1. Dezember 2020

Evolution konkret: „Der Fisch in uns“ von Neil Shubin

Naturkundemuseum Berlin; Quelle: https://www.flickr.com/photos/84609865@N00/4011807387

Wir in Berlin – da steht natürlich für mich auch ein Besuch des Naturkundemuseums Berlin auf dem Plan. Zugegeben – ich war ein wenig enttäuscht. Das wunderschöne, von August Tiede erbaute Gebäude ist architektonisch ein Augenschmaus, jedoch waren nur die wenigsten Räume mit Ausstellungen bestückt bzw. waren Ausstellungen in Vorbereitung. Eine ähnliche Begeisterung wie im Naturhistorischen Museum Wien konnte ich daher nicht entwickeln. Der Raum, der noch am besten ausgestattet und museumspädagogisch gestaltet worden war, widmete sich den Mechanismen der Evolution – das wiederum in hervorragender Art und Weise. Außerdem hatte der Museumsshop im Vergleich zu anderen eine recht große Bücherecke. Und dort wurde ich auf Neil Shubins „Der Fisch in uns“ endgültig aufmerksam. Das Buch ist bereits 2008 erschienen, ich hatte es schon mehrfach in Buchhandlungen gesehen. Ich musste allerdings erst mein Interesse an naturwissenschaftlichen Sachbüchern wiederentdecken, bevor wir uns nun, in Berlin, finden konnten. Es hat sich gelohnt.

 

Neil Shubin ist amerikanischer Paläontologe und breitet in diesem Buch nicht weniger als das Wirken der Evolution vor dem Leser aus. Nachdem er zunächst einen Schwerpunkt auf die Übergangsphase des Lebens in den Ozeanen an das Land nachzeichnet, folgen im Anschluss Kapitel, die anhand körperlicher Merkmale aufzeigen, welche uralten evolutionären Entwicklungen bis heute in uns wirksam sind. Da ist das Knochengerüst, das in rudimentärer Form bereits bei Fischen vorhanden ist und sich im Verlauf der Zeit immer weiter ausdifferenziert und den jeweiligen Lebensbedingungen angepasst hat. Da sind uralte Gene und genetische Steuerungsmechanismen, die die embryonale Entwicklung lenken. Zähne, Körperachsen, Sinnesorgane – überall lässt sich die Evolution nachzeichnen:

Wenn man weiß, worauf man achten muss, wird unser Körper zu einer Zeitkapsel, und wenn man sie öffnet, berichtet sie von entscheidenden Augenblicken in der Geschichte unseres Planeten sowie von einer fernen Vergangenheit mit urzeitlichen Ozeanen, Flüssen und Wäldern. Veränderungen der Uratmosphäre spiegeln sich in den Molekülen wider, mit deren Hilfe unsere Zellen zusammenwirken und unseren Körper aufbauen. Die Umwelt der urzeitlichen Wasserläufe prägte unsere Anatomie mit vier Gliedmaßen. Unsere Fähigkeit zum Farbensehen und Riechen wurde durch das Leben in alten Wäldern und Ebenen geformt. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Diese Vergangenheit ist unser Erbe, das sich heute auf unser Leben auswirkt und dies auch in Zukunft tun wird.

In einem weiteren Kapitel beschreibt Shubin die Auswirkungen, die die intensive Ausdifferenzierung und Komplexion unserer Körperfunktionen mit sich bringen, quasi die „Nebenwirkungen“. Schluckauf, Übergewicht, Schlafapnoe, Leistenbruch – all dies sind Folgen von Kompromissen, die für die Ausbildung bestimmter Funktionen eingegangen werden mussten (wobei hier nicht der Eindruck einer „bewussten“ Evolution entstehen soll).

 

Cover: Fischer Taschenbuch Verlag
Cover: Fischer Taschenbuch Verlag

Shubins Buch lebt durch eine unterhaltsame und abwechslungsreiche Erzählweise. Der Autor verknüpft persönliche Erfahrungen, v.a. seine Expeditionen, mit den Inhalten. So erfährt der Leser ganz nebenbei auch einiges über die Arbeit von Paläontologen oder benachbarten Wissenschaften. Diese gelungene Mischung aus Berichten und wissenschaftlichen Erläuterungen ist fesselnd. Außerdem gelingt es dem Autor, die Materie allgemeinverständlich und mit gut nachvollziehbaren Beispielen an den Leser, die Leserin zu bringen. Gelegentlich mischen sich kleine Anekdoten und ein hintergründiger Humor in die Zeilen. Ergänzt wird das Buch durch einen ausführlichen Überblick zu weiterführender Literatur. Ein kurzweiliger, gut verständlicher, aber gleichzeitig gut recherchierter Ausflug durch die Evolution – eine ganz klare Leseempfehlung!

P.S.: Und selbstverständlich macht es am meisten Spaß, dieses Wissen in einem guten Museum visualisiert zu bekommen – daher sei auch der Besuch des Naturkundemuseums Berlin sowie vieler anderer guter Museen herzlich empfohlen!

 

Neil Shubin: Der Fisch in uns

Eine Riese durch die 3,5 Milliarden Jahre alte Geschichte unseres Körpers

Taschenbuch
Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel

282 Seiten

Preis € (D) 9,95 | € (A) 10,30

ISBN: 978-3-596-17442-3

Teile diesen Beitrag.
Über Andrea Daniel 61 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.