22. Oktober 2018

Drei Romane und das Leben ..

Drei Romane habe ich entdeckt, in denen Menschen aus ihrem Leben fallen oder ausbrechen. Das Thema fasziniert, es bestätigt Sehnsüchte, zeigt Alternativen zum Üblichen und macht deutlich, dass Wege selten zu Ende sind.

Die Fassadendiebe

Dass Aussteiger nicht  einfach nur aus dem bekannten Leben aussteigen, sondern aus der Gesellschaft und deren Regeln, zeigt die Geschichte des dreizehnjährigen Griffin. Der leidet unter dem immer weiter gehenden Ausstieg seines Vaters.

Als Restaurator und Händler für Antiquitäten ist Griffins Dad ständig in New Yorks abrissbedrohten Gebäuden unterwegs. Er bricht dort ein, um besondere Fassadenteile, Skulpturen und Dekorteile zu stehlen. Nur einen Teil verkauft der Fassadendieb, wie er sich selbst nennt. Viele andere behält er, um die Seele New Yorks zu bewahren.

Griffins Vater versteift sich immer mehr auf seine Rettungsmission, dass er keine Zeit mehr für Griffin, seine Schwester Quig und die Mutter hat, von denen er sich erst entfernt und dann getrennt hat. Um Zeit mit dem Vater zu verbringen, geht Griffin mit auf die Beutezüge des Vaters. Er besteigt die Dächer der Wolkenkratzer und bringt die Freundschaft mit seiner ersten großen Liebe Dani in Gefahr.

John Freeman Gill, Spezialist für Architekturgeschichte und Verfasser von Fachartikeln, erzählt überaus kenntnisreich über ein New York im steten architektonischen Wandel. Er beschreibt so bildhaft und leidenschaftlich, dass ich mir New York gut vorstellen kann. Vieles hätte ich gerne über New York gewusst, als ich selbst dort Gusseisenfassaden und Brownstonehouses betrachtet habe.  Deswegen ist es um so schmerzhafter mitzuerleben, wie sich Griffins Vater immer weiter von der Familie entfernt und sich in eine Rettungsaktion stürzt, in der er alle Bindungen verliert und am Ende … ach so, das wird natürlich nicht verraten.

In „Die Fassadendiebe“ wird Griffin mit seinen dreizehn Jahren nicht erwachsen, allerdings lässt er die Kindheit weit hinter sich. Er wird Erkenntnisse machen, die schmerzen, und erleben, dass er nicht nur für sein Leben verantwortlich ist. Dass das Buch zur Hälfte in gewisse Längen mäandert, wird vor allem zum Ende der Geschichte zu verzeihen sein.

„Die Fassadendiebe“ ist ein Buch, das packt und nachdenklich macht. Was lohnt sich, bewahrt zu werden? Was wird zum Anker in einem sicheren Hafen und was hindert an der (Weiter-) Entwicklung?

Mr. Gandys große Reise

Jemand Anderes, der schon lange den Wunsch hegte, sich auf den Weg zu machen, ist Mr. Gandy. Timothy, wie seine Frau ihn nennt, hat für seine Frau und die gemeinsamen Töchter immer alles hintenangestellt. So auch den Wunsch eine Grande Tour zu machen: Herunter von der heimatlichen britischen Insel nach Europa. Damals, in jungen Jahren, wollte er Frankreich, Monaco und Italien und deren schönste Städte erleben.

Dies zerschlug sich, als er mit Isobel, seiner Frau, überraschend eine Familie gründete. Praktisch, wie beide veranlagt waren, übernahm Isobel die Organisation des Familienlebens und Timothy sorgte für den Unterhalt. Als Timothy in den Ruhestand tritt, fördert sein Gedächtnis die Idee der Grand Tour wieder zu Tage. Und obwohl er den Eindruck hat, dass er mit den Jahren für Isobel unsichtbar geworden ist, stellt er diese Idee wieder zurück, um, so wie immer, den Ansprüchen seiner Familie an ihn zu folgen.

Als sich plötzlich doch die Gelegenheit bietet, braucht Timothy nur noch ein bisschen Anlauf, um sich endlich auf den Weg zu seiner Grand Tour zu machen, auf der er in Paris, der Stadt der Liebe, eine attraktive Dame kennen lernt und in Monaco einen Diebstahl verhindert. Mr. Gandy, ein ausnehmend freundlicher Mann, muss sich gegen einige Widerstände aus seiner Familie stellen.Vieles hat sich während der letzten dreißig Jahre verselbstständigt. Er hat sich mehr steuern lassen, als selbst zu steuern. Auf seiner großen Reise kommt es zu zahlreichen Begegnungen, die ihm, auch wenn sie zunächst nicht so positiv erscheinen, immer wieder Anlässe bieten, über sich und das Leben nachzudenken und um sich wieder näher zu kommen.

Alan Titmarsh erzählt von einem teils  melancholischen teils abenteuerlichen Roadtrip, der mitfühlen lässt und der zur Reflexion der eigenen Strukturen einlädt. Und Spaß macht.

Der große Glander

Was macht ein Redakteur einer Kunstzeitschrift, wenn er einen verschollenen Künstler entdeckt?

Er spürt ihm nach, versucht die Umstände, die zum Abtauchen geführt haben und den neuen Aufenthaltsort des Künstler zu ergründen. Dies ist allerdings umso schwieriger, wenn die Existenz der Kunstzeitschrift nur noch eine begrenzte Haltbarkeit hat und das Umfeld des Künstlers umgeben ist von einer Mauer des Schweigens und der Verschleierung.

Stevan Paul verstrickt die Geschichten des Redakteurs Möninghaus ganz dicht mit der des Künstlers Gustav Glander, dessen Geschichte er von Menschen aus dem Umfeld des Künstlers und aus seiner eigenen Erzählerperspektive entwickelt.

Gerd Möninghaus sieht bei einem Essen in einem Restaurant einen Mann, der ihn an jemanden erinnert. Erst spät, der Mann hat das Restaurant schon verlassen, fällt es ihm ein: Der große Glander.

Der große Glander war vor zehn Jahren nach einem Kunsthappening in New York plötzlich verschwunden. Die gesamte Kunstwelt suchte ihn, aber er blieb unauffindbar. Die sofortige Befragung der Menschen im Restaurant nützt  Möninghaus nichts, Gustav Glander bleibt verschwunden. Auf dem Weg, den Möninghaus auf sich nimmt, um Glander und seine Geheimnisse zu entdecken, der ihn nach New York und in die Schweiz führen wird, lernen zunächst die Leser*innen den großen Glander kennen, der schon früh drei Lieben entdeckt: Das Kochen, das Malen und Katrin.

Diesen großen Lieben begegnen die Leser*innen nun auf eine Weise, die es ihnen ermöglicht, Gustav Glander kennen zu lernen, einen großen Appetit zu entwickeln, Kunst (anders) zu betrachten und einer fulminanten Aussteigergeschichte mit großem Staunen, großer Freude und Lebenshunger zu folgen.

„Der Glander“ zeigt die Möglichkeit der Wirklichkeit. Er besticht durch die wahrhaft aufregende Geschichte und durch die wunderbaren Wendungen. Dass ich sogar einige Tipps fürs Kochen abgeleitet habe, ist jetzt keine Überraschung mehr, oder?

Im „Glander“ begegnen sich Lust am Leben und Sinnlichkeit auf vielfältige Art. Kunst, Genuss, Liebe und Freundschaft sind so wie wir Menschen: Sie haben Entwicklungsbedarf.

 

Über den Entwicklungsbedarf einer Stadt und eines Jungen schreibt

John Freeman Gill in

Die Fassadendiebe

berlinverlag

ISBN 978 38270 1320 0

Dass Entwicklung in jedem Menschenalter möglich ist und Freude machen, kann beschreibt

Alan Titmarsh in

Mr. Gandys große Reise

HarperCollins

ISBN 978 3 95967 150 7

Lust auf das Leben und den Wiedereinstieg macht

Stevan Paul in

Der große Glander

Mairisch Verlag

ISBN 978 3 938539 40 8

 

Teile diesen Beitrag.
Über Klaus Daniel 165 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.

2 Kommentare zu Drei Romane und das Leben ..

  1. Hallo Klaus,
    danke fürs Vorstellen der Bücher. Am meisten spricht mich wahrscheinlich „Mr. Gandys große Reise an“ 🙂 Das sollte auf jeden Fall auf meine Merkliste 🙂

    LG
    Britta

Kommentare sind deaktiviert.