17. Oktober 2019

Männerkram oder Mainstream? Hörbuch vs. Hörspiel

Das Lager der Hörbuchkonsumenten scheint geteilt. Entweder man mag Hörbücher, gelesen von einer Erzählerin oder einem Erzähler oder man fühlt sich Hörspielen verbunden, bei denen dialogisch von verschiedenen Sprechern vorgetragen wird. Ich finde gar nicht, dass es nötig ist sich zu entscheiden und möchte daher an dieser Stelle ein, bzw. zwei gute Beispiele für beide Varianten des Hörvergnügens vorstellen.

 

Männerkram? – Zwei etwas andere Hörbücher

Der Ankerherz-Verlag bezeichnet sich selbst als „der Verlag vom Meer“. Er legt Bücher und auch Hörbücher auf, die sich durch Männerromantik auszeichnen. Abenteuer rund ums Meer, von kantigen Typen, die ihre Geschichten erzählen. Ich habe für die Bücher mit Ankerherz ein totales Faible. Im Besonderen die Geschichten um die Krabben-Fangflotte in der Beringsee, einem Eismeer zwischen Alaska und Russland, faszinieren mich. Ja. Ich muss mich outen, ich bin so ein Typ, der sich ungepflegte Männer beim „Crabfishing“ (Krabbenfischen und auf gar keinen Fall darf man es „Angeln“ nennen)  auf hoher See im Fernsehen anschaut. Anschließend kaufe ich mir auch noch Bücher und sogar Hörbücher dazu.

Die beiden Hörbücher „Time Bandit“ und „Northwestern“ werden von bekannten Stimmen gelesen und das wirklich ziemlich klasse.

Henning Baum zeichnet sich verantwortlich für das Vortragen einer Geschichte über den Captain der „Time Bandit“. Hierbei handelt es sich um ein Krabbenfangschiff, welches sich durch, sagen wir mal, besondere Strukturen und Rituale auszeichnet. Zwei Brüder teilen sich das Kapitänsamt und während Jonathan ein wahrer Draufgänger ist, der einen eher anarchischen Lebensstil pflegt, lebt Andy in Idaho auf einer Pferdefarm, hunderte Meilen vom Meer entfernt. Es entspinnt sich eine nette Geschichte, teilweise etwas derb, nicht literarisch anspruchsvoll, aber eingängig und irgendwie romantisch.

Das Buch über ein norwegisches Brüdertrio auf dem Schiff „Northwestern“ wird von Axel Prahl gelesen. Ich finde diese Geschichte toll. Drei Brüder auf einem Schiff, die aus einem Viertel in Seattle stammen, welches vornehmlich von norwegischen Migranten bevölkert wird. Bereits Großvater und Vater fuhren auf der Beringsee, da gibt es jede Menge Seemannsgarn und  hochinteressante Geschichten. Selbst wenn die Geschichte nicht gut wäre, so sorgt alleine das Vorlesen und Intonieren von Axel Prahl für ein sensationelles Hörerlebnis; zum Glück ist die Geschichte gut, so ergibt sich ein doppeltes Vergnügen.

 

Mainstream-Fiction? – ein Hörspiel wie aus alten Zeiten, nur anders

In der Zeit von „Prime“, „Netflix“ und wie die ganzen Streaming-Dienste heißen, haben wir uns daran gewöhnt mit Fernsehserien überschwemmt zu werden, die bombastisch sind, teuer aussehen und einen einfachen Plot routiniert von A nach B abspielen. Funktioniert so etwas auch bei Hörspielen? Ich habe ein Hörspiel rausgesucht, welches von „Audible“ (quasi auch ein Streamingdienst) aufwendig produziert worden ist. Unter dem Titel „Monster 1983“ versteckt sich eine Geschichte, die im Jahre 1983 in „Harmony Bay“, einer fiktiven Stadt in Oregon spielt. Die gesamte Geschichte ist in drei Staffeln aufgeteilt, ein Begriff, der irgendwie auch an Fernsehserien erinnert, und umfasst ca. 35 Stunden.

Kann ich nun also empfehlen, sich die Geschichte über ein zunächst mal nicht greifbares Monster, welches sein Unwesen in einer verschlafen erscheinenden Kleinstadt im Staat Oregon treibt, anzuhören, wenn es so viele Parallelen zu unterhaltender „Massenware“ gibt? Die Antwort darauf muss „ja“ lauten, denn anders als bei TV-Produktionen ist das Hörspiel-Genre noch längst nicht ausgelutscht. Und so ist dieses Hörspiel für meinen Geschmack sehr innovativ.

Die Geschichte ist ansprechend, komplex und durch die vielen Charaktere mitunter unübersichtlich. Die Grundidee ist aufregend und die Rahmenbedingungen sorgen für funktionierende Spannungselemente. Ein in eine Schlucht gefahrenes Auto ohne Opfer, ein Gemälde von Füssli und ein Sheriff, der eigentlich der aufgeregten Großstadt entfliehen wollte, bilden die Eckpfeiler der Handlung. Ivar Leon Menger, der Autor, ist durchaus erfahren und hat bereits verschiedene Hörspiele „dirigiert“. Das merkt man am Ablauf, der passend ist und die Hörerin sowie den Hörer befähigt, der Geschichte zu folgen und aufmerksam zu bleiben. Man möchte wissen, wer es ist, der die Menschen in Harmony Bay auf so merkwürdige Art und Weise umbringt, ihnen im wahrsten Sinne die Atemluft absaugt.

Die Produktion des Hörspiels ist gigantisch! Vorbei sind die Zeiten, in denen zwei aufeinander geschlagene Kokosnüsse als Klangkulisse dienen mussten. Das Plätschern der Wellen im Hintergrund kann man hören, ebenso auf welchem Untergrund sich die Protagonisten bewegen. Als Sprecher sind nahezu ausschließlich bekannte Stimmen akquiriert worden. David Nathan ist dabei, Luise Helm sowie Joachim Tennstedt und viele andere.

Die einzige Einschränkung, die man bei der Beurteilung machen muss, besteht im Genre dieses Hörspiels. Wer mystische Geschichten wie beispielsweise in „Akte X“ nicht leiden kann und es übersichtlich und inhaltvoll bevorzugt, wird „Monster 1983“ nicht mögen. Alle anderen sollten es versuchen.

 

Mark Sundeen & Sig Hansen

„Northwestern – Eine norwegische Fischerfamilie. Ihre Saga“

Ankerherz

ISBN: 978-3-940138-24-8

 

Malcolm Macpherson & Andy und Jonathan Hillstrand

„Time Bandit – Zwei Brüder und die Beringsee“

Ankerherz

ISBN: 978-3-940138-20-0

 

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