1. Dezember 2020

Glück und Geister: „Diese gottverdammten Träume“ von Richard Russo

Foto: Andrea Daniel

Bargen nicht alle Menschen auf der Welt die unmöglichen Wünsche in ihren Herzen, Wünsche, an denen sie stur festhielten, entgegen aller Vernunft, Plausibilität und sogar entgegen dem Verfließen der Zeit, hartnäckig und ausdauernd wie geschliffener Marmor?

 

Empire Falls – eine Kleinstadt in Maine: Hier hat die Industriellenfamilie der Whitings ein kleines Imperium aufgebaut, das der halben Stadt Arbeit bietet. Zum Zeitpunkt dieses Romans ist es jedoch schon im Verfall begriffen. Und auch die persönlichen Beziehungen dieser Familie, für die Geld keine Rolle spielt und die sogar  einen Fluss zu ihren privaten Zwecken umgeleitet hat, sind innerlich zersetzt und zerfressen. Welche regelrecht ironische Tragweite Entscheidungen haben können, die in einem ganz anderen Kontext getroffen wurden, erfahren sie selbst am eigenen Leib. Diese Familie ist dennoch wie eine Klammer für das Leben des Protagonisten.

Miles Roby ist, entgegen kurzfristiger Träume in seiner Jugend, vor zwanzig Jahren nach Empire Falls zurückgekehrt und betreibt ein kleines Diner, das mit immer neuen Angeboten versucht, seine Existenz zu sichern. Er kämpft nach der Trennung von seiner Frau mit der Frage, wo er steht, wo er hin will, wie er sein kleines Glück finden kann, nachdem das große zu weit weggerückt ist. Aussichtslos seit seiner Jugend verliebt in eine Frau, die ihn nie in Betracht gezogen hat, richtet er sein Leben nach der Trennung von der Mutter seiner Tochter neu ein – ohne wirklich neu zu beginnen. Gefangen von den Geistern der Vergangenheit scheitern schon kleine Versuche, seinem Leben eine neue Richtung zu geben.

Seine zukünftige geschiedene Frau kämpft derweil mit ihrem Gewicht, hungert sich dreißig Pfund ab in der Hoffnung, noch ein Jahrzehnt guten Sex zu haben, und geht vorschnell eine neue Beziehung mit einem Angeber ein, der – so ganz anders als Miles – zunächst das große Glück verspricht. Bis erste Lügen das Traumbild erschüttern. Die gemeinsame Tochter, mitten in der Pubertät und zum ersten Mal verliebt, versucht ihren Weg zu finden zwischen Regelkonformität und Individualität, zwischen Isolation und Gruppenzwang.

Foto: DumontDer Autor wechselt immer wieder die Perspektive, schreibt aus der Sicht mehrerer Personen aus dem klar begrenzten Umfeld von Miles. Da ist der Pfarrer, der von einem Künstler geliebt wird, die Erotik genießt ohne zu seiner Homosexualität stehen zu können. Da ist Miles´ Bruder David, nach einem leichtsinnig herbeigeführten Unfall behindert und dennoch der Gewinner, denn Miles´ hoffnungslose große Liebe verliebt sich in ihn. Da ist der Dorfpolizist, grobschlächtig und machtbesessen, der letztlich Opfer seiner eigenen kriminellen Triebe wird. Da ist Miles´ Vater, notorisch pleite und skrupelloser Dieb und dennoch einer der wichtigsten Menschen für seine Enkelin. Und nicht zuletzt die verbliebenen Familienmitglieder der Whitings, die noch immer massiven Einfluss auf die Geschehnisse in Empire Falls nehmen und deren Geschichte unglücklich mit der der Robys verwoben ist.

In Rückblenden beschreibt Russo die Schlüsselstellen in der Vergangenheit des Ortes, die bis in die Gegenwart hinein wirken. Kleine Entscheidungen, die jederzeit rückgängig zu machen schienen, manifestieren sich zu Grenzen, die der Protagonist nicht zu überschreiten in der Lage ist. Schuldgefühle, Lügen und Machtwille geben Wege vor, die nicht verlassen werden können. Russo zeichnet eine Art Schablone: das, was ist, umreißt das, was hätte sein können, Träume zerbrechen am Rand zur Realität. In den 750 Seiten dieses Romans entsteht eine atmosphärisch dichte Stimmung, die der Autor immer wieder mit leichter Ironie durchbricht. Die Aussichtslosigkeit erhält einen humoristischen Anstrich.

 

Auf den letzten siebzig Seiten spitzen sich die Ereignisse zu. Das, was harmlos, ruhig und unscheinbar erschien, führt zur Katastrophe. Ganz nebenbei zeigt Russo auf, dass das Alltägliche fragil ist, jederzeit erschüttert werden kann, dass scheinbar Sicheres von einem Moment auf den anderen unwiederbringlich verschwindet.

 

Der Roman in der Neuauflage des Dumont-Verlags ist gerade in seiner Länge ein „Roman-Gemälde“ einer Kleinstadt und ihrer ganz alltäglichen Einwohner. Er ist nie langweilig, die Figuren sind fein gezeichnet, die Übersetzung gut gelungen. Lediglich der „Showdown“ erscheint zu kurz geraten, zu wenig beschrieben in Relation zu der vorangegangenen Handlung. Wo eben noch ein Panorama gezeichnet wurde, erscheinen nur noch Blitzlichtaufnahmen. Dennoch: Eine klare Leseempfehlung!

 

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume

752 Seiten

Originalverlag: Alfred A. Knopf, New York 2001 , Originaltitel: Empire Falls
Erscheinungstag: 13.05.2016
ISBN 978-3-8321-9824-4

Übersetzung: Monika Köpfer

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Über Andrea Daniel 61 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.