3. Juli 2020

Kathleen Winter: Eisgesang

Kathleen Winter, britisch – kanadische Autorin, wurde eingeladen, eine Reise durch die Nordwest Passage als Journalistin zu begleiten. Die Reise führte Winter nicht nur durch die spektakuläre Landschaft des kanadisch – arktischen Archipels, sondern auch zu sich selbst.

Die Nordwestpassage

Seit dem 16. Jahrhundert versuchten Seefahrer  (vorläufig vergeblich) vom amerikanischen Kontinent durch eine Nordwestpassage vom atlantischen zum pazifischen Ozean zu gelangen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Idee zunehmend verworfen. Als James Cook 1778 mit seinem Versuch scheiterte, von der Beringstraße den Atlantischen Ozean zu erreichen, wurde die Nordwestdurchfahrt für unmöglich gehalten (wieder vorläufig).
Nachdem im Laufe der Jahrhunderte weitere Kenntnisse über die Arktis gewonnen wurden, schien zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Durchquerung der Nordwestpassage doch wieder möglich, was mehrere scheiternde Expeditionen zur Folge hatte.

Eine Katastrophe wurde eine Expedition, die unter John Franklin im Jahr 1845 gestartet wurde. Alle Teilnehmer, Franklin eingeschlossen, starben. Diese Expedition kratzte sehr am kanadischen Nationalstolz.
Erst 60 Jahre später gelang es dem Norweger Roald Amundsen, die Nordwestpassage zu finden. Die Durchquerung dauerte von 1903 bis 1905. Amundsen stieß  auf seiner Reise auf Spuren der erfolglosen Expedition von John Franklin.

Einen besonderen Wert für regelmäßiges Reisen zwischen Grönland und Kanada hatte die Entdeckung der Nordwestpassage nicht. Für Schiffe mit mehr als einem Meter Kieltiefe wurde es erst in unseren Tagen möglich, an einigen Tagen im Jahr die Passage zu fahren.

Kathleen Winter

In England geboren, musste Kathleen Winter als Kind mit den Eltern nach Neufundland und Labrador ziehen, um die Lebenswünsche des Vaters zu verwirklichen. Sie fühlte sich nie richtig heimisch in Kanada, erlebte sich lange innerlich zerrissen und heimatlos. Dies manifestierte sich in einer Ehe, die nur von Bestand blieb, weil Winter ihren ehemaligen Ehemann, der tödlich erkrankt war, mit der Krankheit nicht alleine lassen wollte.

Die Reise

Winter berichtet von einer Reise auf einem Eisbrecher von Grönland durch die Nordwestpassage nach Kanada. Die Großgruppenreise wird von Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Fachgebiete und Erfahrungs – Wissenden begleitet, die ihre Kenntnisse über Flora, Fauna, Anthropologie der Anrainer und das Über – Leben in der Arktis großzügig mit den Reisenden teilen.

Die Nordwestpassage ist keine statische Durchfahrt. Die Fahrrinne verändert sich durch die Eismassen selbst und deren Einflüsse auf die Meeresgeografie beständig, so dass immer wieder die Route angepasst werden muss.

Winter findet schnell heraus, dass viele ihrer Mitreisenden die Nordwestpassage fahren, um ihr Leben neu auszurichten, oder „persönliche Tragödien und Veränderungen“ zu verarbeiten. Es entsteht in der Gruppe eine Atmosphäre wie in einer Pilgergruppe. Manche Mitreisende, so wie Winter, erkennen  Fragestellungen an ihr Leben und sich selbst und kommen zu manchmal überraschenden Antworten.

Kathleen Winter wird die Reise, ohne es geplant zu haben, zur Reflexion, Bewältigung und Stärkung nutzen. Dabei hilft ihr die Bekanntschaft mit den Wissenden, die diese Reise begleiten. Unter ihnen befinden sich Nathan Rogers, der Sohn des Folkmusikers Stan Rogers, dessen Lied „Northwest Passage“ (eine Hommage an die Passage und eine kanadische Hymne) die Sehnsüchte der Passagefahrer*innen befeuert. Nathan unterhält und unterweist die Reisenden mit kanadischer Folklore und kritischen Betrachtungen zur politischen Situation der kanadischen Arktis.

Wesentlich sind Reisende, die kleine oder größere Anstöße geben. Besondere Nähe entwickelt Winter zu der Inuit Bernadette Dean und der Inuk Aaju Peter, die beide aus eigenen Perspektiven Klarheiten schaffen über den oft unmenschlichen Umgang mit den Ureinwohnern Kanadas: Die Folgen von Zwangsumsiedlungen sind verantwortlich für kulturelle Entwurzelung, Armut und Abhängigkeiten. Mich erstaunte insbesondere, dass die kanadische Regierung, die ich als liberal und, einfach ausgedrückt, menschenfreundlich eingestuft hatte, auch heute nichts unternimmt, um die Situation der Inuit nachhaltig zu verbessern.

Winters Buch ist in vielen Facetten sehr emotional. Bewegend wirkt, dass die Menschen, die sehen und darunter leiden, wie aktuell noch immer kolonialistisch und diskriminierend Menschen mit ihnen und ihren Angehörigen umgehen, nicht mit eigenem Rassismus antworten:

„Das wurde von einer weißen Frau gefertigt … aber Kunst hat keine Farbe“

Winter gewährt viele Einblicke, vor allem in ihre eigene Geschichte. Sie erklärt ihre unglückliche Kindheit, das Gefühl von Zerrissenheit und des nicht in Kanada angekommen Seins. Interessant wirkt, dass ihre eigenen Erfahrungen durch die Reise in einen vergleichbaren Zusammenhang mit der Geschichte vieler Menschen in der Arktis, die ebenfalls gegen ihren Willen umgesiedelt wurden, gerät.

Die Entwurzelung von Menschen wird in vielen Teilgeschichten verbindendes Element für unterschiedliche Lebensgeschichten:

„Als ich Verwandte  .. besucht habe, haben die gesagt, ich gehöre nicht mehr zu ihnen.“

Dennoch erlebt Winter die Reise als Ereignis, das Mut macht. Sie erfährt von Lebensstrategien, sie erlebt Zugehörigkeiten und Gemeinsamkeiten als neue Fundamente, auf deren Grundlage sie ihr Selbstbild korrigiert. In ihrer neuen Selbstwahrnehmung beginnt sie zu verinnerlichen, dass sie in sich zu Hause sein muss, um an einem äußerlichen Ort ankommen zu können.

Zu dieser Erkenntnis führen sie viele Begegnungen und Gespräche.

Den Hintergrund ihrer Reisegeschichte koloriert Winter mit unterschiedlichen thematischen Bezügen: Sie klärt über die politische Situation der Inuk sowie der Inuit auf, erklärt die historischen Umstände der arktischen Grenzverläufe. Die Lebensgeschichten ihr wichtiger Reisegefährten werden ebenso geteilt wie die historischer Persönlichkeiten der Nordwestpassage.

Eisgesang

Um die Nordwestpassage dreht sich zwar der Zweck der Reise, die tatsächliche Reise machen die Menschen auf dem Schiff mit sich und ihrer menschlichen wie nicht menschlichen Umgebung.

Ich hatte eben wegen der Schiffsreise einen anderen Reisebericht erwartet als ich zu lesen bekommen habe. Viele Anteile dessen enthält das Buch: wunderbare Naturbeschreibungen, bewegende Erlebnisse in der Gemeinschaft, Überblicke über Naturwissenschaftliche Phänomene: Die Menschen sind unterwegs, auch

„um Natur zu belauschen.“

Kathleen Winter geht aber viel weiter. Sie öffnet sich und teilt intensive Erfahrungen mit den Lesenden, die sie zum Mitfühlen auffordern. Das Buch von Kathleen Winter bietet viele Anlässe zur Selbstreflexion im Bezug zu sich selbst und zu den unterschiedlich zusammengesetzten Umwelten, mit denen ich als Lesender interagiere oder von denen ich umgeben bin.

Diese große Offenheit hat mich sehr begeistert und manche Schilderung sehr fasziniert. Die Reise war für Kathleen Winter in jeglicher Hinsicht ein kategoriales Erlebnis, das sie sehr lesenswert aufbereitet hat.

 

Kathleen Winter

Eisgesang

Meine Reise durch die Nordwestpassage

BTB Verlag

ISBN: 978-3-442-75454-0

 

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Über Klaus Daniel 178 Artikel
Aufgewachsen bin ich mit Karl May. Tom Sawyer war ein Held meiner Kindheit. In Onkel Toms Hütte wollte ich einmal leben. Mein Hund sollte Jerry heißen. Ohne zu Lesen geht es nicht. Dabei ist kein Genre ausgeschlossen. Ich liebe Geschichten mit Happy End.