27. November 2020

Helle Helle: Färseninsel

Nüchtern – Präzise – Intim

Sie wirkt zunächst wie eine Frau auf der Flucht – Die Frau, die einsam in der Kälte in der Bushaltestelle sitzt. Als John und Putte vorbeikommen, wissen sie, dass heute kein Bus mehr fahren wird und, dass in den nächsten Stunden ein Sturm über das Land zu toben beginnen wird.

Ganz unaufgeregt, geradezu spröde beginnt der Roman Färseninsel.

John und Putte leben mit dem Nötigsten. Sie arbeiten in Gelegenheitsjobs, wohnen weit ab in einem Sieben – Häuser – Dorf an der Dänischen Küste, Ihr Haus hat vier Räume und wird mit Briketts geheizt.

Ganz selbstverständlich nehmen sie die Frau, Bente, aus der Bushaltestelle mit in ihr Haus und in ihr Leben auf, teilen ihre Kleidung und ihre wenigen Lebensmittel mit ihr. Sie gewähren ihr Einblicke in ihr Leben und die kleinen Rituale des täglichen Lebens.

Bente, die Erzählerin des Buches, beobachtet das Leben mit John und Putte und gibt ihre Beobachtungen sehr detailgetreu und ohne schnörkel wider. Über ihr eigenes Leben, vor dem sie geflüchtet ist, erfährt die Leserschaft kleine Puzzlestücke, die erst im Laufe eines ganzen Buches das Bild ergeben, das aber doch immer lakonisch, zunächst emotional unterzeichnet wenig von der Gefühlswelt Bentes offenbart.

Das einsame Leben bei John und Putte wird immer weiter offenbart als ein Leben in Gemeinschaft: John und Putte betreuen die Hunde von Puttes Onkel, der im Krankenhaus ist, sie schützen die alte Nachbarin, die beim Stromausfall zu erfrieren droht. Puttes Bruder hilft Bente, als John und Putte sie für eine Weile alleine lassen müssen. Und Bente nutzt die Gelegenheit um Verantwortung zu übernehmen – für die Hunde, die Nachbarn und vielleicht auch wieder für ihre eigene Geschichte.

Diese Gemeinschaft wirkt ohne viele Worte mit eingespielten Verhaltensweisen und immer völlig unaufgeregt. Durch Bente erhalten die Lesenden ganz intime Einblicke in das Zusammenleben von Putte und John, das von innen zu wärmen scheint.

Beim Lesen der „Färseninsel“ stellen sich viele Fragen, die im Konkreten oft nicht beantwortet werden. Die unsentimental, fast steril wirkende Erzählweise offenbart tatsächlich im Sinne des „geschriebenen Wortes“ die tiefe Wärme, mit der sich die Menschen in dem kleinen Ort begegnen und füreinander sorgen.

Die Autorin

Helle Helle ist Jahrgang 1965. Ihr Erstling erschien 1993: „Beispiele von Leben“. Es folgten u. a. die Romane „Die Vorstellung von einem unkomplizierten Leben mit einem Mann“ (2002, dt. 2012), „Rødby – Puttgarden“ (2005; dt: 2010), „Dette burde skrives i nutid“ (2011) und zuletzt „Hvis det er“ (2014). Für ihre Bücher wurde Helle Helle mehrfach ausgezeichnet. Helle Helle lebt mit ihrer Familie in Lynge bei Sorø. Sie ist eine der erfolreichsten dänischen Autorinnen; in ihrem Heimatland sind ihre Bücher Bestseller.

 

Helle Helle: Färseninsel

Dördelmann

ISBN 9783038200147

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Über Klaus Daniel 178 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.