26. Oktober 2020

Anna Gavalda: Ein geschenkter Tag

Mit dem Vorsatz dieses Buch zu rezensieren kam ich erst mal nicht weit….

Ich begann von vorn, um all diese Stellen wieder zu entdecken, wieder zu lachen und wieder mit dem Kloß im Hals meine Tränen kullern zu spüren…

Als eins von vier Geschwistern kamen mir viele Episoden bekannt vor – Geschwister sind etwas besonderes. Sie haben eine gemeinsame Geschichte, kennen sich besonders in besonderen Situationen. Auch wenn die Kontakte auseinanderdriften, die Verbindung bleibt.

Das ist jedenfalls bei Simon, Garance, Lola und Vincent so.

Bevor es zu dem geschenkten Tag kommt, holen Simon und Carine, seine fest im bürgerlichen Leben verankerte Frau mit Hygienefreude(fimmel) und mittelschwerem Standesdünkel, Garance, das Küken ab, um zur Hochzeit eines Cousins zu fahren.

Später steigt Lola zu, die Hochzeiten nach ihrer Scheidung noch nicht gut aushalten kann.

Garance als Erzählerin nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie erzählt von lustigen Streichen, erklärt die Geschwisterwelt, die die Trennung der Eltern aushalten musste und  von gemeinsamer Verarbeitung der

„vergangenen Liebschaften, zerrissenen Briefe, der Freunde am Telefon und denkwürdiger Nächte“ 

getragen war.

Bei der Hochzeitsgesellschaft angekommen, wird den drei Geschwistern klar, dass Vincent nicht dazukommen wird. Simon, der bisher die Laune seiner Carine ertragen hat, ist enttäuscht über Vincents Abwesenheit, also springt er über seinen großen Schatten (in Gestalt von Carine) und schlägt vor, von der Feier zu fliehen und Vincent zu besuchen.

Der geschenkte Tag beginnt.

Eigentlich durchsetzt mit den alltäglichen Erlebnissen und Gesprächen, die Geschwister so führen, wird der Tag für sie viel mehr:

Das Wiedererleben und der späte Abschied einer gemeinsamen Kindheit, das Eingewöhnen in das sich veränderte Erwachsensein, das Überwinden früher Kindheitserlebnisse…

Sie erleben eine Hochzeit auf dem Dorf, Musik und Tanz bei einem Roma – Fest und gemächliche Minuten miteinander.

Dieses „Einander“ wird von vielen Seiten beleuchtet und besprochen. Es ist rührend, mit welcher Zärtlichkeit, Robustheit und Lustigkeit Anna Gavalda ihre Garance die Geschichte ihrer Geschwister erzählen lässt.

Ein geschenkter Tag ist eigentlich ein Gestohlener – und das Buch ist ein Geschenk.

Schön!

Anna Gavalda: Ein geschenkter Tag

Hanser Verlag

Fester Einband
ISBN 978-3-446-23489-5
ePUB-Format
ISBN 978-3-446-23527-4

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Über Klaus Daniel 178 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.