27. November 2020

Doris Anselm – und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus

zum Gegenschlag aus
holt meine Liebe

Was für ein wuchtiger Titel. Und er nötigt mir sofortiges Nachdenken auf. So wie das ganze Buch mit seinen sechzehn Kurzgeschichten zum Nachdenken auffordert.

„Im Prinzip ist das Leben ein horrender Aufwand. Und mit der Zeit wird es immer anstrengender.“

Anselms Geschichten entstehen aus ganz unterschiedlichen Erzählperspektiven. Mann oder Frau, Weltgeschehen, Reportage, aus dem Blickwinkel des Erlebens oder des Beobachtens – Frau Anselm lässt sich nicht festlegen. Sie bietet eine Mixtur der Geschichten, Erlebnissen und Gefühlen.

Die Geschichten spielen sich auf unterschiedlichen Ebenen ab. Und sie regen zu Fragen nach der Wahrnehmung an. Wie kann das gemeint sein? Welche Wirklichkeit gilt? Kann etwas tatsächlich so passieren? Manchmal denke ich: Das kann doch nur ein Traum sein.

Doris Anselm verwendet ungewöhnliche Bilder, manchmal stehe ich als der Lesende am Ende der Geschichte mit mehr Fragen als Antworten da. Manche Geschichte endet abrupt, ich frage mich, wie es weitergeht, bin nicht satt und fühle mich doch bereichert.

Dieses kommt mir bekannt vor, nein, jenes geht so nicht. Manche Geschichte musste ich nochmals lesen. In vielen Geschichten sind es die kleinen Dinge, die eine große Wirkmächtigkeit besitzen. Und dies oft ganz indirekt.  So etwa die metallene Schmuckfeder, die die Schülerin frei und den Mann einen besseren Lehrer sein lassen wird. In anderen Geschichten sind es die kleinen Dinge, die Verläufe deutlich werden lassen. Wie zum Beispiel der Kuchen, der nach und nach verschwindet – der Tee, der, es scheint viel zu schnell zu passieren, den Kaffee ersetzt. Anselm ist eine Meisterin der synonymen Verwendung von Situationen und Abläufen.

„Du kannst dich genauso gut in einen Korb Kirschen verlieben.“

Es ist der Reiz der Kurzgeschichte, in der ganze Welten en miniature auf wenigen Seiten aufgebaut werden oder einstürzen können – so weit geht Doris Anselm meist nicht. Sie lässt Leerstellen zum Weiterdenken und sie nützt den ganzen Raum einer Geschichte, um sie so weit wie nötig auszurollen, vielleicht um zu sagen, was sie sagen muss. Oft sind es Momentaufnahmen in Lebensverläufen, die Anselm schildert. Sicher gibt es ein Davor und ein Danach. Anselm schildert in ihren Geschichten feingestichelt oder drastisch, dass das Danach nie wieder so sein wird wie das Davor.

Dabei entwickelt sie wunderschöne/schlimme/überdenkenswerte Sätze und Szenen, die im Zusammenhang mit ihrer Geschichte oft den Atem stocken lassen – um dann zu denken, ja, das kommt mir richtig vor, oder: So habe ich das schon mal erlebt, aber nie bedacht. Auf manchen Gedanken zur Geschichte kam ich erst beim Lesen der nächsten. Doris Anselm stellt keine normativen Fragen. Sie moralisiert nicht. Sie beschreibt Szenen und deren Auswirkungen oder Szenen als Auswirkungen des Vorhergegangenen. Doch liegt es in der Natur der Sache, dass ich urteile. Als Leser denke ich meinen Teil. Nimmt die Autorin das billigend in Kauf, oder möchte sie mich dazu bringen?

Deutlich macht Frau Anselm in ihren Geschichten, dass Erlebnisse aus unterschiedlichen Perspektiven ebenso unterschiedliche Auswirkungen auf die Beteiligten haben. Was sich für mich als ungewöhnliches übergriffiges Erlebnis eines Mädchens liest, wird eine ewige Narbe auf der Haut und in der Seele eines Jungen und dem Mädchen eine Maske vor dem Gesicht hinterlassen haben.

Als ich Frau Anselm bei Blog’nTalk auf der Buchmesse in Leipzig zu einem Gespräch treffen konnte, kannte ich weder sie noch ihr Buch. Nach kurzem Blick in den Klappentext fragte ich sie, was denn ihre Auslöser seien, dieses Buch zu schreiben. Sie wich aus, schien mir – wir unterhielten uns über Kompetenzen, wie „beobachten zu können“. Nach dem Lesen weiß ich nun, dass sie in ihren Geschichten verschiedene Realitäten auslotet. Ich stellte mir während der Lektüre des Buches oft vor, dass Frau Anselm sich beim Schreiben gefragt hatte „was wäre wenn“. Um ihre Geschichten zu erzählen brauchte Frau Anselm sicher Beobachtungsvermögen, sie verwendete ebenso aber auch Einfühlung, Vorstellungskraft und  eine wunderbar ausdruckreiche Sprache.

Mich hat Anselms Buch „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ berührt, nachdenklich gemacht. Was ist im Leben Kulisse und was geht dahinter wirklich vor? Wie oft passieren mir solche Szenen wie:

„Es war keine bewusste Entscheidung ( … ), es passierte nur nichts anderes.“

Treffen Sie eine bewusste Entscheidung: kaufen Sie dieses Buch.

 

Doris Anselm
und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus

Luchterhand

ISBN: 978-3-630-87526-2

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Über Klaus Daniel 178 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.