26. Oktober 2020

Facetten Mexikos: „Gebete für die Vermissten“ von Jennifer Clement

Foto: Andrea Daniel

 

Man fragt sich, wie die Welt einen Menschen vergessen kann, aber das passiert dauernd.

Anfang September bin ich von einer Reise durch Mexiko zurückgekehrt. Ein Land hat sich mir in aller Pracht gezeigt: Atemberaubende Landschaften, Hochkulturen und hohe Kultur, vielfältige Regionen und Volksgruppen, eine vielschichtige Küche und mehrere Klimazonen. Wir standen staunend auf Maya-Pyramiden, haben die Werke der Muralisten bewundert, Hähnchen mit Schokoladensauce probiert, die Orte des Widerstands gegen die Konquistadore besucht, haben erlebt, wie sich christliche Gebräuche mit archaischen Riten mischten.

Natürlich war uns bewusst, dass wir nur einen bestimmten, ausgewählten Teil präsentiert bekommen haben. Natürlich wussten wir von sozialen Ungleichheiten, Drogenkartellen und Diskriminierung von Völkergruppen. Auf dem Weg in den Bundesstaat Oaxaca sind wir mitten in eine Straßensperre geraten. Die Lehrergewerkschaft begegnet der durch die Regierung beschlossene Bildungsreform mit großem Protest: gegen die mit der Bildungsreform verbundenen sozialen Benachteiligungen bestimmter Schülergruppen und gegen verschärfte Arbeitsbedingungen der Lehrer. Der Gewerkschaft ist es gelungen, große Teile der Bevölkerung zu solidarisieren. Und so war auf einmal auf unserem Weg nach Oaxaca die Autobahn von Hunderten von Lkw´s versperrt. Wir mussten umkehren und uns über Landstraßen und Schotterpisten durchschlagen, mussten immer wieder illegale Mautgebühren bezahlen. Und die Mauteintreiber zeigten entschlossen, was denen blühte, die sich widersetzten, und schwangen große Nagelbretter. Neben einer solchen Mautstelle sahen wir die ausgebrannten Wracks eines Reisebusses und mehrerer Autos; leise berichtete unsere Reiseleiterin, dass es hier wenige Wochen zuvor zu heftigen Unruhen mit mehreren Toten gekommen war. Einige Stunden lang war ungewiss, ob wir Oaxaca überhaupt erreichen. So wie uns ergeht es vielen jeden Tag in den letzten Monaten. Der wirtschaftliche Schaden für die Region ist erheblich, die Regierung tut – nichts.

 

In einem kleinen Rahmen erlebten wir also auch schon als Touristen, dass unser Zielland nicht ausschließlich Schönes und Positives zu bieten hat, dass es sehr viel komplexer, tiefgründiger ist als wir es in der kurzen Zeit wahrnehmen und als es wohl auch der einzelne Mexikaner in seiner individuellen Lebensweise erfährt – wie wohl jedes Land. Auf Reisen erlebe ich immer wieder, dass mehr Fragen zurückbleiben als beantwortet werden. Die Einblicke als Reisende sind immer rudimentär, teilweise oberflächlich und selbstverständlich durch die Denkweisen der Reisenden eingefärbt.

 

Bild: Suhrkamp Verlag
Bild: Suhrkamp Verlag

Die Autorin Jennifer Clement zeigt eine weitere Facette Mexikos auf: Das der ungeschützten Frauen und Mädchen in abgelegenen Dörfern in Regionen, in denen Drogenkartelle längst die Oberhand gewonnen haben und die Regierung macht- und wirkungslose Pro-Forma-Aktionen ausführt.

Die Protagonistin Ladydi, deren Namen die Mutter ausgewählt hat, weil Prinzessin Di für sie beispielhaft für die vielen Frauen steht, die von ihren Ehemännern betrogen werden, wächst in einem Dorf mitten im Regenwald auf. Die meisten Ehemänner sind längst weg, haben das Dorf verlassen, um im Norden oder in den USA ihr Glück zu suchen. Die Schule wird von Lehrern im Praktikum betrieben, die immer nur ein Jahr bleiben. Und die es nicht immer für notwendig halten, auch wirklich zu unterrichten.

Hier wird die Geburt von Mädchen so lange wie möglich geheim gehalten; später werden sie hässlich gemacht, um sie vor den Männern zu schützen, die gelegentlich in das Dorf kommen. Die eigentlichen Herrscher. Der mehr oder weniger halbherzige Versuch der Regierung, der Drogenkartelle Herr zu werden, ist schon lange gescheitert. Diejenigen, die mit Hubschraubern Gift versprühen, um die Mohnfelder zu zerstören, lassen ihre Ladung lieber woanders ab, um nicht abgeschossen zu werden.

Wir liefen mit ihr durch den Dschungel, runter zur Schnellstraße bis zu ihr nach Hause. Wir boten ihr unsere Flipflops an, aber Paula lehnte ab und humpelte den ganzen Weg barfuß zurück. Sie befürchtete, dass das Gras auf dem Weg zu ihrem Haus auch verseucht war und wir damit in Berührung kamen.

Als wir Paula ihrer Mutter übergaben, sagte sie nur, Irgendwann musste das passieren. Wir wussten, dass sie Paula nicht einfach wie einen Pullover umstülpen und das Gift auswaschen konnte.

Ladydi lebt allein mit ihrer Mutter, der Vater hat sich längst in die USA abgesetzt, nicht ohne vorher noch eine andere Frau zu schwängern. Ladydi´s Mutter ist verbittert, verfällt dem Alkohol, um ihre Situation irgendwie auszuhalten. Eine unterkühlte Kindheit mit wenig Zuwendung, das wichtigste Ziel ist es zu überleben ohne wahrgenommen zu werden. Und dennoch: zwischen den Mädchen des Dorfes entstehen Freundschaften, im dörflichen Schönheitssalon entfliehen die Mädchen gelegentlich dem Alltag, schminken sich, machen sich gegenseitig die Haare. Bevor sie den Salon wieder verlassen, achten die Mütter akribisch darauf, dass der Nagellack und das Make-up entfernt werden und die Mädchen wieder so unauffällig wie möglich erscheinen. Und wenn die großen SUV´s am Horizont erscheinen, verschwinden die Mädchen in Erdlöchern, um unentdeckt zu bleiben.

Ladydi wird größer und erhält die Möglichkeit, eine Stelle als Hausmädchen in Acapulco anzunehmen. Für diese Möglichkeit sieht sie weg, blendet aus, was so offensichtlich ist. Sie verliebt sich. Und von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr wie es war, sie wird als Komplizin eines Drogenhändlers verhaftet und landet im Gefängnis.

 

Jennifer Clement schreibt nüchtern beschreibend, verzichtet auf große Ausschmückungen. Weg von Statistiken und Analysen zeigt die Ich-Erzählerin wenig emotional den Alltag junger Mädchen in einem Umfeld auf, das von der Welt vergessen wurde, in dem Recht und Ordnung Farce sind. Der schnörkellose Erzählstil unterstreicht das Erzählte, führt zu einer Eindringlichkeit, die man dem recht kurzen Roman zunächst nicht zutraut.

Ich dachte an unser wütendes Land, auf dem mal eine richtige Gemeinschaft gelebt hatte und das die Drogendealer und die Auswanderung in die USA kaputt gemacht hatten. Unser wütendes Land war zerbrochen und jedes kleine Zuhause lag in Schutt und Asche.

 

So bedrückend die Lebensrealität der Protagonistin dem Leser erscheint, so wird dennoch deutlich, dass auch hier, in dieser vergessenen Welt, dennoch Freundschaft und Verbundenheit zu finden sind, auch wenn dem Leser dies schwer vorstellbar erscheint. Mexiko hat, wie wohl die meisten Länder, eine Vielzahl verschiedener Facetten, die manchmal isoliert nebeneinander erscheinen, manchmal aber auch ineinander hineinspiegeln.

Eines der beeindruckendsten Bücher, die ich bisher in diesem Jahr gelesen habe und eine klare Leseempfehlung!

 

Jennifer Clement: Gebete für die Vermissten

Suhrkamp Taschenbuch

228 Seiten

ISBN: 978-3-518-46640-7

Teile diesen Beitrag.
Über Andrea Daniel 61 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.