23. Januar 2020

Martina Sahler: „Die Stadt des Zaren“

Wer heute nach St. Petersburg kommt, erlebt eine wunderschöne Stadt, die westlichen Flair verströmt. Ähnlich wie Amsterdam oder Venedig ist St. Petersburg von Kanälen durchzogen, an denen sich zahlreiche Prachtbauten reihen. Die Millionenstadt weist unzählige Sehenswürdigkeiten auf und zieht jedes Jahr Unmengen an Touristen an, v.a. zu den berühmten „Weißen Nächten“, wenn es in der Stadt kaum dunkel wird. Die berühmte Eremitage zählt zu den weltweit bedeutendsten Kunstmuseen. Nur wenige Gebäude, z.B. die Auferstehungskirche mit ihren bunten Zwiebeltürmen weisen typische Kennzeichen russischer Architektur auf.

Das ist durchaus gewollt, denn St. Petersburg ist eine Planstadt. Anfang des 18. Jahrhunderts war das heutige Stadtgebiet eine große Sumpflandschaft. Zwar schon als Landungsstelle genutzt, war die Region nur wenig besiedelt, denn die Newa, der große Strom, der die Ladogasee mit der Ostsee verbindet, brachte im Frühjahr häufig Überschwemmungen. Das Land war schwer zu kultivieren und die Handelswege noch wenig ausgeprägt. Zar Peter der Große wollte dies ändern und nach der Eroberung dieses Gebiets seinem Reich gleichzeitig einen Zugang zur Ostsee verschaffen. Er galt als gebildet und weltoffen, hatte zahlreiche Länder und Städte Europas besucht und war beseelt von dem Wunsch, eine strahlende Stadt, eine zukünftige neue Hauptstadt des russischen Reiches nach westlichem Vorbild an dieser Stelle zu errichten. Das Unterfangen war schwierig: nicht nur war das Gebiet problematisch, Russland befand sich auch im Krieg gegen Schweden. Peter der Große musste einerseits sein Reich verteidigen und den jüngst eroberten Zugang zur Ostsee sichern, andererseits mit großem Elan den Stadtbau vorantreiben. Denn sein Volk war noch lange nicht überzeugt, dass sich die zukünftige Stadt mitten im Sumpf als repräsentabler Wohnort erweisen oder sich als Handelsumschlagplatz lohnen würde. Und so übte Peter der Große Druck aus, zwang Adlige zur Übersiedlung in die Stadt, erließ Beschlüsse, um an Geld und Baumaterialien zu kommen und sicherte sich zahlreiche Leibeigene für die Arbeit am Stadtaufbau. Ebenso setzte er Kriegsgefangene für die oft schwierigen und gefährlichen Bauarbeiten ein.

Zu dieser Zeit lässt Martina Sahler, die bereits mehrere historische Romane veröffentlicht hat, die Handlung einsetzen. Sie verknüpft dabei historisch gesicherte Fakten mit fiktiven Geschehnissen, und lässt neben historischen Personen fiktive Figuren eine Rolle spielen. Die Protagonisten sind dabei gut gewählt: Martina Sahler lässt jede Bevölkerungsgruppe zu Wort kommen. Neben dem Zaren und seinem Gefolge finden sich Adlige, Handwerker, Architekten ebenso wie Kriegsgefangene und Leibeigene – nicht zuletzt ein kleinwüchsiger Narr, der mit innerer und äußerer Distanz das Geschehen beobachtet und treffend kommentiert. Sahler beschreibt die Arztfamilie Albrecht, die einst von Deutschland nach Moskau zog und nun mit ambivalenten Gefühlen nach St. Petersburg geht, um noch einmal völlig neu zu beginnen. Ihre Kinder könnten kaum unterschiedlicher sein: Gustav ist fasziniert von Schiffen, Paula, die intelligenteste der drei, eifert ihrem Vater nach und die schöne Helena erträumt sich einen feschen Ehemann, verliebt sich jedoch immer in Männer, die nicht in Frage kommen. Die Grafenfamilie Bogdanowitsch wiederum will sich so oft wie möglich im Dunstkreis des Zaren aufhalten, um Einfluss zu gewinnen, nicht zuletzt will die Gräfin ihre Tochter von ihm  erobern lassen. Das hat seinen Preis, denn Peter der Große instrumentalisiert diese Machtgelüste und sichert sich die Leibeigenen der Familie für die Bauarbeiten.

Während zahlreiche Russen noch lange nicht überzeugt waren von dem Bauvorhaben, strahlte die Vision des Zaren in Europa aus. Viele Menschen machten sich auf dem Weg in die zukünftige Hauptstadt, Glückssucher, aber auch Handwerker, wie die Tischler van der Linden aus Amsterdam oder Architekten wie die Brüder Matteo und Francesco die Gregorio aus Florenz, die mitwirken wollten an dem großen Bauvorhaben.

Geschickt verknüpft Martina Sahler die Geschichten ihrer Protagonisten miteinander. Klar und nachvollziehbar zeichnet sie Menschen, ihre Ambivalenzen, persönlichen Kämpfe und Konflikte. Es entsteht ein lebendiges und vielschichtiges Bild um die Hoffnungen und Schwierigkeiten der Menschen, die Peter dem Großen folgten und sich ein neues Leben in der wachsenden Stadt aufbauten. Lediglich zum Ende des Romans hin verdichtet Martina Sahler die Handlungen ein wenig zu sehr. Es hätte dem Roman gut getan, wenn sie hier etwas detaillierter die Geschehnisse geschildert hätte. Denn erzählen kann die Autorin, sodass man sicherlich auch weitere 50 Seiten gerne gelesen hätte.

Das Buch ist ein schöner Schmöker und unterhaltsam geschrieben. Was mir ein wenig gefehlt hat, ist jedoch ein vertiefender Einblick in die konkrete Umsetzung der großen Vision des Zaren. Gern hätte ich mehr davon gelesen, wie die Städteplanung vorgenommen wurde, wie die Zusammenarbeit der verschiedenen Zünfte organisiert wurde, welche Konflikte es auch hierbei gegeben hat. Auch die außenpolitischen Ereignisse – der Krieg mit Schweden, die wechselhaften Bündnisse, all das hatte große Auswirkungen auf das Bauvorhaben – geraten im Roman ein wenig zu kurz.

 

Dennoch, die Stadt des Zaren ist ein unterhaltsamer Roman: Ansprechend geschrieben und gut umgesetzt!

 

Martina Sahler: Die Stadt des Zaren

List Verlag

528 Seiten

ISBN-13 9783471351543

 

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Über Andrea Daniel 61 Artikel
Bibliophil, kunstaffin und reisebegeistert bloggt Andrea über Bücher, Bücherreisen und anderes.

2 Kommentare zu Martina Sahler: „Die Stadt des Zaren“

  1. Eine sehr ausgewogene, informative Rezension, die ich mit Begeisterung gelesen habe und sehr gern auf meinen Facebook-Seiten verlinke. Besten Dank dafür! Herzlichst, Martina Sahler

  2. Ich danke meinerseits! Schön, wenn eine Buchbesprechung nicht nur interessierte LeserInnen und den Verlag, sondern auch den/die AutorIn erreicht!

    Herzliche Grüße
    Andrea Daniel

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