, April findet sich in einer Beziehung wieder, in der sie genau so wenig von Interesse ist wie in ihrer Kindheit gegenüber den Eltern. Schließlich scheitert, trotz eines halbherzigen Wiederbelebungsversuchs, diese Ehe. Da ist April jedoch schon längst von ihren Dämonen eingeholt, ist längst selbst zur Trinkerin geworden, entwickelt Marotten, um wenigstens eine Illusion von Lebendigkeit zu erhalten. Und doch: Während sie fast untergeht in einem Leben, das ihr nicht entspricht und dem sie dennoch nicht entkommt, ist er da, der erste Satz ihres neuen Romans.

 

„Jahre später“ ist der dritte Teil eines Romanzyklus um Aprils Geschichte als einer Frau, deren Ausgangsbasis viel schlechter nicht hätte sein können und die sich dennoch mit aller Kraft in ihr Leben kämpft. Beide Vorgängerromane standen 2011 bzw. 2014 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. „Jahre später“ kann jedoch auch völlig unabhängig von den Vorgängern gelesen werden, was ich auch getan habe.

Angelika Klüssendorf breitet vor dem Leser etwa zwanzig Jahre im Leben ihrer Protagonistin auf knapp 160 Seiten aus. Spotlightartig beleuchtet sie immer wieder kurze Episoden in dieser Zeit. Durchgängig im Präsens erzählt, habe ich dennoch keinen Zugang zu April oder den Menschen in ihrem Leben erhalten. Es ist, als ob Klüssendorf bereits sprachlich die Distanz ausdrückt, die April zu sich selbst, zu ihrem Wollen und zu ihren Wünschen hat. Als Leser schüttelt man immer wieder den Kopf, versteht nicht, warum April tut, was sie tut, will sie abhalten von den vielen kleinen, jeden für sich allein unbedeutenden Schritten auf dem Weg in Richtung Abgrund. Knapp und kühl ist der Ton, quasi nebenbei wird ein halbes Leben erzählt. Und bei aller Distanz zeigt auch dieser Ausschnitt: Es ist noch nicht aller Tage Abend, es ist bei allen Untiefen unklar, was noch kommt, welche Früchte geerntet werden und welche verderben.

Klüssendorf hat kein gefälliges Buch geschrieben. Den Figuren kommt man nicht wirklich nahe. Die Nüchternheit der Sprache, die Konzentration auf das Essentielle von zwei Jahrzehnten auf 160 Seiten irritieren genauso wie das geschilderte, ins Schlingern geratene Leben der Figur April, das man zeitweilig fassungslos von Außen beobachtet. In der Bilanz dieses Buches bin ich daher ambivalent: Schön ist das nicht. Aber die Sprache und der Stil Klüssendorfs könnten nicht besser zu dem Erzählten passen. Kühl und nüchtern wirkt auch die Protagonistin nach außen. Und dennoch brodelt es unter der Oberfläche. Und deswegen hat dieser Roman mich berührt.

 

Angelika Klüssendorf: Jahre später

Kiepenheuer & Witsch

160 Seiten

ISBN: 978-3-462-04776-9

 

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Über Andrea Daniel 59 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.