14. Dezember 2019

Leonor de Recondo: Amours

Foto: Andrea Daniel

Anselme stößt Celeste auf die Matratze, jedes Mal dieselbe Geste, die sich auf den Bauch wirft, ihren Kopf ins Kissen taucht, der Haarschopf griffbereit. Schnell hebt er den Rock. Sie wehrt sich nicht, wehrt sich nicht mehr. Er packt den Dutt, zerrt fest am Haar. Dann richtet er sich ein, pflanzt sich zwischen ihre Schenkel und beginnt. Das Eisenbett quietscht. Weder Anselme noch Celeste hören das Klagen des Bettes, das die erzwungene Liebe erduldet. Das ist mühsam, immer wieder. Das dauert. Sie fragt sich, warum diese Momente so langsam vorbeigehen. Warum wird sie nicht ohnmächtig, damit sie nichts empfindet?

Einmal hat sie im Dienstbotenaufgang versucht, Huguette davon zu erzählen. Am ganzen Körper zitternd stammelt sie: „Monsieur de Boisvaillant…“

Huguette verstand sofort. Mehrmals sagte sie, dass sie schweigen solle.

„Sei still und komm bloß nicht auf die Idee, Madame davon zu erzählen!“

Anselme de Boisvaillant ist Witwer. Und was schwerwiegender ist: Bisher ohne einen Nachkommen. Aus diesem Grund sieht er sich zügig nach einer neuen Frau um, die ihm den ersehnten Nachwuchs schenken kann. Die junge, hübsche und hoffnungsfrohe Victoire ist beseelt, als er um ihre Hand anhält. Mit der Ehe verspricht sie sich endlich ein wahrhaftiges, ein blühendes, aufregendes Leben. Doch die beiden stehen sich unsicher gegenüber, unfähig, einander zu erkennen zu geben, wer sie sind. Am Anfang des 20. Jahrhunderts in der französischen Provinz sind sie in eine Prüderie hineingeboren, die Victoire völlig unvorbereitet und unwissend, was sie erwartet, in die Ehe gehen lässt. Auf ihre Frage hat ihre Mutter lediglich errötend und ausweichend geantwortet. Und so ist Victoire entsetzt, als sich Anselme ihr körperlich nähert. Ihr ist zutiefst zuwider, was mit ihr geschieht, und so verweigert sie sich immer häufiger. Der ersehnte Nachwuchs bleibt aus. Victoire sehnt sich nach einem Ausbruch aus dem „Goldenen Käfig“. Ihre erste Lektüre nach der Eheschließung ist der verrufene Roman „Madame Bovary“ von Flaubert, den sie verschlingt in ihrer Faszination über ein Leben, das sich über alle bürgerlichen Vorstellungen hinweg setzt (und der den Hauch einer Idee ihres eigenen Schicksals in sich trägt). Anselme wiederum lebt seine sexuellen Bedürfnisse an dem Hausmädchen Celeste aus. Es kommt, was unausweichlich erscheint: Celeste wird schwanger. Nach dem ersten Entsetzen sehen Anselme und Victoire darin ihre Chance: Das Hausmädchen wird versteckt, eine Schwangerschaft Victoires vorgetäuscht. Nach der Geburt des kleinen Adrien geben sie diesen als ihren gemeinsamen Sohn aus. Celeste ist zerrissen: mütterliche Gefühle binden sie an ihr Kind, das nicht das ihre sein darf. Und Victoire, die sich von der Mutterschaft die lang ersehnte Lebendigkeit erhofft, muss feststellen, dass keine Liebe zu dem Kind aufflammen will.

Das Kind jedoch bringt Celeste und Victoire zueinander. Zunächst zaghaft, später immer leidenschaftlicher, entdecken sie, welch aufregende Empfindungen ihre lesbische Sexualität ihnen bereitet. Sie verlieben sich ineinander. Eine hoffnungslose Liebe, in jeder Hinsicht. Und sie scheitert brutal.

 

Bild: Dörlemann Verlag

Leonor de Recondo schildert eine Gruppe von Menschen, die an den Konventionen ihrer Zeit zu zerbrechen droht. Unendlich schmerzhaft erscheint die Einsamkeit ihrer Figuren, alle voller Sehnsucht und dennoch unfähig und von den Vorstellungen ihres Umfelds daran gehindert, einander wirklich nahe zu kommen. Fast schon symbolisch erscheint es, wenn de Recondo beschreibt, wie Victoire mithilfe des Hausmädchens ihr Korsett geschnürt bekommt – und in diesem Korsett, das Celeste probehalber anlegt, um ihre Schwangerschaft zu verbergen, erblickt sie zum ersten Mal die Nacktheit des Mädchens und erlebt, welch heftige Gefühle dies in ihr auslöst. Monate später fährt sie mit Celeste nach Paris, um in der Anonymität der Großstadt einmal öffentlich ihre Gefühle zueinander zeigen zu können. Und dennoch wirkt hier schon hinein, dass sie den Konventionen und gesellschaftlichen Verpflichtungen nicht entkommt, als sie sich ein neues Kleid kauft und mithilfe von Celeste dieses anzieht, sich wieder in das Korsett einschnüren lässt. Celeste spürt dies, zieht sich zurück und ist doch schon längst ins Rutschen geraten.

Leonor de Recondo war eine international erfolgreiche Geigerin, bevor sie zu schreiben begann. „Amours“ ist ihr vierter Roman. Ihre schnörkellose, sehr zurückgenommene Sprache kommt leise daher, schafft jedoch eine Atmosphäre, die sich immer mehr verdichtet. Fast schnürt es dem Leser selbst die Luft ab, wenn er die Liebe der beiden jungen Frauen verfolgt, deren katastrophales Ende unausweichlich erscheint. Es macht atemlos zu erleben, wie isoliert die Protagonisten neben-, aber nicht miteinander leben, wie gesellschaftliche Vorstellungen und Herrendenken Berührung verunmöglichen. Selbst in ihrer tiefen Verzweiflung in Anbetracht der eigenen Beziehungslosigkeit gelingt es niemanden von ihnen, dies zu durchbrechen ohne daran zu zerbrechen. De Recondo zeigt, wie diese Muster über Generationen weitergereicht wurden, wie Scham Familien auseinander treibt und Verletzungen von Konventionen rigoros geahndet werden. Die Kirche verstärkt dies, vermittelt enge moralische Vorstellungen und droht mit schrecklichen, ewigen Strafen bei jeder Form der Abweichung.

 

Mich hat es berührt, wie scharf Leonor de Recondo diese gesellschaftlichen Verhältnisse umreißt und ihr Wirken aufzeigt – und dies so unaufgeregt, dass einem der Atem stockt. Sie lässt Bilder und Emotionen entstehen, die lange nachhallen. Unbedingt muss man dabei auch die Übersetzung durch Isabel Kupski erwähnen. Äußerst sensibel hat sie genau dieser Atmosphäre nachgespürt und ins Deutsche gebracht. Ich meinte selbst gespürt zu haben, wie nicht nur das Korsett, sondern die engen Vorstellungen der Rolle der Frau einengen und jede Form von Lebendigkeit unterdrücken. Tief zieht dieser Roman den Leser in die Handlung hinein.

 

Lesen!

Eine weitere Meinung findet sich bei Poesierausch.

 

Leonor de Recondo: Amours

Dörlemann Verlag

240 Seiten

ISBN 9783038200499 (Print)

ISBN 9783038209492 (ebook)

 

 

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Über Andrea Daniel 61 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.