19. September 2020

Stefanie Schleemilch – Letzte Runde

„Vertrauen Sie mir. Der erste Schluck ist schrecklich, der zweite macht Sie zum Verehrer und der letzte ist der beste.“

1956, Ungarn erhebt sich. Das Volk leidet unter der kommunistischen Diktatur. Teile der Führungsschicht schließen sich der Revolution an, bilden eine Mehrparteienregierung und erklären den Austritt des Landes aus dem noch jungen Warschauer Pakt.

Die Ungarische Revolution dauert vom 23. Oktober bis zum 11. November 1956 – also 20 Tage. Dann haben die sowjetischen Streitkräfte den letzten bewaffneten Widerstand in Budapest brutal niedergeschlagen. Es sterben etwa 2.500 Ungarn und rund 700 Sowjetsoldaten, mehr als 20.000 ungarische Bürger und 1.500 Sowjetsoldaten werden verletzt.

„Gewalt fängt nicht an/ wenn einer einen erwürgt/ Sie fängt an/ wenn einer sagt:/ „Ich liebe dich:/ Du gehörst mir!“

– Erich Fried: Gründe, 130 – aus: Stefanie Schleemilch: Letzte Runde, Teil III: Die Liebe

László flieht aus Ungarn in die Schweiz, wo er sich ein Existenz aufbaut. Er wird in der Schweiz seinen besten Freund kennen lernen, der ihn später ermutigen wird, sich seiner Großen Liebe zu erklären.

Im Heute ist László am Ende seines Lebensweges angekommen. Alles ist geplant. Morgen schon wird er tot sein. Und das Schicksal bietet ihm eine letzte Chance zu einem vielleicht versöhnlichen Ende.

In seinen Erinnerungen durchlebt  er die wichtigen Situationen und Geschehnisse seines Leben, leidet erneut darunter, dass Hoffnungen, Freundschaft und die große Liebe, sich durch falsche? Entscheidungen zerschlugen.

„Immerhin haben Sie es geschafft, einer dieser Frauen etwas zu bedeuten. Da haben Sie mir einiges voraus.“

Was würde ich machen, was hätte ich getan? An vielen Stellen von „Letzte Runde“ habe ich mir solche Fragen gestellt. Was hätte ich getan, wenn mein Freund auf der Gegenseite gestanden hätte? Was wäre gewesen, wenn?

László stellt sich diese Fragen nicht mehr. Er macht sich bereit für seinen letzten Schritt. Sein Habe ist verteilt, nur etwas fehlt noch. Inmitten seiner Erinnerungen durchlebt er erneut die Erlebnisse, die ihn hierher in die Schweiz gebracht haben, wo er seine große Liebe erlebte.

Stefanie Schleemilch analysiert mit poetischer Sprache ein Leben, bei dessen Durchleben nicht viele ihren Frieden mit sich hätten finden können. Was in László vorgeht, wirkt zunächst sehr verwirrend. Da er selbst seine Geschichte kennt, erschließen sich dem Lesenden die Zusammenhänge oft erst aus Erlebnissen, die sich auf das vorhergehend Erzählte beziehen. Seine großen Erkenntnisse wechseln sich in seinen Überlegungen ab mit den Kleinen.

Mit ihrem Blick auf die Details, den oft fein ziselierten Beschreibungen der näheren Umstände, lässt Schleemilch die großen Zusammenhänge erst spät erkennen. Damit führt sie den Lesenden durch die nicht immer stringent mäandernden Gedanken eines alten Mannes, der sein Leben in sich reflektiert – und wesentliche Sätze prägt:

„Zum ersten Mal wurde mir die Rechnung des Daseins bewusst: Die Sehnsucht auf der einen Seite, und das Gewicht der Strafe auf der anderen.“

László macht dem Lesenden bewusst, dass alles Handeln Folgen nach sich zieht. Und, dass Nichthandeln ebenfalls Handeln ist. An vielen Stellen hätte László die Weichen seines Lebensweges anders stellen können. Über das Bedauern ist er inzwischen hinaus. Doch eines bleibt ihm noch zu tun. Dazu soll ihm der junge Constantin helfen, den er in seine Wohnung bittet.

Schleemilch versteht es, die Gefühlswelt des László, seine metaphorischen Überlegungen übereinstimmend mit den Auswirkungen auf ihn selbst und die Menschen, die ihn in seinem Leben begleitet haben zu beschreiben, dass es nachfühlbar wird. Seine Gründe wären nicht meine Gründe gewesen, aber sie sind nachvollziehbar. Kann László sich wünschen, anders gehandelt zu haben? Ja, aber ob das Ergebnis besser gewesen wäre? László wird am Ende seines Lebens eine weitere Entscheidung treffen, bei seiner letzten Runde. Und der Lesende sagte sich: doch, das hast du richtig gemacht.

Stefanie Schleemilch schließt schon zu Beginn den Kreis: Sie beschreibt eine mathematische Theorie der Konvergenz und vereinfacht sie wie folgt:

„Eine konvergente Menge strebt nach etwas Unerreichbarem, … (Sie …) kommt gewissermaßen aus dem unendlichen Nichts und konvergiert gegen einen Grenzwert.“

Manchmal ist der Grenzwert das Beste, was bei allem Bestreben erreicht werden kann. Diese Theorie auf menschliches Sein angewendet, wirkt fatalistisch, vielleicht auch tröstlich – es bricht mit dem „was wäre wenn?“, der grüblerischen Frage, vor der ich im Leben und an meinem Lebensende ungerne stehen möchte.

Letzte Runde ist für mich eine große, schöne Überraschung. Stefanie Schleemilch bietet tiefgründige Überlegungen, mitreißende Lebensgeschichte(n) und wendet dabei eine wunderbar ausdrucksstarke Sprache an. Der melancholische Grundton wird gemildert durch schimmernde Wort- und Satzbilder, die filigran aus dem Text leuchten. Außerdem legt sie nicht nur mit dem Titel einige schöne Fallstricke für den Lesenden aus, die ihn immer wieder dazu auffordern, genauer hinzuschauen und mitzudenken. Schön.

 

Stefanie Schleemilch

Letzte Runde

Duotincta Verlag

ISBN: 978 – 3 – 946086 – 04 – 8

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Über Klaus Daniel 178 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.