28. November 2020

Leben unter Büchern

Bücher sind lebendige Wesen?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Bücher lebendige Wesen sind. Zumindest bei uns expandieren sie und finden Lücken und Spalten, in denen sie sich ausbreiten. Als wir unser Häuschen bezogen, war unser Dachzimmer eine Rumpelkammer. Aus sehr pragmatischen Gründen fanden unsere Bücher dort ihre Heimat – es war einfach genug Platz vorhanden. Aber nebenbei stand dort noch alles herum, was woanders im Wege stand: Umzugskartons, alte Ordner, Altkleidersäcke, überflüssige Möbel. Sogar unsere Meerschweinchen haben dort überwintert, denn zum damaligen Zeitpunkt hatte unser Kater Meffi noch Sorge, die steile Treppe unter´s Dach zu erklimmen.

Langsam äK640_20160426_163332nderte sich das Bild: Das durch die vielen Fenster einfallende Licht lud dazu ein, dass Klaus sein kleines Atelier im Dachzimmer unterbrachte, und auch unsere Musikinstrumente hielten dort Einzug. Nach und nach gesellte sich immer mehr dazu: eine kleine Couch, Matratzen für eine Liegewiese, ein Globus und eine Weltkarte und natürlich immer mehr Bücherregale, denn unsere Bücher vermehrten sich ständig. Zunehmend wirkte dieses Zimmer wie ein „Wohnzelt“, und es war herrlich gemütlich, bei Kerzenschein zu lesen, während der Wintersturm ums Dach fegte oder der Regen prasselte. Immer mal wieder haben wir auf der Liegewiese auch übernachtet. Und so war es wohl eine natürliche Entwicklung, dass wir im Sommer 2014 Nägel mit Köpfen machten und unsere Schlafstatt unter das Dach verlegten. Aus der Liegewiese wurde ein großes Bett mit Baldachin. Und bei Meffi wurde irgendwann die Neugierde stärker als die Sorge vor der steilen Treppe, sodass auch er in gewohnter Manier seinen Schlaf mit uns teilte.
Auch das größte Zimmer hat begrenzte Kapazitäten. Unsere sich ausbreitende Büchermenge verlangte also immer mehr nach kreativen Lösungen für ihre Unterbringung. Einige Möbelstücke wurden gegen Regale ausgetauscht und gleichzeitig entwickelte Klaus einige Ideen, wo diese noch Platz finden können. So kam es, dass nicht nur die bis an die Decke reichenden Regale inzwischen gut gefüllt sind, sondern dass Klaus alle handwerklichen Fähigkeiten zum Einsatz brachte und an mehreren Winkeln und Ecken weitere Standorte erbaute. Unsere neueste Errungenschaft ist somit eine Konstruktion, durch die unser Bett quasi von Büchern eingerahmt wird. Und irgendwie entspricht das auch unserem Gefühl „Wir leben unter Büchern“. Wie gute Freunde haben sie sich einen Platz bei uns erobert und tun dies noch weiterhin. Wenn ich mich in diesem Zimmer umschaue, habe ich das Gefühl, in weite Welten zu blicken. Jedes Buch beinhaltet einen geistigen Ausflug in eine andere Erlebenswelt, in das Leben und Denken und Fühlen anderer Menschen, jede Geschichte erzählt vom Unbekannten und manchmal auch von sehr Vertrautem. Als Klaus mich fragte, ob ich nicht meine Lieblingsbücher zusammen in ein Regal stellen wolle, war mir sofort klar, dass das nicht geht. Gute Bücher sind Freunde, und die haben wiederum ihrerseits Freunde. Die wären einsam, wenn man ihnen ihren guten Freund wegnehmen würde, nur um sie besonders zu präsentieren.

Auch Bücher bilden „Biotope“, die immer in Entwicklung sind. In den vergangenen Jahren haben sich immer wieder unterschiedliche Konstellationen gebildet, wir haben die Bücher umgeräumt und neu zusammen gestellt. Das ist aber ein lebendiger Prozess, der nicht nach äußeren Gesichtspunkten geordnet werden kann – es muss sich entwickeln. Letztes Jahr haben wir im Sprengelmuseum Hannover den „Merzbau“ von Kurt Schwitters mit großer Begeisterung besichtigt. Schwitters hat den Raum über Jahre hinweg neu gestaltet und verändert und dabei sehr fantastische Ausformungen entwickelt. Seine Kreativität ist spürbar. Manchmal denke ich, dass unser Bücher-Dachzimmer ein ähnliches Projekt ist, es ist organisch immer wieder in Veränderung und in Bewegung.

Hier am Montagmorgen vom viel zu frühen Wecker aus den Schlaf gerissen zu werden ist auch nicht immer schön, aber die unmittelbare Nähe von wunderbaren Büchern macht es deutlich einfacher. Sogar bei Meffi erleben wir das: Immer mal wieder hören wir ein Schnurren hinter den Büchern, wo er zusammengekringelt einem Schläfchen frönt. Es ist ein spannender Ort: Er ermöglicht Reisen in alle Ecken des Vorstellungsvermögen und ist gleichzeitig Heimat und Ruhepunkt.

Teile diesen Beitrag.
Über Andrea Daniel 61 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.